15.04.2004

Massaker zweiter Klasse

Nach der Freilassung von britischen Guantánamo-Häftlingen kommen weitere Details zum Massaker ans Licht, das die Nordallianz im November 2001 an Gefangenen verübte.

Von Judith Huber

Jamie Doran, der irische Dokumentarfilmer, hatte bereits im Jahr 2002 über das Kriegsverbrechen der mit den USA verbündeten afghanischen Nordallianz berichtet. «Massaker in Masar» heisst sein Film, in dem Doran Zeugen davon erzählen lässt, wie die Nordallianz im November 2001 in Nordafghanistan mehrere tausend gefangene Taliban in Gruppen in Container zwang, auf die Container schoss und diese in die Wüste von Dascht e-Leili fuhr. Viele derjenigen, die nicht an den Schüssen starben, erstickten qualvoll und wurden in der Wüste verscharrt, so Doran. Der Film fand in den europäischen Medien eine gewisse Beachtung, das US-amerikanische Magazin «Newsweek» publizierte eine grosse Reportage über den «Todeskonvoi». Ansonsten griff in den USA kaum jemand das Thema auf. Gerichtsmediziner der Menschenrechtsorganisation «Physicians for Human Rights» (PHR) reisten zweimal nach Dascht e-Leili und untersuchten die Massengräber. Eine offizielle Untersuchung gab es jedoch nicht. Das Pentagon wies die Vorwürfe, wonach US-Soldaten bei dem Verbrechen anwesend waren, als «unbegründet» zurück.

Dann geriet das Geschehen wieder in Vergessenheit – bis Ende letzten Monats, als drei auf dem US-Stützpunkt im kubanischen Guantánamo festgehaltene Briten nach Hause zurückkehrten. Sie erzählten der Presse, wie sie die Höllenfahrt in den Containern überlebt hatten. Ihre Erzählung deckt sich mit den Enthüllungen von Doran. Asif Ikbal, Schafik Rasul und Ruhal Ahmed aus Tipton berichteten, wie sie von Nordallianz-Soldaten, die unter dem Kommando des Milizenchefs Abdulraschid Dostum standen, nach dem Fall der nordafghanischen Stadt Kundus zusammen mit tausenden Taliban-Kämpfern und deren Verbündeten gefangen genommen wurden. Die Kämpfer hatten sich ergeben – gegen das Versprechen, dass sie am Leben gelassen würden. An den Verhandlungen waren auch US-Amerikaner beteiligt.

Rasul schätzt die Zahl der bei Kundus Gefangenen auf rund 35 000, wie er der britischen Zeitung «The Observer» erzählte. Er spricht von «Reihen und Reihen von Gefangenen, so weit das Auge reichte». Nach der Gefangennahme mussten sie zwei Tage bis nach Schibergan marschieren. «Wir gingen durch Berge und die offene Wüste», so Rasul. «Da waren riesige Gruben voller Leichen. Wir dachten, das sei das Ende.»

Nach zwei Tagen gelangten die überlebenden Gefangenen beim Gefängnis von Schibergan an und wurden in Lastwagencontainer gesperrt – je etwa 300 pro Container. Fast sofort wurde die Luft knapp. Ikbal erzählt, dass er das Bewusstsein verlor. Als er aufwachte, lag er inmitten von Toten, von Blut und Urin. Er und die anderen zwei überlebten nur dank Luftlöchern, in die Container geschlagen von Maschinengewehrsalven, die viele der Gefangenen getötet hatten. «Als wir herauskamen, lebten in jedem Container noch etwa zwanzig.» Das Massaker habe in Anwesenheit von Angehörigen der US-Special-Forces stattgefunden.

Die Überlebenden wurden ins Gefängnis von Schibergan gebracht, wo prekäre Bedingungen herrschten. Erst ein Besuch des Roten Kreuzes brachte eine spürbare Verbesserung, insbesondere bei der Versorgung mit Wasser. Doch täglich starben Gefangene an Hunger und den erlittenen Verletzungen. Von den ursprünglich 35 000 Gefangenen, so schätzen die drei, lebten noch etwa 4500. Von ihrem Gefängnis aus sahen sie in einer Entfernung von fünfzig Metern US-Soldaten stehen. Als das Rote Kreuz ihnen versprach, Kontakt zur britischen Botschaft in Islamabad her­zustellen, hofften die drei auf Freilassung. Stattdessen wurden sie, offenbar im Einverständnis mit den britischen Behörden, den USA übergeben. Zuerst sassen sie wochenlang in einem Lager im südafghanischen Kandahar und dann über zwei Jahre in Guantánamo.
Die drei gehörten zu den Ersten, die in Guantánamo inhaftiert worden waren. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte diese ersten Gefangenen als tödliche Terroristen bezeichnet, die am «Versuch beteiligt waren, tausende von Amerikanern zu töten». Die drei seien im Jahr 2000 in einem Lager von al-Kaida trainiert worden, sagte noch nach ihrer Freilassung ein Sprecher der US-Botschaft in London. Ikbal, Rasul und Ahmed beteuern jedoch, dass dieses Geständnis nach Monaten der Einzelhaft und 200 Einzelverhören erpresst worden sei.

Das Kriegsverbrechen von Dascht e-Leili wirft Fragen auf. Warum wurde ihm so wenig Aufmerksamkeit zuteil? Wo bleiben die offizielle Untersuchung und der internationale Aufschrei, wie er beispielsweise auf Massaker im ehemaligen Jugoslawien (Srebrenica) oder im Irak (Halabdscha) folgte? Ein Verbrechen an Kriegsgefangenen in Afghanistan, das von Verbündeten der USA verübt wurde, ist offenbar ein Massaker zweiter Klasse.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch