20.09.2001

Das alte Kondom

Ironie der Geschichte: Jetzt sind die USA auf ein Land angewiesen, das sie abgeschrieben hatten.

Von Tariq Ali

Vor einigen Jahren habe ich auf einer Reise durch Pakistan mit einem ehemaligen General über die militanten islamistischen Gruppen gesprochen. Warum, wollte ich von ihm wissen, sind diese Leute, die während des gesamten Kalten Krieges freudestrahlend US-Gelder und US-Waffen akzeptieren, jetzt und quasi über Nacht so gewalttätig antiamerikanisch eingestellt? Sie seien nicht allein, antwortete der Exgeneral. Auch viele pakistanische Offiziere, die den USA ab 1951 loyal dienten, fühlten sich durch Washingtons Gleichgültigkeit seit Ende des Kalten Krieges gedemütigt. «Pakistan war einst das Kondom, das die Amerikaner brauchten, um in Afghanistan einzudringen», sagte er. «Wir haben unseren Zweck erfüllt, und die glauben, sie könnten uns einfach durch die Toilette spülen.»

Jetzt fischen sie das alte Kondom wieder heraus und wollen es erneut benutzen. Aber geht das auch? Die neue «Koalition gegen den Terrorismus» braucht die Hilfe der pakistanischen Armee. Doch der pakistanische Staatschef General Pervez Muscharraf muss sich vorsehen. Ein voreiliges Einschwenken auf die Linie der USA könnte die pakistanische Armee spalten und zu einem Bürgerkrieg in Pakistan führen. Schliesslich hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten viel verändert, und nicht nur das – auch die Ironie der Geschichte vervielfältigt sich in einem fort.
In Pakistan hat der Islamismus seine Stärke nämlich weniger einer Unterstützung durch die Bevölkerung als seiner Förderung durch den Staat zu verdanken. Der Aufstieg des religiösen Fundamentalismus ist eine Erbschaft des früheren Militärdiktators General Zia ul-Haq, der während seiner gesamten elfjährigen Diktatur durchweg von Washington und London unterstützt wurde. Denn im Laufe seiner Herrschaft (1977–1989) entstand im ganzen Land ein Netz von Madrassas, religiösen Internaten, das vom Saudi-Regime finanziert wurde.

Den Kindern, die später nach Afghanistan geschickt wurden, um dort als Mudschahedin zu kämpfen, wurde gelehrt, keinerlei Zweifel aufkommen zu lassen: Die einzige Wahrheit ist die göttliche Wahrheit, wer dem Imam nicht gehorcht, rebelliert auch gegen Allah.

Der einzige Sieg

Die 2500 Madrassas haben insgesamt etwa 225 000 Fanatiker herangebildet, die jederzeit bereit sind, für ihren Glauben zu töten und zu sterben, wenn dies ihr Führer verlangt. Von der pakistanischen Armee über die Grenze geschickt, wurden sie dort in einen Kampf geworfen gegen andere Muslime, die aber – so wurde ihnen gesagt – keine wahren Muslime seien. Das Glaubensbekenntnis der Taliban ist eine ultrasektiererische Variante, die von den Wahhabiten, die Saudi-Arabien beherrschen, inspiriert wird. Die Rigorosität der afghanischen Mullahs wurde von der sunnitischen Geistlichkeit der al-Ashar-Universität in Kairo und schiitischen Theologen im iranischen Qom als eine Schande für den Propheten bezeichnet.
Mit religiösem Eifer allein hätten die Taliban Kabul aber nicht erobern können. Sie wurden von Pakistan bewaffnet und von «Freiwilligen» der pakistanischen Armee angeführt.

Wenn Islamabad den Stecker zieht, könnten die Taliban – wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten – vertrieben werden. Der Sieg in Kabul war immerhin der einzige Triumph, den die pakistanische Armee je verbuchen konnte. Zbigniew Brezinski, früher Sicherheitsberater unter US-Präsident Jimmy Carter, ist auch weiterhin überzeugt, das Richtige getan zu haben: «Was ist welthistorisch wichtiger gewesen?», fragt er. «Die Taliban oder der Sturz des sowjetischen Imperiums? Ein paar aufgeregte Mullahs oder die Befreiung von Mitteleuropa und das Ende des Kalten Krieges?»

Wenn schon Hollywoods Regeln nach einem kurzen, harten Krieg gegen den neuen Feind verlangen, ist der US-amerikanische Cäsar gut beraten, nicht auf die pakistanischen Legionen zu setzen. Die Konsequenzen könnten furchtbar sein – ein böser Bürgerkrieg, der zu noch mehr Verbitterung führt und zu noch mehr Anschlägen ermuntert. Die Regierung in Islamabad wird jedenfalls alles tun, um eine militärische Invasion in Afghanistan zu verhindern – schon weil dort viele pakistanische Soldaten, Piloten und Offiziere stationiert sind. Welche Befehle haben sie, und werden sie ihnen auch gehorchen? Im Augenblick scheint es wahrscheinlicher, dass Usama Bin Laden im Interesse der grossen Sache geopfert und tot oder lebendig seinen früheren Arbeitgebern in Washington ausgehändigt wird. Aber wird das reichen?

Die Doppelmoral

Die einzige Lösung, die jetzt hilft, ist eine politische Lösung, die die Ursachen beseitigt. Verzweiflung führt zu Fanatismus, und Verzweiflung wurde erzeugt von Washingtons Politik im Nahen Osten und anderswo. Vertreter der herrschenden Sittenlehre sehen das freilich anders. «Wir müssen uns an die Vorstellung von zweierlei Mass gewöhnen», schrieb Robert Cooper, Tony Blairs persönlicher Berater in aussenpolitischen Angelegenheiten, recht unverblümt. Der Grundsatz lautet also: Wir bestrafen die Verbrechen unserer Feinde und belohnen die Verbrechen unserer Freunde. Ist das nicht wenigstens besser als generelle Straffreiheit?

Die Antwort darauf ist einfach: Eine solche Art «Bestrafung» verringert nicht die Kriminalität, sondern verstärkt sie. Der Golfkrieg und die Balkankriege sind Lehrbeispiele für die Blankoscheck-Politik der selektiven Wachsamkeit. Israel kann straflos gegen Uno-Resolutionen verstossen, Indien kann Kaschmir tyrannisieren, Russland kann Grosny zerstören – aber der Irak wird bestraft und die PalästinenserInnen leiden weiter.
Coopers Ratschlag «an postmoderne Staaten: Akzeptiert, dass vormoderne Interventionen unausweichlich sind. Solche Interventionen lösen zwar vielleicht keine Probleme, aber sie beruhigen das Gewissen. Und es geht einem deswegen nicht notwendigerweise schlechter.» Er sollte vielleicht versuchen, dies den Überlebenden von New York und Washington zu erklären.

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