06.02.2003

Wer foltert besser?

Ein britischer Lehrer wird in Islamabad verhaftet und taucht im CIA-Knast in der US-Basis in Kabul wieder auf.

Von Werner Scheurer

Er werde mit grellem Licht des Schlafs beraubt und habe Hunger. «Ich weiss immer noch nicht, was mit mir geschehen wird», schreibt Moazzam Begg an seine Familie daheim in Birmingham. Der 35-jährige Begg hat die Nachricht im Gefängnis in Afghanistan geschrieben, das Rote Kreuz hat sie überbracht. Das Lebenszeichen beruhigte die Familie nicht wirklich, zu spärlich waren Moazzams Angaben in der Rote-Kreuz-Botschaft. Diese Formulare unterliegen der Zensur durch die Haftbehörde, und das ist im Fall von Begg die US-Armee.

Er sitzt in der US-Militärbasis in Bagram ausserhalb von Kabul, wo im Innersten, getrennt von Militäreinheiten und normalem Gefängnis, Schiffscontainer als Zellen für angebliche Al-Kaida-Kämpfer und Taliban-Kommandeure dienen – laut Rotem Kreuz sind es derzeit 26. Ab und zu werden Gefangene von hier nach Guantànamo auf Kuba gebracht. Wie das dortige Lager geriet auch das Container-Camp in Bagram in die Schlagzeilen: Die Indizien häufen sich, dass die Insassen von US-Soldaten und CIA-AgentInnen gefoltert werden.

Die Tageszeitung «Washington Post» berichtete, dass bei nicht kooperativen Gefangenen Techniken angewendet würden wie stundenlanges Stehen- oder Knienlassen, Fesseln in unmöglichen, schmerzhaften Stellungen, Schlafentzug durch ununterbrochenes helles Licht oder das Abdecken der Augen mit schwarzen Brillen oder Kapuzen. Die Zeitung stützt sich auf Gespräche mit mehreren früheren Agenten und mit zehn derzeitigen US-Sicherheitsbeamten – darunter etlichen, die bei solcher Behandlung von Gefangenen anwesend waren. Den USA wurde vorgeworfen, sie würden Verdächtige – inzwischen rund hundert – an befreundete Geheimdienste wie jene Ägyptens, Jordaniens und Saudi-Arabiens übergeben, damit diese das Foltern übernehmen (siehe WoZ Nr. 13/02).

Nun stellt sich heraus, dass sie dies selber gut können: «Wer nicht von Zeit zu Zeit jemandes Menschenrechte verletzt, macht wohl seinen Job nicht richtig», sagte ein Beamter, der die Verhaftung und den Transport von Gefangenen überwachte, der «Washington Post». Zum Vorwurf, verwundeten Gefangenen würden schmerzlindernde Mittel verweigert, um sie zum Reden zu bringen, sagte ein Befragter trocken: «Schmerzkontrolle ist eine sehr subjektive Sache.» Alle interviewten Beamten hätten die Anwendung von Gewalt in Verhören als gerecht und nötig bezeichnet und seien davon überzeugt, dass die US-Öffentlichkeit diese Einschätzung teilen würde.

Grosse Öffentlichkeit für diese Praktiken gibt es jedoch nicht: Die CIA verweigert jeden Kommentar, der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates, Sean McCormack, will nicht über CIA-Belange Auskunft geben und wiederholte lediglich, dass alle «feindlichen Kämpfer» in den Händen der US-Regierung human und nach den Prinzipien der Genfer Konventionen behandelt würden. Ein paar Monate früher erklärte Cofer Black, der damalige Chef der CIA-Antiterrorismus-Einheit, vor der zuständigen Kommission von Senat und Repräsentantenhaus, dass die CIA «neue Formen der operativen Flexibilität» gefunden habe: «Es gibt ein 'vor dem 11. September' und ein 'nach dem 11. September' – nach dem 11. September wurden die Samthandschuhe ausgezogen.»

Davon könnte Moazzam Begg wohl viel erzählen. Begg, Inhaber eines pakistanischen und eines britischen Passes, reiste mit seiner Frau und drei kleinen Kindern erst im Jahr 2001 nach Afghanistan, um dort eine Schule zu gründen, erzählt sein Vater. Er schildert seinen Sohn als gläubigen Moslem, der weder an eine Organisation noch an eine bestimmte Moschee gebunden gewesen sei. Britische Sicherheitsquellen weisen dagegen auf Polizeirazzien in Beggs Wohnung hin: Die eine vor mehreren Jahren, bei der zweiten im letzten Sommer wurden ein Computer, fünf Floppy-Disks und zwei CD-ROM beschlagnahmt – ohne legale Folgen.

Als die US-Bombardierungen im November 2001 begannen, schloss Begg seine Schule in Kabul und zog mit seiner Familie in eine Wohnung nach Islamabad. Dort wurde er Anfang 2002 von zwei pakistanischen und zwei US-Agenten verhaftet. Es gelang ihm noch, seine Eltern mit dem Mobiltelefon aus dem Kofferraum des Autos anzurufen, das ihn entführte – doch die Verbindung wurde unterbrochen. Auf diese Weise alarmiert, erwirkte seine Familie einen Haftprüfungstermin vor einem pakistanischen Gericht, erhielt aber den Bescheid, Moazzam sei am 8. Februar 2002 in US-Gewahrsam übergeben worden. Er wurde von Islamabad nach Kandahar verschleppt. Erst durch Beggs Brief über das Rote Kreuz erfuhr die Familie, dass er nun in Kabul einsitzt.

Der britische Aussenminister Jack Straw hat seinen US-Kollegen Colin Powell mehrmals auf diesen Fall wie auf jene acht weiteren von den USA seit Monaten ohne Anklage festgehaltenen britischen Staatsbürger angesprochen. Ohne Erfolg.

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