Nr. 04/2016 vom 28.01.2016

Palavern bis aufs Blut

Ein Western unter Hausarrest: Quentin Tarantinos «The Hateful Eight» ist ein eloquentes Kammerspiel zur Lage der Nation – und das schiere Gegenstück zum archaischen Pathos von Alejandro González Iñárritus «The Revenant».

Von Florian KellerMail an AutorIn

Pulver gut: Kurt Russell und Samuel L. Jackson in «The Hateful Eight» auf dem Weg in den Schneesturm. Foto: Andrew Cooper, The Weinstein Company

Schlafen im Stroh ist etwas für Weichlinge, echte Kerle verbringen die kalten Nächte in der Pferdelounge. So, wie es Leonardo DiCaprio im Schnee vormacht: nein, nicht am World Economic Forum in Davos, sondern als Trapper im allseits gefeierten Film «The Revenant». Fachgerecht schneidet er da das gerade verendete Pferd auf, mit dem er auf der Flucht vor Indianern in den Abgrund gestürzt ist. Dann räumt er die Eingeweide aus und schlüpft zum Schlafen in den ausgehöhlten Kadaver. Sonst scheint ihm ja die Kälte nichts auszumachen, wenn er sich stundenlang im eisigen Fluss treiben lässt, aber jetzt will er doch kuscheln in der Restwärme einer Tierleiche.

Der tote Schimmel als Biwak: Es ist eine grandiose Szene, zum Brüllen komisch in einem Western, in dem sonst nur sehr ernsthaft gebrüllt wird. Regisseur Alejandro González Iñárritu und sein Kameramann Emmanuel Lubezki huldigen hier einer kunsthandwerklich verbrämten Archaik: «The Revenant» ist ein zähes Epos über die Zähigkeit eines Mannes, der sich allein in der Wildnis ins Leben zurückkämpft, nachdem er von einer Bärenmutter angefallen und dann halb tot im Grab zurückgelassen wurde. Wir sehen die Überlebensübung eines weissen Mannes gegen die Natur, gegen die wilden Indianer (auch irgendwie Natur) und gegen seine barbarischen Gefährten aus der Zivilisation. Und weil man in Hollywood die Leistung eines Darstellers ja gerne mit den Strapazen der Figur verwechselt, die er spielt, wird DiCaprio, wenn nicht alles täuscht, für dieses Outdoortraining endlich den Oscar gewinnen, den er eigentlich schon längst verdient hätte.

Bis es spritzt und knackt

Ob er gut spielt in dem Film? Schwer zu sagen, man sieht ihn so schlecht vor lauter Haar. Lange Zeit liegt er einfach halb tot auf einer Bahre und stösst unverständliche Laute des Leidens aus. Bei den Männern feiert man solche freiwillige Verunstaltung als grosse Schauspielkunst, Frauen werden dagegen für ihren «Mut zur Hässlichkeit» bestaunt. Dabei ist das, was etwa Jennifer Jason Leigh in einem anderen neuen Western leistet, viel augenfälliger. Sie aber führt ihre Strapazen nicht als brutal authentisches Martyrium vor, sondern als masochistischen Stunt: Zuerst hat sie nur ein blaues Auge, aber es dauert nicht lang, da schlägt man ihr die Nase blutig, dass es spritzt und knackt. Später dann werden ihr die Vorderzähne ausgeschlagen, sie aber grinst bloss frech und leckt sich das Blut von den Lippen.

Die Frau, die hier malträtiert wird, nennt sich Daisy Domergue. Und auch wenn wir es mit Kino zu tun haben, also mit einer kunstfertigen Vorspiegelung von Brutalität: Etwas seltsam klingt es schon, wenn Jennifer Jason Leigh, wie sich das halt gehört, über ihre Rolle jetzt gerne erzählt, dass sie jeden Tag rundum glücklich zur Arbeit gegangen sei und dass sie diesen Film überhaupt als grandiose Erfahrung im Herzen trage.

Die grandiose Erfahrung heisst «The Hateful Eight», und was unter diesen Umständen noch seltsamer erscheint: Es ist der neue Film von Quentin Tarantino. Ausgerechnet Tarantino, der ausgewiesene Feminist von Hollywood, der Mann, der nach Filmen von «Jackie Brown» über «Kill Bill» bis «Death Proof» und «Inglourious Basterds» eigentlich nichts mehr zu beweisen hat, was weibliche Selbstermächtigung im Kino angeht: Was ist nur in ihn gefahren, dass er dieses Mordsweib namens Daisy erfindet, um sie dann nach Strich und Faden zuschanden zu machen?

Schluss mit Vergeltung

Wer es genau wissen will und fleischliche Details nicht scheut: Es spritzt ihr dann auch noch der Schädelinhalt eines Gefährten ins Gesicht, und da hat sie das Schlimmste noch vor sich. Aber Jennifer Jason Leigh spielt das alles mit obszönem Gusto. Und ihre Daisy ist auch ein unverwüstliches Biest, das sich seine Lust an der Bosheit selbst durch noch so rabiate Züchtigung nicht austreiben lässt.

Seit «Kill Bill» hat man sich bei Tarantino ja daran gewöhnt, dass jeder seiner Filme als Vergeltungsfantasie angelegt ist: die blonde Braut gegen den bösen Bill, die jungen Frauen gegen ihren Belästiger in «Death Proof», die jüdischen «Basterds» gegen die Nazis, zuletzt der entfesselte schwarze Sklave gegen die weissen Herrenmenschen in «Django Unchained». Mit «The Hateful Eight» bricht Tarantino jetzt mit diesem Muster – und versagt uns damit auch die Befriedigung, die auf dem blutigen Pfad der Rache zu holen ist. Dieser Western spielt gewissermassen unter Hausarrest, mit acht Figuren, die während eines Schneesturms in Minnie’s Haberdashery festsitzen, einer abgeschiedenen Raststätte irgendwo in der Wildnis von Wyoming.

Im Diorama des Hasses

Samuel L. Jackson als flamboyanter Kopfgeldjäger Marquis Warren wird zwar als Sympathieträger eingeführt, als er zum Auftakt irgendwo am Wegrand in der Kutsche zusteigt, mit der sein weisser Berufskollege (Kurt Russell) die Verbrecherin Daisy an den Galgen eskortieren will. Aber dann rettet sich die Reisegesellschaft in dieses Blockhaus, wo Bruce Dern als rassistischer alter Südstaatengeneral im Lehnstuhl sitzt und wo sich mit Tim Roth und Michael Madsen immerhin ein Viertel von Tarantinos einstigen «Reservoir Dogs» die Zeit vertreiben. Und trotz urchigem Interieur ahnt man bald: In diesem Diorama des Hasses, wo die Allianzen so undurchsichtig sind, ist auch nicht mit verbindlichen Identifikationsangeboten zu rechnen. Der hölzerne Jesus, frierend im Schnee: Er steht hier von Anfang an auf verlorenem Posten.

Ganz anders «The Revenant». Der Horizont ist dort viel weiter, der Fokus dafür umso enger. Das ist eine Passionsgeschichte, die alles dem Leiden dieses einen Mannes unterordnet, der von den Toten zurückkehrt, um Rache zu nehmen. Und während Iñárritu zur Prüfung seines Helden die ganze unbarmherzige Pracht der Natur aufbietet, ist Tarantino ganz der alte Sadist: Ködert uns mit einem opulenten Western samt Orchestermusik von Ennio Morricone – und setzt uns dann ein fast dreistündiges Gesellschaftsstück in geschlossenen Räumen vor, erst in der Kutsche, später im Blockhaus. Und wenn die kaputte Tür in der Hütte wegen des Blizzards draussen immer wieder neu zugenagelt werden muss: Willkommen in der Boulevardkomödie!

Dann vergiftet jemand den Kaffee, und «The Hateful Eight» verschiebt sich zu einem klassischen Whodunit, mit Samuel L. Jackson in der Funktion einer Miss Marple. Aber bis das dann doch zu einer blutigen Sauerei ausartet, wird in erster Linie: geredet. Ob seiner Lust an überzeichneter Gewalt geht es gerne vergessen, aber Tarantino hatte ja immer schon ein fetischistisches Verhältnis zur mündlichen Rede. In «Reservoir Dogs» entzündete sich die rhetorische Energie noch an einem Song von Madonna, jetzt, in «The Hateful Eight», verhandelt Tarantinos Sprechtheater nichts Geringeres als die politische Ökonomie einer zerrissenen Gesellschaft.

Wer die Waffe hat

So spielt dieser Western zwar wenige Jahre nach dem Bürgerkrieg, aber es steckt darin immer auch ein kostümiertes Jetzt, nämlich eine ernsthafte Scharade über den alltäglichen Rassismus von heute. «Wenn Neger Angst haben, sind die Weissen sicher», sagt der Sheriff einmal. Und der schwarze Kopfgeldjäger entgegnet später: «Schwarze Leute sind nur dann sicher, wenn die Weissen entwaffnet sind.» Das sind Sätze, die man zwei Jahre nach Ferguson nicht bequem in der historischen Garderobe des Westerns versorgen kann.

Auch die schönste Finte in diesem Film ist aus Worten gemacht. Es ist ein Schriftstück, das der Kopfgeldjäger Marquis als Talisman auf sich trägt: ein Brief von Abraham Lincoln höchstpersönlich. Doch macht das diesen Marquis gleich zum guten Menschen? Wenn er am Ende neben dem designierten Sheriff darniederliegt, der eine elendiglich kastriert, der andere auch schwer verwundet, wird die bitterböse Quintessenz von Tarantinos Kammerspiel deutlich: Da haben ein weisser und ein schwarzer Rassist das Gesetz selbst in die Hand genommen, in der Verbrüderung gegen etwas Drittes – die Frau, an der sie ihren Hass gemeinsam abreagieren können.

«The Hateful Eight»: Ab 28. Januar 2016 im Kino.

«The Revenant»: Weiterhin im Kino.

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