29.10.2016

Das rettende letzte Boot

Von Noëmi Landolt

Shuttleservice zur «Asso Venticinque».

Samstag, 29. Oktober, 21.08 Uhr

Wir liegen seit gut fünf Stunden vor Malta. Warten darauf, in den Hafen gelassen zu werden. Doch die See ist noch zu unruhig, zu grosse Dünung, zu viel Wind. Morgen Mittag sollte es möglich sein. Habe die letzten 36 Stunden mehr oder weniger schlafend verbracht. Jetzt wieder wohlauf. Weniger Geschaukel. Sehne mich dennoch nach Stillstand. Vierzehn Tage lang pausenlos in Bewegung zu sein, selbst im Schlaf, ist anstrengend für den Körper.

Denke noch immer viel an unseren letzten Rettungseinsatz. Gegen zehn Uhr am Donnerstagmorgen haben wir es gefunden: Ein Gummiboot voll mit 137 Menschen, die uns freudig zuwinkten und dann direkt von ihrem Boot zu uns an Bord kletterten. Manche liessen sich gleich auf den Boden fallen – nicht vor Schwäche und Erschöpfung, sondern um den Boden zu küssen, zu beten. Oder sie fielen uns um den Hals. Ich werde die Frau nie vergessen, die mich an sich drückte und sagte: «I've missed you so much.» Es war ein besonderes Boot mit Menschen voll unfassbarer Zuversicht. «Wir hatten gerade noch über den Tod gesprochen», sagt einer. «Und nun sind wir bei euch wie bei Freunden.» An Bord der «Sea-Watch 2» beginnen sie zu tanzen und singen: «Forza! Forza! Forza!» Die meisten so jung, dass man meinen könnte, TeilnehmerInnen einer Klassenfahrt aufgegabelt zu haben. Viele Paare und FreundInnen, die sich umeinander kümmern. Alle kommen aus demselben Camp in Libyen.

Zum Beispiel Kalissa. Sie passt auf ihre Freundin Joy auf, die im Medic-Raum schläft. Kalissa ist zwanzig, hat vor vier Jahren ihre Heimat Togo verlassen und in Kuwait, Saudi Arabien und Ägypten als Hausangestellte gearbeitet. Sie spricht fliessend Französisch, Englisch, Arabisch. Ein globalisiertes Leben, nur sind ihr die angenehmen, klimatisierten Reisewege der «global players» verschlossen. Bereits zwei Nächte vor der Überfahrt war sie mit einem Sack über dem Kopf auf der Ladefläche eines Lastwagens vom Camp an irgendeinen Strand gebracht worden. Hatte Stunden im Sand eingegraben auf das Kommando gewartet, war aufs Boot gerannt – und gut eine halbe Stunde später von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück an Land geschleppt worden. Jetzt beim zweiten Versuch hat es geklappt. Für diesen musste sie nochmal zahlen. 1000 Dinar. «Es ist nicht einfach», sagt sie immer wieder. Aber es ist mehr eine Feststellung als eine Klage. Man muss sich halt durchschlagen. Jetzt nach Deutschland, wo ihr Freund bereits auf sie wartet.

Immer wieder schaut auch Abdul-Aziz aus Gambia im Medic-Raum vorbei. Die schlafende Joy ist seine Freundin. Kennengelernt haben sie sich im Camp in Libyen, wo er geschlagen und misshandelt wurde, wo sein bester Freund vor seinen Augen erschossen wurde. Was mit den Frauen geschieht, darüber will niemand sprechen. «Für sie ist es noch schlimmer», sagt Abdul-Aziz nur. Gerade mal siebzehn, hat er die letzten drei Jahre in Libyen verbracht. Als Zwangsarbeiter. Und er spricht, als hätte er in dieser Zeit täglich Zeitung gelesen. Über den Syrienkonflikt, den Ausnahmezustand in der Türkei, Wirtschaftskrise in Griechenland, Korruptionsaffären um Sepp Blatter … Dies ist ist sein fünfter Versuch, nach Europa zu kommen. Diesmal scheint es zu klappen. So wie alles an diesem Tag. Für einmal läuft alles wie gewünscht. Gegen Abend kommt das italienische Versorgungsschiff Asso Venticinque. Im Sonnenuntergangslicht mit schäfchenwolkigem Himmel shutteln wir unsere Gäste auf das Schiff, das sie nach Italien bringen wird. Auch die kleinen Vögel, die unser Schiff schon seit Tagen begleiten, machen mit: Das Rotkehlchen lässt sich auf dem Kopf eines Gasts nieder, der schon im Schnellboot sitzt. Noch einmal lachen wir zusammen und winken uns auf Wiedersehen. Dieser Tag, dieses Boot, diese Menschen, sie haben auch mich gerettet, irgendwie.