11.05.2022

Der Wunsch nach einer «Stunde null»

Von Daniela Janser

Von rechts: Anna Jikhareva, Michail Schischkin, Kaspar Surber und Marta Havryshko (daneben Übersetzerin Franziska Meister). Foto: Tatjana Rüegsegger

Ein Podium am WOZ-Fest eröffnete drei Perspektiven auf den Krieg: von der geflüchteten Geschlechterforscherin, vom Schriftsteller im Exil, von der Reporterin.

Wer bezahlt diesen Krieg? Diese weitreichende Frage brachte die WOZ-Reporterin Anna Jikhareva direkt aus der westukrainischen Stadt Lwiw mit in die Rote Fabrik nach Zürich. Zum nachdenklichen Auftakt des Fests zum 41. Geburtstag der WOZ wurde letzten Samstag über den Ukrainekrieg diskutiert.

Auf dem Podium sassen die ukrainische Holocaust- und Geschlechterforscherin Marta Havryshko, die in Moskau geborene WOZ-Reporterin Anna Jikhareva und der russische Schriftsteller Michail Schischkin, der seit vielen Jahren in der Schweiz lebt. WOZ-Koredaktionsleiter Kaspar Surber führte durch das Gespräch.

Wer bezahlt diesen Krieg? Vorläufig scheint die Antwort klar: Die Ukrainerinnen und die Ukrainer – mit ihrem Leben, mit der Zerstörung ihrer Städte, mit dem Verlust ihrer Vorkriegsexistenz. Marta Havryshko betonte auch, dass einmal mehr die Frauen zusätzlich einen hohen Preis zahlten; weil der Krieg alte Geschlechterstereotype neu verschärfe, vor allem aber, weil sexuelle Gewalt auch in diesem Krieg gezielt als Waffe eingesetzt werde.

Staatsschulden erlassen

Aus einer linken Perspektive muss die Beantwortung der Frage zwingend mit politischen Forderungen verknüpft werden: Nicht die Arbeiter:innen sollten diesen Krieg am Ende bezahlen müssen, sondern die Oligarchen, zusammen mit anderen Mächtigen und Superreichen.

Eine weiteres Anliegen, das Anna Jikhareva vom Kongress in Lwiw mitbrachte, wo ukrainische Gewerkschafter:innen, Aktivistinnen und Anarchisten mit Delegationen aus anderen Ländern zusammengekommen waren: Der Westen sollte der Ukraine die Staatsschulden erlassen, humanitäre Hilfe leisten – aber auch schwere Waffen liefern.

Unter den in Lwiw versammelten Linken habe es in dieser Frage keine Zweifel gegeben: Der Krieg gegen Putin müsse unbedingt gewonnen werden. Dabei stehe nichts weniger auf dem Spiel als die Verteidigung der Freiheit und der Zukunft von uns allen. Das war auch Marta Havryshkos klare Botschaft.

Kollektive Schuld

Der international bekannte Autor Michail Schischkin vertrat ebenso deutliche Positionen: «Das Russland Putins muss aufhören zu existieren.» Bedingung für einen Neuanfang in Russland sei eine «Stunde null», zu der eine kollektive Schuldanerkennung gehöre. Putin erteile zwar die Befehle, an ihrer Ausführung seien jedoch sehr viele Russ:innen beteiligt: die Generäle und die Soldat:innen im Krieg natürlich, aber auch zahlreiche Bürger:innen im Land selber, weil sie die Kremlpropaganda unhinterfragt glaubten und weiterverbreiteten.

Bezüglich der Erfüllung seiner Forderungen blieb Schischkin pessimistisch – wofür er sich entschuldigte. Russland werde den Krieg am Ende verlieren, so viel sei für ihn klar. Eine erfolgreiche «Entputinisierung» Russlands sei trotzdem nicht zu erwarten. Es gebe schlicht nicht genug progressive politische Kräfte im Land, um Kriegsverbrecher konsequent zu verfolgen und ein neues Russland aufzubauen.

Was Schischkin ebenfalls beschäftigt: dass der 9. Mai als wichtiger historischer Symboltag für den Sieg über Nazideutschland nun mit dem verbrecherischen Angriffskrieg gegen die Ukraine überblendet werde.

«Lasst uns in Frieden»

Was tun? Der kommende Wiederaufbau sollte nach neuen Regeln vonstatten gehen: Der erdölgetriebene Kapitalismus sei in keinerlei Hinsicht ein Zukunftsmodell, sondern vielmehr ein Garant für weitere Kriege. Dies eine weitere Erkenntnis aus Lwiw.

Und was ist eigentlich mit der eidgenössischen Taskforce, die Oligarchengelder aufspüren sollte? Marta Havryshkos emotionaler Appell: Schweigen sei eine Form von Komplizenschaft. Und an die Adresse der russischen Armee: «Ihr müsst uns nicht befreien, lasst uns in Frieden. Unternehmt besser etwas gegen euren Diktator.»

Michail Schischkin wiederum betonte die kleinen Gesten: Jeder und jede müsse das tun, was er oder sie halt könne. So würden im Alltag viele kleine und doch entscheidende Siege gegen Putin errungen. Etwas Hoffnung lag damit am Schluss doch noch in der Luft.

Die Reportage von Anna Jikhareva aus Lwiw findet sich hier.