06.03.2022

Saporischschja unter Beschuss

Von Susan Boos

Der Brand im AKW Saporischschja in einer VIdeoaufnahme vom 4. März. Screenshot: Zaporizhzhia Power Plant via Getty

Nicht nur ein militärischer Angriff auf AKWs kann eine atomare Katastrophe auslösen. Warum das ukrainische Stromnetz unbedingt funktionstüchtig bleiben muss.

Donnerstagnacht attackierten russische Truppen das AKW Saporischschja und nahmen das Kraftwerk danach ein. Anfänglich wirkte es, als ob sie die Reaktoren direkt beschossen hätten. Dem ist aber nicht so: Am nächsten Tag war klar, dass ein Projektil ein 400 Meter entferntes Trainingsgebäude getroffen hatte.

Saporischschja ist mit seinen sechs Reaktoren das grösste AKW Europas und deckt etwa ein Viertel des ukrainischen Strombedarfs. Die russischen Truppen wollen offensichtlich die Stromversorgung im Land schwächen, um das ukrainische Netz zu destabilisieren. Das Land ist aktuell im Inselbetrieb. Das bedeutet, dass das Stromnetz nicht mit ausländischen Netzen verbunden ist. Bricht das ukrainische Stromnetz zusammen, ist das Land mit einem Blackout konfrontiert, der die Kommunikation und die Grundversorgung fundamental bedroht.

Blackout verhindern

Bereits am 28. Februar bat der ukrainische Energieversorger Ukrenergo den Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber, das ukrainische Netz notfallmässig mit dem europäischen zu verbinden, um einen solchen Blackout zu verhindern. Das ist aber technisch gar nicht so rasch umsetzbar, da der ukrainische Netzbetrieb nicht europäischen Standards entspricht und auch die entsprechenden Verbindungsleitungen fehlen.

Ein funktionierendes Netz ist aber auch für AKWs relevant. Rafael Grossi, der Chef der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), appellierte am Freitag an der Pressekonferenz zu Saporischschja eindringlich, dass die Anbindung des AKW ans Netz gewährleistet bleiben müsse. Fünf Reaktoren sind aktuell heruntergefahren, der vierte soll noch mit verminderter Leistung laufen. Wenn dieser ebenfalls abgeschaltet ist, produziert die Anlage keinen Strom mehr. Im Ruhezustand entwickelt ein Reaktor aber immer noch sogenannte Nachzerfallswärme. Für die Kühlung braucht es Pumpen, die ohne Strom nicht laufen. Wird der Reaktor nicht weiter gekühlt, droht eine Kernschmelze wie in Fukushima.

Die Crews sind am Anschlag

Ist ein AKW vom Stromnetz abgekoppelt, sollten Notstromgeneratoren einspringen. Jedes AKW muss Diesel vorrätig haben, um die Notstromgeneratoren einige Tage betreiben zu können. Danach braucht es Nachschub – oder das AKW müsste wieder von aussen Strom erhalten. Ein Reaktor muss im abgeschalteten Zustand monatelang gekühlt werden.

Unklar ist, wo die Notstromgeneratoren in Saporischschja genau platziert sind. In einem modernen Atomkraftwerk sollten sie sicher gebunkert sein. Ob das bei den ukrainischen Anlagen auch so ist, das ist höchst ungewiss. Information dazu sind – vermutlich auch aus sicherheitstechnischen Gründen – zurzeit nicht erhältlich. Würden sie bei einem Angriff beschädigt, könnte dies verheerende Folgen haben, weil das Notkühlsystem nicht mehr funktionieren würde. In Fukushima waren diese Generatoren so ungeschickt platziert, dass sie durch den Tsunami absoffen und keinen Strom liefern konnten, weshalb es dann zur Dreifachkernschmelze kam.

Eine extreme Herausforderung stellt die gegenwärtige Situation auch für die Belegschaft dar. In Tschernobyl, das schon ganz zu Beginn des Krieges von den russischen Streitkräften eingenommen wurde, ist dieselbe Crew seit über zehn Tagen im Einsatz und total erschöpft. Auch sollen ihnen die Lebensmittel ausgehen, wie der Bürgermeister von Slawutisch – wo die meisten Tschernobyl-Angestellten leben – der «Ukrainska Prawda» berichtete. Dasselbe dürfte in Saporischschja passieren, weil es keinen geordneten Schichtwechsel gibt.