24.01.2002

Alter Tiger mit neuen Streifen

Vor dem 11. September 2001 war pragmatische Interessenpolitik in den USA eine Domäne der Rechten. Die globale Linke sprach von einer Welt, wie sie sein sollte. Doch jetzt, behauptet der US-Politologe Benjamin R. Barber, hat der Tiger die Streifen gewechselt.

Von Lotta Suter

«Die terroristischen Angriffe vom 11. September haben zweifellos die Welt verändert, nicht aber die ideologische Perspektive der Linken oder der Rechten (in den USA, ls.)», schreibt der international tätige Politologe und aktive Bürgerrechtler Benjamin R. Barber in einem Essay im Linksmagazin «The Nation»: Nach wie vor bestehen die Unilateralisten der – machthabenden – Rechten in den USA darauf, dass der von Amerika souverän geführte Krieg die einzig mögliche Antwort auf den Terrorismus sei. Immer noch vertritt die Linke die Unabdingbarkeit des Internationalismus, die Notwendigkeit eines Umgangs mit globalen Märkten, der die ökonomischen Ungleichgewichte minimiert; nur tut sie das im superpatriotischen Klima etwas diskreter. Ganz falsch, sagt Barber, gerade jetzt muss die internationalistische Lobby ihre Stimme erheben.

«Als Folge des 11. September hat der Tiger seine Streifen gewechselt: Der ‘idealistische’ Internationalismus ist zum neuen Realismus geworden. Wir haben nicht einen Paradigmenwechsel vor uns, sondern die Besetzung eines alten Paradigmas durch ein neues Team. Demokratische GlobalistInnen stehen auf einmal als neue RealistInnen da, während der alte Realismus – vor allem seine Umarmung der Märkte – zunehmend als gefährliches und gänzlich unrealistisches Dogma erscheint, blind für die neue Wirklichkeit.»

Nach monatelangen Nachrufen auf die US-amerikanische Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung – auch von linksliberaler Seite! – und nach etlichen mehr blind gläubigen denn argumentativ gestützten publizistischen Wiederbelebungsversuchen obiger Gruppierungen und Themen ist es Balsam für die linke Seele, von einer intellektuell weitherum anerkannten Autorität in den Rang der neuen, zukunftsverheissenden Paradigmenhalter erhoben zu werden. Doch ist da wirklich Platz für uns?

Die Illusion nationaler Souveränität

Professor Barbers Blick in die Geschichte ergibt das bekannte Bild: Ein massgeblicher Teil der politischen Elite hat in den letzten zwei Jahrhunderten die Idee des souveränen Staates vertreten, der auch aussenpolitisch ausschliesslich seinen nationalen Interessen nachgeht – das gesamtgesellschaftliche Pendant zum klassischen Homo oeconomicus mit seiner egozentrischen Profitmaximierungsstrategie. Zwischenstaatliche Allianzen sind in diesem Denken, wie etwa Henry Kissinger besonders aggressiv vordemonstrierte, bloss opportunistisch, wechselnd, kurzfristig; internationale Organisationen werden danach beurteilt, wie gut sie die nationalen Interessen bedienen; überstaatliche Maximen wie Menschenrechte oder demokratische Ideale dürfen nicht in die Quere kommen. Doch der Zweite Weltkrieg sowie die Ende des zwanzigsten Jahrhunderts unübersehbar gewordenen ökonomischen, ökologischen und technologischen Interdependenzen haben den meisten Nationen – mit Ausnahme der USA und ihrem Mythos von der «splendid isolation» – die Begrenztheit ihrer Souveränität aufgezeigt. Denn weder der Treibhauseffekt noch Aids noch Internet kennen nationale Grenzen.

Barber: «Die Erdöl- und die Drogensucht umkreisen den Planeten wie Zwillingsplagen. Kapital und Arbeit, wie auch ihre anarchischen Cousins Kriminalität und Terror, bewegen sich von Land zu Land und handeln informell oder illegal, wo immer ihnen traditionelle Institutionen im Wege stehen.» Doch umgeben von zwei Weltmeeren, der Utopie des Raketenabwehrschildes und dem Wirtschaftswachstum der neunziger Jahre konnte die Illusion der nationalen Souveränität in den USA noch eine Weile aufrechterhalten werden. Für den stolzen Narzissmus dieses Teilkontinents waren die Nebenfolgen der angestossenen Globalisierung bloss unterhaltende Melodramen der allabendlichen CNN-Seifenoper.

Wenn sie überhaupt in den Blick geraten. Im Interesse von Einschaltquote beziehungsweise Leserbindung haben die grossen US-Medien die Auslandberichterstattung nach dem Ende des Vietnamkrieges drastisch reduziert, manche Untersuchungen schätzen um die 90 Prozent. Einflussreiche Historikervereinigungen versuchen im ganzen Land die Weltgeschichte im Lehrplan zugunsten der US-amerikanischen Geschichte zu kürzen, allen voran Lynne Cheney, die rechtskonservative Gattin des jetzigen Vizepräsidenten (siehe WoZ Nr. 22/98: «Die Schlacht um die Wandtafel»). Fremdsprachen, sogar die «zweite Landessprache» Spanisch, fristen an den öffentlichen Schulen von jeher ein Mauerblümchendasein und gehören nicht wie etwa die Naturwissenschaften zum harten, das heisst wohl finanzierten Wissenskern. Das alles soll mit dem 11. September anders geworden sein?

Intellektuell leuchtet ein, dass der Angriff von oben und aus der Ferne, der gleichzeitig mitten aus der US-Gesellschaft, aus unauffälligen Schläferzellen in unauffälligen Vororten, kam, mit den Türmen auch die Unterscheidung in innen und aussen implodieren liess; Kategorien, die – dies nur nebenbei – von feministischen PolitologInnen seit langem mit Fragezeichen versehen werden. Nichtstaatliche Akteure, seien es nun multinationale Unternehmen oder Terrorzellen, sind weder inländisch noch ausländisch, weder souveräne nationale Einheiten noch internationale Organisationen. Da hilft auch kein Gerede von staatlichen «Terroristenhäfen». Wer ist damit gemeint: die US-Verbündeten Ägypten und Saudi-Arabien? Nato-Deutschland? Die US-Bundesstaaten Florida und New Jersey? In dieser Welt von aufgezwungenen Interdependenzen die Unabhängigkeit der USA auszurufen, meint Barber, sei ein Pissen gegen den Wind.

Auch der Begriff des Eigeninteresses, eine andere Säule der Ideologie der konkurrenzierenden Nationalstaaten, ist ins Wanken geraten. Denn die so genannten Terroristen – unter diesen Begriff fiel damals ja auch der Vietcong – wollen nicht Marktvorteile im neoliberalen Sinn verhandeln. Die ökonomischen Auswirkungen der neoliberalen globalen Märkte treiben zwar die Verelendung voran, welche die Rekrutierungsbasis für Organisationen wie al-Kaida abgeben. Aber, das wird von Globalisierungskritikern zuweilen unter den Tisch gewischt, diese Gruppen wollen nicht bloss eine universal definierte soziale Gerechtigkeit, sondern den Sieg ihrer eigenen fundamental-religiösen Weltordnung. Benjamin Barber hat seit Jahrzehnten auf die Gefahr der dialektischen Bipolarität zwischen Cola-Kultur und heiligem Krieg hingewiesen und wiederholt auch in der «Nation», dass man den Dschihad ablehnen kann, ohne Amerika lieben zu müssen.

«Wenn uns bloss die Wahl zwischen Mullahs und Mall (Einkaufszentrum) bleibt, zwischen der Hegemonie des religiösen Absolutismus und der Hegemonie des Marktes, können sich Freiheit und der menschliche Geist nicht entwickeln. Angesichts der hohen Kosten sowohl des terroristischen Fundamentalismus wie auch von dessen Bekämpfung müssen wir uns selbstkritische Fragen stellen. Wie kommt es, dass wir Theokratie rufen und die Nase rümpfen ob dem Geruch von Tyrannei, sobald wir sehen, wie eine Religion alle andern Lebensbereiche kolonisiert. Wenn wir sehen, wie die Politik alle andern Lebensbereiche kolonisiert, nennen wir es Absolutismus und zittern vor einem möglichen Totalitarismus. Aber wenn wir sehen, wie die Marktverhältnisse und der kommerzielle Konsumismus versuchen, alle andern Lebensbereiche zu kolonisieren, dann nennen wir das Freiheit und feiern deren Triumph.»

Zu viele John Walkers, fügt Barber hinzu, suchten eine Zuflucht vor dem aggressiven Materialismus und endeten in den Fängen einer andern aggressiven Ideologie. «Der einzige Krieg, den zu gewinnen sich lohnt, ist der Kampf für die Demokratie», schreibt Barber und zählt die Verdienste der «demokratischen RealistInnen» von den Solidaritätsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre bis zu den GlobalisierungsgegnerInnen unserer Tage auf. Grosszügig zählt Barber neben NGOs auch Uno-Gremien, George-Soros-Institute und selbst einzelne Projekte des US-Aussenministeriums zu dieser progressiven Zivilgesellschaft der MultilateralistInnen. Optimistisch prophezeit der Politikwissenschaftler, das traumatische Ende der (US-)Souveränität öffne ein Fenster für neue Aktionsformen – «dies ist die Stunde der Demokratie».

Kein Platz für Herzensgüte

So richtig und wichtig es ist, in den USA nach dem 11. September Demokratie als einigendes Prinzip für «antiterroristische» gesellschaftliche Kräfte zu bestätigen; als aussenpolitische Kategorie zur Deskription und Organisation von realen Beziehungen zwischen staatlichen Entitäten taugt der Begriff kaum. Auch wenn Barber noch so beharrlich umdefiniert – «Das hübsche Klischee von den Demokratien, die sich gegenseitig nicht bekämpfen, ist plötzlich zum handfesten realistischen Grundprinzip der nationalen Sicherheit geworden» –, der demokratische Internationalismus mutiert nicht einfach so zur neuen internationalen Realpolitik der Staatsoberhäupter, auch nicht auf dem beschränkten Gebiet der Terrorismusbekämpfung. Dagegen spricht nicht nur die von Barber selber exemplarisch zitierte antidemokratische Vergangenheit der US-Aussenpolitik. Oder die aktuelle Haltung des stellvertretenden Verteidigungsministers Paul D. Wolfowitz, der seine Verbündeten explizit «nicht nach der Güte ihres Herzens» aussucht, sondern durch «Furcht, auf die falsche Seite zu geraten», bei der Stange hält; der in Somalia gezielt «stellvertretende Kämpfer» wie die Anti-Taliban-Kräfte in Afghanistan sucht, während er in den kooperativen Philippinen die landeseigenen Streitkräfte in Antiterrorismus-Techniken ausbildet und sich kaum um längerfristige Bündnispartner kümmert («New York Times», 8. Januar 2002).

Zweifel sind sogar angesichts der bereits bestehenden Zusammenarbeit mit Demokratien angebracht. Inwieweit hat das Zusammengehen der Demokratie USA mit, gemäss Barber, relativ demokratischen Staaten wie Bangladesch, Indien oder der Türkei die innenpolitischen Probleme dieser Länder wie Rassismus, Verfolgung von Minderheiten, Verletzung der Menschenrechte gemindert? Und die Musterdemokratien Europas oder Kanada: Wenn sich die deutschen Grünen begeistert in den Antiterrorkampf stürzen, die Kanadier Kampftruppen nach Afghanistan entsenden – geschieht das aus demokratischen Beweggründen, oder erhofft man sich bloss einen bevorzugten Platz an der US-gelenkten geopolitischen Sonne?
Barber versucht noch und noch, die PolitikerInnen von der Rationalität einer interdemokratischen Aussenpolitik zu überzeugen:

«Im neuen Post-11.-September-Realismus wird es offensichtlich, dass die einzig wahren Freunde, die wir (das heisst die USA, ls.) haben, Demokratien sind. Und sie sind gerade deshalb Freunde, weil sie Demokratien sind und unsere Werte teilen, sogar wenn sie unsere Interessen anfechten und unsere Machtstellung kritisieren. Welcher wahre Realist würde im Krieg gegen den Terror oder im Krieg für die Freiheit das streitbare, ausnehmend antiamerikanische Frankreich gegen das grossspurig proamerikanische Saudi-Arabien hergeben?»

Vielleicht würde der wahre Realist, die überzeugte Internationalistin, die von linken und liberalen Intellektuelle in den USA immer dringlicher angesprochen werden, diesen Tausch nicht eingehen. Nicht diejenigen Regierungen und Zivilgesellschaften, die der Historiker Jeremy Brecher in seinem «offenen Brief eines Amerikaners an die Welt» am Jahresende um Hilfe angefleht hat. Doch der texanische Ölmagnat George W. Bush und seine Entourage würden sich die Sache gewiss zweimal überlegen. Ist der US-Präsident doch gerade dank seiner simplizistischen Weltsicht Gut vs. Böse – präzis: Dschihad vs. McWorld * – zurzeit ungeheuer populär; sogar die Afro-AmerikanerInnen, die geschlossen gegen ihn gestimmt hatten, unterstützen ihn jetzt gemäss Zeitungsumfragen zu 75 Prozent. Was, wenn «Amerika gespiegelt in seinem Führer» («New York Times») gar nicht die Realpolitik sucht, sondern den idealisierten Helden, das ewige Versprechen, den alten Frontier-Mythos, rot-weiss-blau gestreift?

* Benjamin R. Barbers Aufsatz «Jihad vs. McWorld» erschien zuerst in der US-Zeitschrift «Atlantic Monthly» im März 1992, sein gleichnamiges Buch erschien 1995, auf Deutsch «Coca-Cola und Heiliger Krieg», im Scherz Verlag.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch