16.10.2016

Von der New Tiger Bar in die Koje

Von Noëmi Landolt

1200 Liter Wasser gekauft. Der Lidl fürchtet um seine Bestände.

Samstag, 15. Oktober, 00.27 Uhr

Sich nachts im Hafenviertel zu verirren, ist keine gute Idee. Google Maps führt uns nicht zum Schiff, sondern zur New Tiger Bar im Dock 7 im Ort Marsa. Heruntergekommene Hafengebäude. Verrostete und verlassene Kähne im Wasser. Schiffsfriedhof. Männer die auf der Strasse grillieren. Musik kommt von irgendwoher. Ein Typ in einem Jeep dreht seine Kreise um uns. Wir sind die einzigen zwei Frauen weit und breit. Anruf bei der Crew: «Bloss weg da!» Wir gehen also zurück, wissen immer noch nicht, wohin, beim grossen Kreisel hinter der Moschee werden wir abgeholt. Fünf Minuten später endlich bei der «Sea-Watch 2». Der Grill ist schon fast aus. Ein paar grillierte Zucchetti und lauwarme Tofuburger sind noch da. Das Essen kaum runtergeschluckt, legt das Gummiboot schon wieder ab. Fahren dorthin, wo wir uns eine Stunde zuvor verirrt hatten: zur New Tiger Bar, um die sich so manches Gerücht rankt, wie es sich für eine Hafenkneipe gehört. Sie ist ein Treffpunkt für afrikanische Migranten. Irgendwo in Eritrea soll es eine Tiger Bar geben, vor 35 Jahren wurde auf Malta das Pendant eröffnet. Die meisten Gäste der New Tiger Bar sind wohl auch mit einem kleinen Boot von Libyen her gekommen. Vielleicht gar von einem Schiff wie der «Sea-Watch» aus dem Wasser gezogen. Als «dodgy» würde man auf Englisch diesen Ort bezeichnen. Vor der Bar brät ein Mann Fleischspiesse. Es läuft eritreischer Pop. Später R'n'B. Totales Kontrastprogramm zum Touristenzentrum Vallettas. Wir gehören nicht dazu, doch niemand stört sich an uns. Manche kennen die Sea-Watch-Leute wohl auch schon. Nur einer fragt: «What are you doing here? This is black country.» – «It's a nice place», reicht ihm als Antwort, High Five. Dann fragt er uns, ob wir ihm eine Kuh besorgen können.

Später lese ich in einem Bericht des Deutschlandfunks, dass die andere Hälfte des Gebäudes mit der Bar eine Flüchtlingsunterkunft ist, das Marsa Open Center. Tausende Flüchtlinge sind auf Malta gestrandet. Hierhin wollte kaum einer. Auch Kanaan aus Kenia nicht, der vor der Bar ein Zigarette raucht. Zwanzig Jahre alt, seit drei Jahren in Malta, seine Familie in Skandinavien, wo auch er hinwill. Aber das Wetter sei sehr schön auf Malta.

Über einen dunklen Gang und ein Treppenhaus in den ersten Stock zu einem winzigen Discoraum: an den Wänden Lametta, das auch schon bessere Tage gesehen hat. Die Luft zum Zerschneiden. Im grossen Raum davor spielen ein paar Männer Domino. Das Gebäude hat den Charme eines autonomen Jugendzentrums. Weiter oben soll es noch einen weiteren Tanzraum geben. Ebenso einen Coiffeursalon und einen Gebetsraum. Dann plötzlich Musik aus. Polizei. Vier kräftig parfümierte Typen mit dicken Bäuchen und kleinen Köpfen auf ihren breiten Schultern. «It's not allowed to smoke in here.» Ausweiskontrolle, die übliche Schikane. Später wird die Polizei noch mal kommen und den Coiffeur verhaften, dessen Kunde mit einem halb fertigen Haarschnitt zurückbleibt.

Doch dann bin ich längst weg. Mit dem Gummiboot in die Burg gefahren. Ich lege mich gegen Mitternacht auf den Balkon. In der Hoffnung, dass der Wind die Moskitos davon abhält, mich eine weitere Nacht zu piesacken, mal wieder eine Nacht durchschlafen zu können.

 

04.30 Uhr

Es fängt an zu regnen.

 

23.00 Uhr

Morgens Briefing, mittags mit Friedrich, unserem Koch, zum Einkaufen gefahren. An die 1200 Liter Wasser gekauft. Die grossen Flaschen für die Crew, die kleinen für unsere Gäste, die wir in den nächsten zwei Wochen allenfalls an Bord nehmen werden. Wir verbringen gefühlte zwei Tage im Lidl, dessen Lagerist uns bittet, doch das nächste Mal vorher anzurufen, damit auch noch genug Wasser für die anderen KundInnen übrig bleibe. Unsere Vorratsräume werden aus allen Nähten platzen.

Jetzt erste Nacht auf dem Schiff. Wir bleiben noch im Hafen. Neben uns ankert die «Phoenix» der Migrant Offshore Aid Station (MOAS), eines der Seenotrettungsschiffe eines Millionärsehepaars aus England. Man könnte fast sagen ArbeitskollegInnen der Sea-Watch. Doch an Bord der «Phoenix» arbeiten professionelle, bezahlte Seeleute aus verschiedenen Ländern, viele Filipinos. Es fährt auch stets ein Container mit Hightechdrohnen mit, die die Wasseroberfläche absuchen. Als die «Phoenix» anlegte, standen drei sorgfältig geschminkte und frisierte Frauen an Land. Sie warteten darauf, dass ihre Männer an Land kommen.

Ich beziehe meine Kabine unter Deck. Knapp vier Quadratmeter gross. Und doch Platz für Koje, Tisch und Schrank. Auf einem Tragbalken an der Decke steht «Fit for one seaman». Irgendwie freue ich mich darüber. Als ob der Balken mir mitteilen wollte, ich sei nun ein Seemann. Wir werden sehen, wie seefest ich wirklich bin.

Wenn ich das Licht lösche, leuchtet schwach der «Exit»-Aufkleber.