29.11.2015

Je suis Jocelyne

Von Marcel Hänggi

Statt der verbotenen Demo: Schuhe als Platzhalter auf der Place de la République in Paris. (Bild: 350.org)

Grosses weltweites Aktionswochenende vor dem Beginn der Klimakonferenz: In – nach Angaben der Organisatoren – über 175 Staaten weltweit finden heute und morgen über 2000 Kundgebungen statt und rufen zu entschiedenem Handeln auf. Rund um die Welt – aber nicht dort, wo am Montag die Klimakonferenz beginnt: in Paris. Die Regierung hat Demos nach den Terrorattacken vom 13. November verboten. Und deshalb bin ich heute auch für Jocelyne unterwegs (salut, Jocelyne!): Über die Aktion March 4 Me konnten KundgebungsteilnehmerInnen weltweit das Patronat für jemanden übernehmen, der oder die in Paris am heutigen Klimamarsch hätten teilnehmen wollen, nun aber nicht kann. Rund 24000 Paare hat die Webplattform zusammengestellt: Patricia aus Thailand marschiert für Geraldine, Joni aus Finnland für Marianne, Henriette aus Norwegen für Bernard – und ich eben für Jocelyne. In Paris fand immerhin eine eindrückliche Aktion statt: Anstelle von Menschen «demonstrierten» deren Schuhe. (Nachtrag am Sonntag Mittag: Statt zur verbotenen Demonstation trafen sich in Paris am Sonntag Tausende und bildeten eine Menschenkette, desgleichen in Brüssel; später setzt die Polizei auf der Place de la République Tränengas ein. Nähere Informationen dazu gibt's hier bei der taz; ein Video zu den Polizeieinsätzen hier.)

Wobei ich nicht wirklich marschierte: In Zürich fand die Kundgebung ohne Umzug auf dem Helvetiaplatz statt. Während weltweit wohl viele Hunderttausende auf die Strassen gingen (Impressionen hier) – in Melbourne beispielsweise sollen es 40000 gewesen sein –, sah Zürich eher ein Demonstratiönlein mit gut tausend Leuten (eigene Schätzung; laut den Veranstaltern 2000). Man holt hierzulande mit dem Klimawandel nicht viele Leute hinter dem Ofen hervor – oder besser: von den Weihnachtseinkaufstouren weg. Woran es liegen mag? Wir haben diesen Herbst ja auch einen nationalen Wahlkampf erlebt, in dem kaum jemand über Themen wie Klima, Umwelt, Energie oder Verkehr sprach. Weder Politik noch Medien konnten sich allzusehr dafür erwärmen.

Aber zurück zum Demo-Verbot für Jocelyne & Co.: Der wegen der Gefahr des islamistischen Terrors verhängte dreimonatige Ausnahmezustand wird nun auch gegen die Klimabewegung genutzt. Wie die französische Menschenrechtsliga in einem Communiqué mitteilt, hat das Innenministerium gegen einen Juristen vom Rechtsteam der Klimakoalition, Joël Domenjoud, einen Hausarrest verhängt, den nur das Notrecht ermöglicht. Domenjoud hatte gegen das Demonstrationsverbot rekurriert (siehe dazu ein Interview mit Domenjoud in der «Tageszeitung»). Neben Domenjoud sollen 24 weitere AktivistInnen von der selben Massnahme betroffen sein.

Es ist erstaunlich, wie wenig bislang von den Zusammenhängen der beiden Ereignisse, die derzeit mit dem Stichwort «Paris» assoziiert werden, die Rede war: Klimawandel und Terrorismus. Gewiss, es gibt da keine simplen Kausalitäten, und doch hängt vieles zusammen. Syrien, wo jetzt französische Bomben fallen, um die Ohnmacht der Grande Nation zu kaschieren, bietet dem IS eine Basis, weil der Staat vom Bürgerkrieg zerrissen ist, und dieser Krieg, für den die Hauptschuld zweifellos das Assad-Regime trägt, ist ausgebrochen, nachdem schwere Dürren Hungersnöte verursacht haben; Dürren, wie sie mit dem Klimawandel häufiger werden. Bettina Dyttrich hat auf der Titelseite der aktuellen WOZ darauf hingewiesen, dass Harald Welzer in seinem Buch «Klimakriege» vor sieben Jahren Szenarien skizziert hat, wie wir sie heute sehen. Ich habe Welzer am letzten Donnerstag getroffen, und er sagte, er sei kürzlich beim Wiederlesen seines Buchs genau darüber erschrocken. Und es geht natürlich weiter mit den Zusammenhängen: Der Aufstieg des sunnitisch-islamistischen Dschihadismus wäre ohne Unterstützung aus Saudi-Arabien kaum möglich gewesen. Saudi-Arabien aber ist nicht nur reich wegen seines Erdöls; auch das die Menschenrechte missachtende saudische Königshaus hält sich deshalb an der Macht, weil es seinen westlichen Schutzmächten billiges Öl liefert. Terrorismus wie Klimawandel haben viel mit unserer Abhängigkeit vom Erdöl zu tun.

Doch noch einmal zu Jocelyne: Es gibt im Journalismus ein Motto, das viele hochhalten: «Mach dich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit der besten.» Der Journalist, die Journalistin soll immer unabhängig bleiben. Ich halte Unabhängigkeit im Journalismus für ein hohes Gut – aber auf dem Helvetiaplatz war ich sowohl als Blogger für die WOZ wie als Demonstrant für mich selbst und die mir unbekannte Jocelyne. Ergibt sich daraus nicht ein Interessenkonflikt? Gewiss – aber es ist einer, der unvermeidbar ist und den ich nicht mit hehren Unabhängigkeits-Maximen wegreden mag: Ich bin als Journalist ja immer auch (und in erster Linie) Mensch, und deshalb kann ich mich mit der Sache des Überlebens der Menschheit nicht nicht gemein machen.