04.11.2004

Verdrängter Machtkampf

Nach der ersten Amtszeit von George Bush ist das kulturelle Amerika pessimistisch, das kann man im neuen Roman von Philip Roth, «The Plot Against America», wie auch in dem Film «The Manchurian Candidate» von Jonathan Demme beobachten.

Von Bert Rebhandl

«Furcht regiert diese Erinnerungen»: Der erste Satz in «The Plot Against America», dem Roman von Philip Roth, wirkt wie eine Inschrift über die Amtszeit von George Bush. Seine Kampagne der Angst und seine kriegerische Politik beschäftigen das kulturelle Amerika in einer Weise, die zwischen intellektueller Mobilisierung und apokalyptischer Warnung alle Register zieht.

Auf dem Feld der Literatur sticht Roth mit einer kühnen historischen Fiktion aus den frühen vierziger Jahren hervor: «The Plot Against America» erzählt davon, dass 1940 nicht der Demokrat Franklin D. Roosevelt die Wahl gewinnt, sondern Charles A. Lindbergh, der seine Popularität aus dem ersten Transatlantikflug und seine Ablehnung eines Engagements der USA im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland in einen Erdrutschsieg ummünzt. In den drei Jahren einer turbulenten Innenpolitik, auf die ein jüdischer Junge namens Philip Roth zurückblickt, wird Amerika ein faschistisches Land. Bei einem Gipfeltreffen zwischen Lindbergh und Adolf Hitler in Island wird die künftige Aufteilung der Welt zwischen den USA und einem weit nach Osten expandierenden Grossdeutschland besprochen. Die gemeinsame Invasion in Lateinamerika behält man sich für später vor. 1942 beginnt unter dem harmlosen Titel Homestead 42 die Umsiedlung der jüdischen Bevölkerung in Amerika. Der Radiomoderator Walter Winchell, der als Einziger die Politik der Lindbergh-Regierung konsequent kritisiert, wird trotz hohen Einschaltquoten entlassen – und ernennt sich daraufhin gleich zum nächsten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten.

Die traurigste Aussage über die USA

Es ist eine verkehrte Welt, die Roth entwirft. Sie ist keineswegs direkt auf die Gegenwart übertragbar, und doch sind die Begriffe (immer wieder geht es um das «homeland») und Konstellationen (eine Politik des internationalen Engagements gegen eine des ignoranten Ressentiments) deutlich mit Bezug auf die Zeit seit dem 11. September 2001 gewählt. Entscheidend aber ist, dass Roth einer gespaltenenen Nation wenige Wochen vor der Wahl eine historische Option vor Augen führt, die selbst der radikalen Rechten unangenehm sein muss: den Faschismus.

Es schien, als hätte das liberale Lager nur darauf gewartet, dass jemand den Begriff in die Debatte wirft. Es war Norman Mailer, der ihn in einem Essay für die «New York Review of Books» wieder aufgriff: «Das Traurigste, was man derzeit über die USA sagen muss, ist, dass wir die Katastrophe erwarten. Wie können wir da nicht auf jemand setzen, der uns erzählt, dass wir gut und rein sind und dass er uns Sicherheit bringen wird? Wir schleichen uns an den Faschismus ran – und es kann tatsächlich so weit kommen, wenn eine grössere Depression sich breit macht oder eine Reihe schmutziger Bombenattentate stattfinden.» Der Begriff Faschismus bleibt in diesen Szenarien inhaltlich allerdings noch weitgehend undefiniert. In dem Roman «The Plot Against America» wird die Konstante der amerikanischen Demokratie, der Vierjahresturnus der Wahlen, nicht ausgesetzt. Im Gegenteil gönnt sich Roth die Andeutung, dass Eleanor Roosevelt nach ihrem Mann selbst für das höchste Amt kandidieren könnte – ein spekulativer Vorgriff auf 2008, auf einen immerhin zum Zeitpunkt der Abfassung des Buchs nicht völlig undenkbaren Wahlkampf zwischen George Bush, der sich als «Kriegspräsident» wie einst Roosevelt über die Beschränkung auf zwei Amtszeiten hinwegsetzen könnte, und Hillary Clinton.

