20.09.2001

Unheilvolle Aussichten

Um Schlimmeres zu verhüten, plädiert Noam Chomsky, Linguist und Kritiker der US-Machtpolitik, für Verständnis.

Von Noam Chomsky

Die Terroranschläge [vom 9. September] waren ausserordentliche Gräueltaten. Ihr Ausmass mag dem Vergleich mit manchen anderen vielleicht nicht standhalten, beispielsweise mit Bill Clintons Bombardement des Sudans ohne glaubwürdigen Vorwand, das die Hälfte der pharmazeutischen Versorgung des Landes zerstörte und eine unbekannte Zahl von Menschen tötete. ( Am 20. August 1998 bombardierten die USA, im Alleingang und auf dem Höhepunkt der Affäre um Monica Lewinsky, Ziele in Afghanistan und im Sudan mit Marschflugkörpern als Vergeltung für Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam.)

Ganz zu schweigen von anderen viel schlimmeren Fällen, die uns leicht in den Sinn kommen. Aber es steht ausser Frage, dass es sich um ein schreckliches Verbrechen handelt. Wie üblich waren seine ersten Opfer werktätige Menschen, Abwarte, Sekretärinnen, Feuerwehrleute und so weiter. Es wird sich wohl als vernichtender Schlag gegen die PalästinenserInnen und andere arme und unterdrückte Menschen herausstellen. Ebenso wahrscheinlich ist, dass es zu verschärften Sicherheitskontrollen führen wird, mit weitgehenden Einschränkungen der Bürgerrechte und unserer Freiheiten.

Die Ereignisse enthüllen dramatisch die Dummheit des Raketenabwehrprojektes. Schon lange ist offensichtlich, und StrategieexpertInnen haben wiederholt darauf hingewiesen, dass jene, die den Vereinigten Staaten grossen Schaden zufügen wollen, nicht mit Raketen angreifen und deren garantierte und unverzügliche Zerstörung in Kauf nehmen werden. Dafür gibt es unzählige einfachere Methoden, die so gut wie nicht zu verhindern sind. Doch die jüngsten Ereignisse werden höchstwahrscheinlich dazu benutzt werden, den Druck zur Entwicklung und Realisierung solcher Raketenabwehrsysteme zu erhöhen. «Verteidigung» ist ein dünnes Deckmäntelchen für Pläne zur Militarisierung des Weltraumes, aber mit guter Propaganda erhält sogar das dürftigste Argument Gewicht bei der verängstigten Öffentlichkeit.

Kurz, das Verbrechen ist ein Geschenk an die harte chauvinistische Rechte, an jene, die ihren Herrschaftsbereich mit Gewalt kontrollieren wollen. Und dabei sprechen wir noch nicht einmal von den voraussichtlichen US-Aktionen und davon, was diese auslösen werden – höchstwahrscheinlich noch mehr Angriffe wie diese oder schlimmere. Die Zukunftsaussichten sind sogar noch unheilvoller, als sie vor den jüngsten Gräueltaten zu sein schienen.

Was unsere Reaktion betrifft, haben wir die Wahl. Wir können berechtigte Abscheu äussern; wir können aber auch zu verstehen versuchen, was zu den Verbrechen geführt haben könnte. Dies bedeutet, dass wir uns bemühen müssen, uns in den Geist der mutmasslichen Attentäter zu versetzen. Wenn wir diese zweite Möglichkeit wählen, dann gibt es wohl keinen besseren Weg, als den Worten von Robert Fisk zuzuhören (Robert Fisk war Nahost-Korrespondent der britischen Tageszeitung «The Independent» – viele seiner Texte erscheinen auch in der WOZ, Red.). Fisks Kenntnis und sein Einblick in die Angelegenheiten der Region sind nach seiner jahrelangen, hervorragenden Berichterstattung aus der Gegend unerreicht.

In der Schilderung «der Boshaftigkeit und der ungemeinen Grausamkeit einer unterdrückten und gedemütigten Nation» schreibt er: «Dies ist nicht der Krieg zwischen Demokratie und Terror, wie man die Welt in nächster Zeit glauben machen will. Das hat vielmehr zu tun mit amerikanischen Raketen, die palästinensische Häuser zertrümmern, mit US-Helikoptern, die 1996 Raketen auf eine libanesische Ambulanz feuerten, mit amerikanischen Granaten, die in ein Dorf namens Qana krachten, und mit einer libanesischen Miliz, bezahlt und ausgerüstet vom amerikanischen Verbündeten Israel, die vernichtend, vergewaltigend und mordend durch Flüchtlingslager zieht.» Und vieles mehr.

Erneut haben wir die Wahl: Wir können versuchen zu verstehen, oder wir können uns weigern, dies zu tun, und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass noch viel Schlimmeres auf uns zukommt.

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