11.10.2001

Sagt Nein

Von Jeff Paterson (Übersetzung: Lotta Suter)

Als Dienst habender Korporal der US-Marine wurde ich im August 1990 in den Nahen Osten beordert – der Golfkrieg stand unmittelbar bevor. Vier Jahre zuvor – ich dachte, ich wüsste mit meinem Leben nichts Besseres anzufangen – hatte ich mich in der Rekrutierungsstelle von Salinas in Kalifornien gemeldet und den Militärbeamten gesagt, sie sollten «mich dorthin schicken, wo ich am meisten gebraucht werde».

Junge Menschen haben schon immer nach dem Sinn des Lebens und nach der eigenen Zugehörigkeit gesucht. Heute, nach der grauenvollen Tragödie vom 11. September, hat diese Frage für Millionen von jungen Leuten noch an Bedeutung gewonnen.

Denn an diesem Tag hat ein wichtiger Konflikt die amerikanische Wirklichkeit erreicht. Tausende von Leben sind Freunden und Familien entrissen worden. Daraufhin schrie das Fernsehen «Rache» und «Amerika muss handeln».

Vielleicht dächte ich wie die jungen Menschen, die sich gegenwärtig in der Armee anheuern lassen, wenn ich nicht die vier Jahre im Marineinfanteriekorps zugebracht hätte. Die meiste Zeit übte meine Einheit den Kampf gegen Bauern, die es wagten, «amerikanischen Interessen» in ihrer Heimat entgegenzutreten – speziell in Nicaragua, El Salvador, Guatemala. Ich habe schreckliche Armut in den Philippinen gesehen, von der US-Regierung subventionierte Prostituiertenringe für die Truppen in Südkorea und ungehemmten Rassismus gegenüber der Bevölkerung von Okinawa und Japan.

Ich begann zu verstehen, warum Milliarden von Menschen auf dieser Welt die Vereinigten Staaten zutiefst hassen – vor allem ihre Kriegsmaschine, die verdeckten «Contra-Aktionen» und das System der ökonomischen Globalisierung, das Hoffnung durch einen Zwölfstundentag im «Sweatshop», der Billiglohnbude, ersetzt, wo «Designed in the USA»-Exportwaren produziert werden.

Mit dieser Wirklichkeit konfrontiert, habe ich den Prozess der persönlichen Ent-Amerikanisierung begonnen – was bedeutet, dass die Bedürfnisse aller Menschen dieser Welt mehr Gewicht bekamen als mein Eigennutz.

Als die USA den Golfkrieg begannen, wurde mir klar, dass die Welt nicht noch eine US-Truppe braucht. Ich fand, dass ich mehr gemeinsam hatte mit den Leuten im Nahen Osten als mit denen, die mir befahlen, sie umzubringen. Die Versicherung meines Kommandanten – «wenn irgendetwas schief geht, werden wir die Lumpenhunde drannehmen, bis nichts mehr von ihnen übrig bleibt» – war alles andere als beruhigend.

In dieser Situation machte ich publik, dass ich keine Schachfigur in Amerikas Machtspielen um Profite, Öl und die Herrschaft über den Nahen Osten sein wollte. Ich kündigte an, ich würde den Einsatz verweigern und, falls ich trotzdem in die saudische Wüste geschleppt würde, keinesfalls kämpfen. Einige Wochen später setzte ich mich auf die Landebahn, als hunderte von Marines – mit mehreren von ihnen hatte ich während Jahren zusammengelebt – an mir vorbeieilten und ins Flugzeug nach Saudiarabien stiegen. Ich bekämpfte den Golfkrieg von einem Militärknast aus. Nachdem der weltweite Antikriegsprotest mich freibekommen hatte, machten wir auf der Strasse weiter.

Doch gelang es uns nicht, den Krieg zu stoppen. Seit 1990 sind über 1,5 Millionen Irakis gestorben – die wenigsten an den andauernden massiven Bombardierungen durch die USA, die meisten als Nebenfolge eines Jahrzehnts von ökonomischen Sanktionen. Noch vor kurzem erklärte das US-Aussenministerium kaltschnäuzig, dass diese irakischen Toten die Sache, also das Erreichen strategischer Ziele in der Region «wert sind». Und heute verlangt die US-Regierung von der Welt, sie solle mit Amerika um seine Verluste trauern, während wir AmerikanerInnen unsererseits dazu angehalten sind, das Leiden, das diese Nation produziert, zu ignorieren.

Man braucht nicht Pazifist, Kommunistin, Quäker oder Humanistin zu sein, um sich diesem Krieg zu widersetzen. Es hilft jedoch, InternationalistIn zu sein – zu begreifen, dass unser aller Zukunft untrennbar mit dem Geschick der Mehrheit der Menschen verknüpft ist und nicht mit denen, welche diese schreckliche Gelegenheit nutzen, um einen Krieg zu führen. Ihr Frauen und Männer, die jetzt in Uniform steckt – ihr habt eine Wahl. Stillhalten ist das, was die höheren Ränge von euch erwarten, aber die Menschheit braucht mehr. Denkt. Sagt laut, was ihr denkt. Und wenn ihr den Widerstand wählt – es gibt hunderttausende, die euch unterstützen werden. Viele von ihnen gehen bereits auf die Strasse gegen diesen Krieg.

Wie schon sein Vater hat auch Bush Jr. die Trennlinie in den Sand gezeichnet: «Entweder ihr seid mit uns, oder ihr seid mit den Terroristen.» Einfach gesagt, macht sich jetzt die Führung der USA an die unerledigten Punkte ihrer neuen Weltordnung. Während wir noch trauern, kündigen sie bereits an, «die normalen Regeln gelten nicht mehr» (was heisst: Jetzt ist die Zeit gekommen, um abzurechnen) und «die Nation ist geeint, wir haben einen Blankoscheck für unser Handeln» (was heisst: Abweichende Meinungen werden ignoriert oder unterdrückt, je nach Bedarf). Weniger denn je sind die Leute auf dieser Welt vor den USA sicher, und die Menschen in den USA selber sind vor den USA nicht sicher.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch