Nr. 13/2012 vom 29.03.2012

Von Störfällen kaum gestört

Trotz des Super-GAU in Fukushima und Bedenken in der Bevölkerung: Die Nuklearenergie steht bei den Regierungen Japans, Südkoreas und Chinas hoch im Kurs.

Von Wolfgang Pomrehn, Hongkong

Rechtzeitig zum Sommer will die japanische Regierung einige der 52 Atomkraftwerke, die seit der Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011 in Fukushima stillstehen, wieder in Betrieb nehmen. In der heissen Jahreszeit ist wegen der vielen Klimaanlagen auf den ostasiatischen Inseln der Stromverbrauch besonders hoch. In den nächsten Wochen wird der formelle Antrag der Tokioter Regierung erwartet. Das letzte Wort sollen allerdings die betroffenen Lokalbehörden haben, die mittlerweile zumeist atomkraftkritisch eingestellt sind. Genauso wie die Mehrheit der Bevölkerung, wie mehrere Meinungsumfragen zeigen. Ob die Regierung ihren Plan umsetzen kann, ist somit ungewiss.

Neue Reaktoren trotz Störfall

Südkorea hat hingegen seine Energiepolitik seit der Katastrophe von Fukushima nicht einmal zwischenzeitlich angepasst. In Japans Nachbarland gingen im Januar 2 neue Reaktoren in Betrieb. Damit sind in Südkorea 23 Atommeiler aktiv, die knapp 35 Prozent des inländischen Strombedarfs abdecken. 3 weitere Reaktoren befinden sich im Bau, und mindestens 9 könnten noch folgen. Bis 2030, schrieb die Zeitung «The Korea Herald», soll sich nach der offiziellen Planung der Anteil des Atomstroms auf knapp 60 Prozent erhöhen.

Dabei gibt es auch in Südkorea Warnsignale: Im AKW Gijang-gun in der Nähe der südlichen Stadt Busan führte am 9. Februar ein Bedienungsfehler dazu, dass einer der Reaktoren für zwölf Minuten von der Stromversorgung abgeschnitten war. Anstatt sofort die Notkühlung einzuschalten, versuchten die verantwortlichen Mitarbeitenden zunächst, die Verbindung zum öffentlichen Stromnetz wiederherzustellen. Der Reaktor war zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht in Betrieb, musste aber wegen der anfallenden erheblichen Restzerfallswärme trotzdem gekühlt werden. Eine längere Zeit ohne Kühlung hätte zu einer Kernschmelze geführt.

Bedenklich an dem Vorfall ist nicht zuletzt, dass er nur zufällig an die Öffentlichkeit gelangte – weil ein Mitglied des Stadtrats von Busan hörte, wie AKW-Angestellte darüber sprachen. Der staatliche Betreiber, Korea Hydro and Nuclear Power Company, versäumte es hingegen, das zuständige Ministerium zu informieren.

Der Störfall nützt immerhin der Opposition. Am 11. April finden in Südkorea Parlamentswahlen statt, und die Vereinigte Demokratische Partei hat gute Aussichten auf einen erheblichen Stimmengewinn. Die Partei verspricht für den Fall eines Wahlsiegs eine Umkehr in der Energiepolitik. «Ich sehe in der Fukushima-Krise eine schockierende Warnung an die Menschheit», sagte die Parteivorsitzende Han Myeong-Sook kurz nach dem Jahrestag der japanischen Reaktorkatastrophe. Geht es nach ihr, so sollen alle Ausbaupläne beerdigt, die bestehenden Reaktoren schrittweise abgeschaltet und erneuerbare Energieträger gefördert werden.

Die grossen Pläne Chinas

Grosse Pläne, ihre AKW-Kapazität auszubauen, hegt die Volksrepublik China. Derzeit ist der Beitrag der 16 eher kleinen Reaktoren mit nicht ganz zwei Prozent der gesamten Stromversorgung bescheiden. Allerdings befinden sich 26 Atomreaktoren im Bau, und gemäss offiziellen Planzahlen kommen bis 2020 rund 20 weitere Meiler hinzu. Doch selbst dann wird wegen des rasch wachsenden Strombedarfs der neuen Wirtschaftsmacht der Stromanteil aus der Atomkraft an der Gesamtversorgung kaum über fünf Prozent hinausgehen.

Ganz ohne Widerspruch bleibt das Atomprogramm selbst in China nicht. In der westlich von Schanghai gelegenen Inlandsprovinz Anhui wehrt sich ein Bezirk gegen den Bau eines AKWs in seiner Nachbarschaft. Nach einem Bericht der chinesischen Wirtschaftszeitung «Caixin» haben vier ehemalige Funktionäre der Kommunistischen Partei des Bezirks Wangjiang schon im Sommer letzten Jahres eine Petition an die Regierung in Beijing verfasst. Darin steht unter anderem, dass für den Bau des AKWs Penze am Jangtse Bevölkerungsdaten gefälscht worden seien. Seismische Daten seien unzuverlässig, und die Bevölkerung sei während einer öffentlichen Befragung mit Geschenken bestochen worden.

Die vier Pensionäre konnten zwar die Zentralregierung noch nicht überzeugen, haben mit ihren Aktivitäten jedoch ziemlich viel Staub aufgewirbelt – ihre Stimmen werden nicht mehr so ohne Weiteres zum Schweigen zu bringen sein. Angesichts der ständigen Sorge der chinesischen Führung vor sozialen Unruhen könnte es also durchaus sein, dass in China der eine oder andere AKW-Plan zu Fall gebracht wird.

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