Nr. 33/2006 vom 17.08.2006

Sex & Politics

Vom kleinen Unterschied zwischen Christiane Brunner und Ruth Dreifuss

Von Lotta Suter

Wer im Bett ständig oben sein will, der unterdrückt die Frauen auch im Alltag. Sehr direkt schloss die Neue Frauenbewegung vor zwanzig Jahren von der Sexualität auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Heute noch ist sogenannt Privates für die Frauen politisch massgebend und mobilisierend: wie beim Frauenstreik im Juni 1991, wie vor dem Bundeshaus im März 1993. Doch der kleine Unterschied, vormals ganz klar derjenige zwischen Frau und Mann, hat sich verkrochen und verschoben und verkompliziert.

Das Private ist politisch! Wie oft haben wir das Anfang der siebziger Jahre unsern linken Politmackern erklärt, wenn sie vor den Fabriktoren und in den Avantgardezirkeln die Revolution vorantrieben, in den eigenen vier Wänden aber ganz die alten bleiben wollten. Politisch bedeutsam ist nicht bloss die Vietnamdemo oder das militante Flugblatt für die unterdrückte Arbeiterklasse, sondern auch die Art und Weise, wie eineR liebt und arbeitet und zum Beispiel Kinder erzieht, sagten wir immer wieder, öffentlich auf der Strasse und privat zu Haus.

Und der Erfolg? Zwanzig Jahre später wird ausgerechnet einer 68erin, die offensichtlich und selbstbewusst diesen feministischen Lebensentwurf vertritt, von rechten Politmackern, die draussen und drinnen alles beim Alten belassen wollen, mit Hinweis auf ihr nicht mehrheitsfähiges Privatleben die Regierungsbeteiligung verweigert. Und von links wird daraufhin prompt eine Frau als Kompromiss angeboten, die auf klassisch-politischer Ebene, und insbesondere bei Frauenfragen, in etwa dieselben Positionen vertritt, deren Stil es den Männern aber offenbar erlaubt, sie sozusagen geschlechtsneutral als ihresgleichen zu sehen, und das heisst in diesem Fall auch: ihr Privatleben so vollständig auszuklammern, wie das sonst nur bei männlichen Kandidaten üblich ist.

Bedeutet die Wahl von Ruth Dreifuss anstelle von Christiane Brunner, dass sie uns diesmal mit der eigenen Waffe, der Bezugnahme des Politischen auf das Private, geschlagen haben, die Männer an der Macht? Wäre also die Politisierung des Privaten in erster Linie ein zusätzliches Mittel zur Kontrolle und Disziplinierung der Einzelnen? Oder bleibt sie - wie der «Frühling der Frauen» vor dem Bundeshaus nahelegt - doch ein wichtiger Schritt in Richtung … - ja wohin eigentlich? Gleichberechtigung? Emanzipation? Oder gar Gesellschaftsveränderung?

Hin zum Privaten vieler Frauen

Ausgerechnet wir Feministinnen hätten mit unserer Forderung «Das Private ist politisch!» den Männern den Weg geebnet, sodass heutzutage jeder Kauteri, Schmid und Ziegler meint, seine geheimsten Ängste und Wünsche öffentlich und genüsslich ausbreiten zu können. Und wären somit mitverantwortlich, wenn die Herren Politiker schliesslich mit Kennerblick ihre Wahl treffen zwischen blond und braun, Serviertochter und Landesmutter, Stiefelchen und Pumps. Weit hergeholt diese Verbindung, die die grösste Nichtboulevardzeitung auf dem Höhepunkt der Schlammschlacht gegen Christiane Brunner («Tages-Anzeiger», 8.2.93) konstruiert.

Zwar hat auch die neue Frauenbewegung, besonders in der ersten Zeit, das Private etwas gar 1:1 ins Politische überhöht. Aus lauter Misstrauen gegen grossspurige Politdeklarationen wurden Feministinnen nun vor allem danach beurteilt, ob sie privat die richtige Kleidung und den richtigen Zivilstand trugen, Mütter oder Lesben waren usw. Und im Gegenzug zur herrschenden gesellschaftlichen Doppelmoral ist der moralische Rigorismus der Frauen immer wieder übers Ziel hinausgeschossen (Beispiel PorNo-Debatte). Doch auch beim erbittertsten Schwesternstreit ging es immer noch um die Politisierung des Privaten und nicht - wie so oft, wenn Männer Frauen in der Politik gegenüberstehen - um eine Privatisierung der Politik.

Die Entwicklung der feministischen Politik geht als Ganzes ohnehin weg von Einzelschicksalen unterdrückter Opfer und hin zu etwas Kollektiverem - denke ich nach dem Frauenstreik, dem Bundesrätinnendebakel, den vielen zunächst lokalen und kantonalen Wahlerfolgen. Zunehmend wird nicht mehr das Private einer einzelnen Frau zum Politikum erhoben - oder zumindest in den einschlägigen Zeitschriften der Frauenbewegung des Langen und Breiten beschrieben -, sondern das Private vieler Frauen, das auf einmal nicht mehr verdeckt ist, sondern für alle sichtbar wird, eine punktuelle Öffentlichkeit zunächst, wellenförmig, etwas unzuverlässig noch für die politische Alltagsarbeit, aber unzweifelhaft vorhanden.

Konträr dazu diagnostizierten Soziologen, Medien- und Kulturschaffende gerade im Umfeld der Brunner-Abwahl eine zunehmende Personalisierung und Intimisierung der Politik; zitierten etwa den US-amerikanischen Soziologen Richard Sennett mit seiner These aus den siebziger Jahren vom «Verfall der Öffentlichkeit und der Tyrannei der Intimität». Nicht immer war die Absicht so offensichtlich wie im bereits erwähnten «Tages-Anzeiger»-Artikel, wo nach Bekanntwerden der anonymen Briefe, aber noch vor Brunners Pressekonferenz ein Soziologe und Mitverfasser einer Schweizer Skandalchronologie diese Intimisierung als unumstössliche Tatsache präsentiert und nach einer unverschämten Aneinanderreihung der Berner Mata-Hari-Affäre (1982), «Kopp & Kopps»-Bürogeschichten (1984) und der Vorwürfe gegen Brunner schreibt: «Wo die persönliche Integrität zur zentralen Ideologie hochstilisiert wird, da gerät die Schlammschlacht zur angemessenen Form der Ideologiekritik. (…) Auf diesem Hintergrund muss Frau Brunner zur Offenheit geraten werden.»

Es steht nie alles zur Diskussion

Eine schönere Legitimation hätten sich die Mannen im Bundeshaus nicht selber ausdenken können - und auch all die Medien nicht, die sich von dieser «Offenheit» weitere süffige Human-Touch-Storys erhoffen. - Vermutlich nur gut gemeint ist der Versuch von Catherine Duttweiler, in diesem Klima verfallender Öffentlichkeit die Sache der Frau mit einem lila Buchumschlag und vielen, vielen Anekdoten doch noch rüberzubringen («Adieu, Monsieur!», Werd Verlag 1993). Da lesen wir dann, dass Christiane Brunner ihre geschnürten Stiefeletten nicht etwa aus reiner Koketterie trug, sondern aufgrund eines schweren Mofa-Unfalls keine Stöckelschuhe mehr tragen kann. Und nun? Macht das die blöden Domina-Bemerkungen der Politmänner noch schlimmer, weil auf ein unschuldiges Opfer gerichtet? Oder macht es Christiane Brunner besser, weil sie nichts für ihr provozierendes Schuhwerk kann? Oder ist das gar nicht politisch gemeint? Wie dann? Rein privat, und wieso das?

Christiane Brunner selber hat anhand der Abtreibungsfrage Politisierung des Privaten und Privatisierung der Politik deutlich und nachvollziehbar voneinander abgegrenzt: Von öffentlichem Interesse sei, dass sie 1982 ein «Manifest für das Recht auf Abtreibung» der Organisation MOZ (Mutterschaft ohne Zwang) unterschrieben habe, in dem die 4300 UnterzeichnerInnen deklarieren, selber abgetrieben oder aber andern zu einer Abtreibung verholfen zu haben. Dies sei eine klare politische Stellungnahme. Ob sie persönlich eine Abtreibung vorgenommen habe, stehe nicht zur Diskussion, stehe bei keiner Frau öffentlich zur Diskussion.

Nur: Die private Sensation lässt sich weit besser verkaufen als die politische Information, das ist banal. Doch das ist besonders für uns Frauen gefährlich, wenn wir unsererseits das Politische und das Private, zwei traditionell männlich definierte Begriffe, anders verbinden wollen und uns dabei persönlich exponieren, wie das Christiane Brunner bedenkenlos tat - und wie es nun Ruth Dreifuss wohlweislich nurmehr in ganz kleinen, dem Fassungsvermögen ihrer Umgebung angepassten Schrittchen tut (Lismen für den Regenwald). Im Übrigen verhält es sich mit dem Verfall der Öffentlichkeit wohl ähnlich wie mit dem seit Jahren diskutierten Verschwinden der Arbeitsgesellschaft: Gerade jetzt, wo wir Frauen darangehen, wichtige Bereiche wie Erwerbsarbeit und Öffentlichkeit auch für uns zu beanspruchen, sind diese prinzipiell vom Untergang bedroht …

Auch linke Gärtner haben Zäune

Politisierende Frauen bewegen sich immer im Spannungsfeld privat-politisch, sei es aus freiem Willen oder durch Zuschreibung ihrer Parteikollegen oder wegen beidem. Damit stehen sie des Öfteren auch quer im Links-Rechts-Schema, das nach dem Zusammenbruch des Sozialismus erstaunlich gleich geblieben ist. Schon bei der Gentechnologie und bei Fragen der Fortpflanzungsmedizin gab es unheilige Allianzen vieler Frauen mit rechten Fundamentalisten. In der IWF- und besonders in der EWR-Diskussion waren Feministinnen und Linke oft die heftigsten Feinde. Doch solche Abweichungen werden mit der politischen «Emotionalität» (IWF-Debatte), ja «Irrationalität» (EWR-Diskussion) der Frauen erklärt; und somit politisch isoliert. Das klassische linke Denken hofft immer noch - und in der Krise erst recht - auf Wachstum und glaubt, dass der technische Fortschritt in Verbindung mit dem Sozialismus oder allenfalls mit dem freien, aber sozial und ökologisch gelenkten Markt der einzig gangbare Weg in die Zukunft ist. Je öfter Feministinnen zu allen gesellschaftlichen Bereichen öffentlich Stellung beziehen, desto grösser werden auch die Reibungsflächen. Was die Frauen zu Sexualität, Kindererziehung oder über sich als Opfer sagen, nimmt man höflich zur Kenntnis. Ökonomische oder geopolitische Analysen der Feministinnen hingegen sind schnell mal unliebsame Einmischung, in lang gehegte eigene Gärtchen.

Eine (SP-)Bundesrätin beziehungsweise Bundesratskandidatin spürt dieses spezifische Auseinanderfallen der linken und feministischen Öffentlichkeit ganz besonders: Frauen verlangen von ihr den weiblichen Blick, den Einbezug der gesamten sich im Umbruch befindenden Frauenrealität. Die Linken wollen, dass sie ihren wohldefinierten Part im Zauberformelkollegium maximal erfüllt. Bei der Wahl im März spitzte sich die Sache zu - zuletzt zur Frage Einzelkandidatur Christiane Brunner, wie das die Frauenbasis wollte, oder Doppelkandidatur mit Ruth Dreifuss als Kompromissvorschlag der linken Männer an die bürgerlichen Ratskollegen. Der kleine Unterschied hat sich maliziös zwischen die politischen Zwillingsschwestern gedrängt.

Und dort bleibt er vorläufig auch nach der Wahl. Ruth Dreifuss ist eine integre, politisch erfahrene Persönlichkeit; sie wird gerade in Frauenfragen erfolgreich Kompromisse suchen und finden, die uns weiterbringen und unsere Anliegen nicht allzu sehr verwässern. Wen kümmerts, dass Ruth Dreifuss auf dem offiziellen Bild vom Bundesratsreislein unter all den andern Windjacken und Bundfaltenhosen so harmonisch verschwindet? Christiane Brunner hingegen integriert nicht; sie beziehungsweise die Nacktfotos und Orgien im Genfer Frauenhaus, die ihr Parteikollege und langjähriger politischer Kontrahent Jean Ziegler ihr ausgerechnet während ihrer Kandidatur mit lebhafter Fantasie angedichtet hat, hält die Diskussion unter Sozialdemokraten, Linken und Feministinnen wach: Soll man den alternden Macho für sein Geschwafel rügen und dann die Sache baldmöglichst vergessen; immerhin hat Ziegler sich als Bankenkritiker internationales Ansehen erworben? Oder kann und soll gerade hier bewiesen werden, dass die SP das entschiedene Eintreten gegen sexistische Verleumdung ebenso ernst nimmt wie etwa den Kampf gegen den Kapitalismus? Was zählt Frauenfrage im Vergleich zum Finanzplatz Schweiz?

Wie politisch bitte ist das Private?

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