20.10.2016

Von Ratten und Nasenbluten

Von Noëmi Landolt

Mittwoch, 19. Oktober, 21.16 Uhr

Morgens Schwimmwesten gezählt und zum Auslüften aufgehängt. Um 12.35 Uhr erster Notruf über Funk. Ein Gemisch aus Italienisch und Arabisch: «Aiuto, aiuto! – Hilfe, Hilfe! Wir haben eine sterbende Person an Bord.» Die Funkverbindung ist so schlecht wie mein Italienisch und das des Anrufers. Ingo, Head of Mission und Garagist aus Hamburg, fragt nach den Koordinaten. Informiert das Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) in Rom, das alle Rettungseinsätze vor der lybischen Zwölfmeilenzone koordiniert und uns den Auftrag gibt, hinzufahren. Eine Übersetzerin der «Bourbon Argos», eines Schiffs von Médecins Sans Frontières (MSF), kommt uns zu Hilfe, spricht ausführlich auf Arabisch mit dem libyschen Fischerboot, das den Notruf gesendet hat. Wir hören per Funk mit. Alles klingt nun weniger dramatisch. Ein Mann habe einen Fischerhaken in der Nase und blute, sei aber nicht am Sterben. Als wir beim Fischerboot ankommen, fährt es uns davon, (warum, fragen wir uns noch immer), wir hinterher. Am Schiff weht die libysche und einer der Fischer schwenkt eine weisse Flagge. Die «Bourbon Argos» kommt ebenfalls hinzu und schickt ein Schnellboot mit einem arabisch sprechenden Arzt hin. Es nimmt die Verletzten an Bord, macht aber auf halber Strecke Richtung Mutterschiff kehrt und bringt die Fischer wieder zurück auf ihr eigenes Boot – mit dem Rat, nach Zuwara ins Krankenhaus zu fahren. Kein Notfall, wie sie uns etwas später über Funk mitteilen.

Friedrich, der Koch, hat sich derweil auf die Suche nach dem Ursprung des üblen Geruchs in meinem Zimmer gemacht. Hinter dem Täfer der Aussenwand findet er schliesslich eine Ratte, die sich dort wohl schon vor einer Weile zum Sterben hingelegt hatte. Zum Dank mache ich Friedrich eine Virgin Pina Colada. Er sagt, dass er nun hoffe, jeden Tag eine Ratte zu finden.

Bei Sonnenuntergang das erste Mal im Meer geschwommen. Ich finde eine schwimmende Ananas. Das Wasser ist unglaublich warm.

Die See war heute den ganzen Tag ruhig. Östlich von Tripolis hat die «Minden» 140 Leute gerettet. Sieben sind ertrunken, als das Holzboot zerbrach. Uns ist nicht klar, wieso zurzeit nicht mehr Boote kommen. Versuchen herauszufinden, was in Libyen los ist. Vielleicht ist wieder einmal eine Gummibootfabrik abgebrannt, wie vor einigen Monaten. Morgens um zehn haben wir am Horizont zwei Rauchsäulen gesehen, daneben ein grosses Schiff. Vermutlich ein Militärschiff, das im Rahmen der Schlepperbekämpfungsmission «Sophia» zwei Boote abfackelt.

Trotz des allgegenwärtigen Schaukelns vergesse ich manchmal, dass ich auf einem Schiff bin. Vor allem beim Aufwachen bin ich immer für eine Millisekunde erstaunt, wenn ich draussen das Meer sehe. Nur Meer. Wasser, soweit das Auge reicht. Die «Sea-Watch» ist mittlerweile zu meinem Haus, die Crew zu einer Art WG geworden. Sechzehn Menschen, die sich vorher nicht gekannt haben, verbringen zwei Wochen in einer Metallkiste auf hoher See. Guter Stoff für eine Realityshow. Das dachte sich auch der Journalist, der letztes Jahr bei der allerersten Fahrt der «Sea-Watch 1» täglich eine Sendung über den Alltag auf dem Schiff senden wollte. Doch die Crew hatte keinen Bock auf «Big Brother», setzte den Journalisten in Lampedusa ab und fuhr ohne ihn weiter.

21.40 Uhr

Die Nachtwache auf der Brücke hört Radio. Am Horizont steigt ein Feuerball auf. Ich habe mich immer gefragt, wie ein blutroter Mond aussieht und wo es den zu sehen gibt. Ich weiss es noch immer nicht. Denn blutrot ist der Mond auch hier nicht. Aber knallorange. Und riesengross.