Unerklärter Ausnahmezustand

Das Komplott gegen Amerika benötigt bei Roth seine Zeit: Erst nach einer dramatischen Zuspitzung der Ereignisse kommt es zu einem Ausnahmezustand. Danach hat Roth einige Mühe, aus seiner Geschichte halbwegs plausibel wieder hinauszufinden. Das Buch wurde mit Blick auf eine Gegenwart geschrieben, die sich gerade entscheidet. Es ist ein düsteres Menetekel, in dem noch einmal deutlich wird, wie sehr sich die USA vom Erbe des New Deal entfernt haben. Aber Roth ist nicht allein im kulturellen Feld mit seinen Spekulationen über den längerfristigen Verlauf der amerikanischen Politik. Der Filmemacher Jonathan Demme entwirft in seinem Thriller «The Manchurian Candidate» eine radikale Vision der näheren Zukunft: Soldaten aus dem Golfkrieg unter dem ersten Präsidenten Bush werden darin einer Gehirnwäsche unterzogen, die sie zu willenlosen Handlangern in einem heimlichen Staatsstreich machen soll. «The Manchurian Candidate» ist das Remake eines Klassikers von John Frankenheimer aus dem Jahr 1962. Damals ging die Verschwörung von Moskau aus, und die liberale Energie der Kennedy-Jahre richtete sich gegen rechte Politiker im eigenen Land: In der Figur des demagogischen Senators James Iselin war deutlich Richard Nixon wiederzuerkennen, der nach seiner Wahlniederlage 1960 aus dem politischen Rennen zu sein schien.

Während Frankenheimer noch eine heroische Lösung anbieten konnte, macht Jonathan Demme zusammen mit seinen Drehbuchautoren Daniel Pyne und Dean Georgaris das Psychodrama zum Ort eines verdrängten Machtkampfs. Die Soldaten, die von Albträumen geplagt werden, stehen einander nicht mehr gegenüber auf den beiden Seiten der Wahrheit, wie es im Original zwischen Frank Sinatra und Laurence Harvey der Fall gewesen war. Sie sind nun beide Opfer eines grösseren Zusammenhangs, den sie kaum durchschauen können: Der Kriegsheld Raymond Shaw (Liev Schreiber) wird von seiner eiskalten und ehrgeizigen Mutter (Meryl Streep) zur Kandidatur für die Vizepräsidentschaft mehr oder weniger genötigt, während sein früherer Kamerad Ben Marco (Denzel Washington) immer tiefer in eine Verschwörung von grandioser Weitläufigkeit hineintaumelt. Das Ziel einer Gruppe von Männern im Hintergrund ist, einen «Schläfer» im Weissen Haus zu haben – einen Präsidenten, der auf Knopfdruck gehorcht.

Das entspricht nicht zufällig dem Bild, das seine Gegner von George Bush gezeichnet haben – ein «Commander in Chief», der sich von radikalen Beratern herumkommandieren lässt. Demme insinuiert an keiner Stelle ausdrücklich, dass dies auf eine faschistische Staatsform hinauslaufen müsse. Aber seine Darstellung der politischen Ordnung könnte pessimistischer und unheimlicher nicht sein: Die Gewaltenteilung wird von innen heraus suspendiert. Das Ziel ist ein unerklärter und unbegriffener Ausnahmezustand. «The Manchurian Candidate» und «The Plot Against America», aber auch der im Sommer erschienene Roman Nicholson Bakers, «Checkpoint» (in dem ein fantasiertes Attentat auf Bush eine Rolle spielt), sind Indizien dafür, dass die populäre Kultur nach Registern dafür sucht, was die Politologen noch vorsichtig beschreiben: Dass die Politik und das Recht nicht mehr im adäquaten Verhältnis zueinander stehen. Faschismus fungiert dabei in erster Linie als Reizwort, er soll gerade der Verhinderung eines Zustands dienen, der noch gar nicht richtig abzusehen ist. Aber das Wort ist gefallen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Verdrängter Machtkampf aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr