Behinderte Frauen gegen «Emma» : Im Namen der Rehe, Frauen und Tauben

«Boykottiert Emma!» – so der Titel eines Flugblatts, das dieser Tage in der Deutschschweiz verschickt wurde. «Emmas» Kampf gilt neuerdings der geschundenen Kreatur und damit einhergehend der Rehabilitierung von Peter Singer, Tierrechtler und Euthanasiebefürworter.

Gleichzeitig mit dem Boykottaufruf ist «Emma» Nr. 4/94 erschienen, darin die gewohnte Abrechnung mit allen KritikerInnen und diesmal natürlich den Frauen, welche am 10. Mai die Redaktionsräume heimgesucht und einen Sachschaden von etwa 50000 DM angerichtet hatten. «Sie sind überwiegend homosexuell, jung und haben ihr Studium abgebrochen oder jobben.» Alice Schwarzer präsentiert erstaunlich detaillierte Kenntnisse über die (unbekannten) Täterinnen: Sie demonstrieren nicht gegen Frauenmörder und «sind auch nicht zu sehen, wenn eine Frau auf dem Nachhauseweg angefallen und vergewaltigt wird». - Im Bekennerinnenschreiben wurden verschiedene «Emma»-Beiträge als Anlass für den Überfall genannt, doch Schwarzer weiss es besser: Motiv waren Neid sowie Selbsthass, der «gerade bei lesbischen Frauen besonders gross» ist. Ausserdem pflegen sie das Vokabular «aus den guten alten braunen Zeiten». «Nazis vergasen», auch diese Parole komme aus solchen Spraydosen. Sie wurde bei «Emma» zwar nicht gesprayt, aber mit solch kleinen Details wollen wir uns nicht aufhalten.

Die Wut auf «Emma» ist nicht neu, dass es irgendwann knallen wird, war abzusehen, erstaunlich scheint eher, dass es so lange gedauert hat und dass die Empörung auf beiden Seiten so gross ist. «Emma» ist eine aggressive Boulevard-Zeitschrift, und zum Wesen eines Boulevard-Blatts gehört es, dass es sich nicht an politischen und historischen Erkenntnissen orientiert, sondern heute so und morgen anders berichtet. Schwarzers Drang zur Provokation ist auch hinlänglich bekannt, und in der Wahl der Waffen und Themen war sie noch nie zimperlich. Doch so rabiat sie auch «gegen Tabus und linke Denkverbote» antritt, ein Tabu bleibt: sich als Frau gegen Alice/Emma zu stellen.

Beispielhaft war der Streit um das Fundamentalismus-Dossier in «Emma» Nr. 4/93. Feministische Zeitschriften und Ausländerinnengruppen protestierten vehement gegen dessen rassistische Grundhaltung. Auch damals wurden die Gegnerinnen diffamiert und mit vermeintlichen Totschlagargumenten bedacht. «Emma» titulierte die journalistische Konkurrenz und die Ausländerinnengruppen als «marginale Blätter und Vereine» (vielleicht ein bisschen basisfeindlich?). Den «beiträgen zur feministischen theorie und praxis» wiederum machte sie basisfeindliche, weil intellektuellentfremdete Sprache zum Vorwurf – zum Beweis wurde ein absolut banaler Satz zitiert (vielleicht ein bisschen intellektuellenfeindlich?). Dabei wollte «Emma» doch auch den von Islamisten verfolgten Intellektuellen zu Hilfe eilen ... Antirassismus wie Antifaschismus seien nichts weiter als linke Modethemen, die dem Kampf der autonomen Feministinnen hinderlich seien, war weiter zu erfahren. Zeitgemässe Verwirrung also, darunter leiden auch andere, doch «Emma» gilt für viele Frauen noch immer als feministische Institution und Leitplanke. Und wenn sich eine solche aufmacht, die Neulancierung der Singer-Debatte über wertes und unwertes Leben zu betreiben, ist das keineswegs harmlos.

In «Emma» Nr. 1/94 konnte Alice Schwarzer ein altes Anliegen durchsetzen. Hatte sie doch schon in den fünfziger Jahren beim Taubenfüttern festgestellt, «wie gross der Hass ist». Hass zwar auf Tauben, aber vom Herrenmenschen, der ja seit eh Frauen, Kinder und Tiere abschlachtet. «Früher haben sogar die Emmas (alte Crew!) mitleidig gelächelt, wenn ich über Tiere schreiben wollte», beklagte sich Schwarzer. Aber gottlob: «Die Zeiten sind vorbei!» befand die zwar nicht besonders neue, aber von linken Modethemen unbelastete «Emma»-Crew. «Tierfreundin sein ist eines – Tierrechtlerin ein anderes.» Wie wahr: Frauen der alten Crew hatten sich eventuell noch daran erinnert, dass TierrechtlerInnen, welche mit Mensch-Tier-Vergleichen operieren, im Gegenzug schnell mit Selektionskriterien für Menschen aufwarten.

Zwei Reporterinnen (Cornelia Filter & Bettina Flitner) begleiteten also eine Jägergruppe bei ihrem Werk, stellten fest, dass Männer das Schlachten von Frauen an Rehen üben, und produzierten einen Jagdporno für ihr Blatt. Wie zu erwarten war, überkam Frau Filter die Erkenntnis, dass Frauen und Tiere etwa dasselbe sind, und sie verfasste auch hierüber noch einen Bericht.

Wer sich für Tierrechte begeistert, stösst früher oder später auf den umstrittenen Tierrechtler Peter Singer. Cornelia Filters Rehabilitationsschrift für den australischen Philosophie-Professor erschien in «Emma» Nr. 2/94. Parallelen seiner Euthanasie-Thesen zum Gedankengut der «guten alten braunen Zeit» sind zwar schon verschiedentlich aufgezeigt worden, macht aber nichts, schliesslich ist für die Tiere «jeden Tag Treblinka» (Zit. Isaac Bashevis Singer in «Emma»). Die Empörung war riesig, «Emma» unerschütterlich. In Nr. 3/94 wurde eine Erklärung von 31 PhilosophInnen nachgedruckt, welche sich anno 1989 für die Diskussion von Singers Thesen ausgesprochen hatten. Die peinliche Begründung: «Erst im nachhinein entdeckte die «Emma»-Redaktion, dass es schon vor vier Jahren den Versuch gegeben hatte, das Denkverbot um Singer zu durchbrechen (...).» Aber wer sich eher für Tiere und weniger für Behinderte interessiert, mag halt das eine oder andere übersehen. Auch dass sich Behinderte immer dezidiert gegen eine Diskussion über Wert bzw. Unwert ihres Lebens verwahrt hatten. Und dass sie in dieser Debatte jene sind, auf die gehört werden muss.