07.10.2004

Ständiges Powerplay

Die AraberInnen machen sich selber zu Geiseln höherer Mächte, schreibt der Filmemacher Subhi al-Zobaidi. Nichts geht ohne die westliche Kultur, und nichts geht ohne Religion.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

«Armes Mexiko, so weit weg von Gott, so nahe an den USA.» Dies sagte der berüchtigte mexikanische Diktator Porfirio Díaz. Ich mag den Spruch und zitiere ihn oft. Aber auf meine Art, auf arabische Art. Ich eigne ihn mir an, und benütze ihn als Vehikel, um eine gewisse Beklemmung auszudrücken: «Arme arabische Welt», sage ich, «so weit weg von den USA und so nahe an Gott.»

Ich zappe zwischen fünfzig arabischen Satellitensendern, und in jeder Minute wird mir versichert, dass mein Platz als Araber, mein geistiger Raum, mein kultureller Raum von zwei wesentlichen Faktoren eingegrenzt ist: von Gott und den USA. Ich sehe schlechte Imitationen amerikanischer Talkshows, Live-Übertragungen aus amerikanischen F-16, die arabische Städte bombardieren, billig gemachte Videoclips, durch und durch von amerikanischen Fantasien durchtränkt: grosse Autos, viele Frauen, mehr grosse Autos, noch mehr Frauen, Nescafé, Oper, Action-Film-Nacht, die Serien «Seinfeld» und «Friends», und George Bush und das Weisse Haus.

In seriöseren Programmen sehen wir Muslime und Islamisten, die in nächtelangen Talkshows ständig neu interpretiert werden. Seit dem 11. September 2001 ist Amerika überall, wir lieben es, wir hassen es, wir können ihm nicht ausweichen. Wir schwanken hin und her: Wir verteidigen uns gegen Amerika, und wir definieren uns durch Amerika. Für zeitgenössische AraberInnen scheint Amerika das Schicksal zu sein. Etwas mit Meta-Qualitäten.

In den reichen Hügeln der jordanischen Hauptstadt Amman sprechen die jungen Männer und Frauen nicht Arabisch. Sie können Arabisch, aber sie sprechen Englisch, denn sie wollen sich wie Amerikaner benehmen. Sie sprechen Englisch genau so, wie sie ihre Hamburger essen und mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie den Film «Titanic» anschauten. In den nicht weit entfernten palästinensischen Flüchtlingslagern in Jordanien hingegen verfluchen die jungen Leute Amerika jedes Mal, wenn sie Gott erwähnen (und einige tun genau das Gegenteil). Die beiden – Gott und die USA – ergänzen sich in so vielen Fällen, dass sie die Infrastruktur bilden zur Erschaffung des zeitgenössischen Arabers. Sie scheinen sehr gut zusammenzuarbeiten. Sie provozieren eine arabische Identitätskrise. So viele MuslimInnen kehrten zurück zu Gott, als Reaktion auf die Ankunft von Amerika. Viele andere verliessen Gott wegen Amerika, und sie assimilierten sich, noch bevor sie eingebürgert waren.

Politisch gesprochen müssen wir in der arabischen Welt mit dem leben, was Edward Said in einem Fernsehinterview ausgedrückt hat (ich zitiere aus dem Gedächtnis): «Die Araber machen in den meisten Aspekten des Lebens Rückschritte, ausser im Kochen.» Die Aussage ist hart, aber sie stimmt auch. Said schloss dies aus den scharfen Beobachtungen seines langen Forscherlebens. Er stellte die herrschenden arabischen Regimes oft irgendwo in die Mitte zwischen Gott und Amerika. Diese Regimes können sich nicht am einen oder anderen Ende befinden, sondern nur in der Mitte, in permanenten Verhandlungen mit beiden.

Kein arabisches Regime kann es sich leisten, auf Gott vollständig zu verzichten – und genauso wenig auf Amerika. Ohne die kombinierte Unterstützung beider kann es nicht überleben. Die Herrscher müssen ein gewisses Gleichgewicht aufrechterhalten. Wenn sie es nicht tun, stürzen sie, wie Saddam Hussein. Solange er von beiden unterstützt wurde, konnte er sich an der Macht halten. Danach fiel er. Ich weiss nicht, wie gläubig er als Herrscher war, aber ich erinnere mich, wie religiös seine Briefe in der Zeit zwischen Machtverlust und Gefangennahme waren, als er sich versteckte. Er lief vollständig zu Gott über und brach mit Amerika. Unsere erfolgreichsten Herrscher sind jene, die oft am Fernsehen gezeigt werden, entweder betend oder zu Besuch im Weissen Haus. Je mehr von beidem sie tun, desto besser. So wie Jassir Arafat in Camp David seine Aufmerksamkeit zwischen Gott und Bill Clinton aufteilte. Oder auch Hosni Mubarak aus Ägypten und all die anderen.

Aber ich spreche nicht von allen AraberInnen. Es gibt viele, die sich nicht von diesem Schema gefangen nehmen lassen. Viele DemokratInnen glauben, dass nur ein säkularer Staat dem Fortschritt den Weg freimachen kann. Viele AraberInnen lieben Gott und betrachten diese Liebe als Privatsache. Für die Gesellschaft, für die Gesetze und die Freiheiten ziehen sie eine Verfassung der Religion vor.

Doch diese Menschen stehen in ihrem politischen Kampf den USA und Gott gegenüber, den beiden Feinden von Demokratie und Veränderung in der arabischen Welt. Seit dem 11. September 2001 leben wir in einer neuen Phase dieses ständigen Powerplays zwischen den beiden, in einer aggressiven, sehr aggressiven Phase. Trotz allem Gerede über den Dialog zwischen Religionen und Zivilisationen, sehen sich AraberInnen und/oder MuslimInnen in der Krise, irgendwo zwischen den beiden. Die Seelen der AraberInnen befinden sich in einer Krise.

Man sieht: Die arabische Welt braucht einen dritten Weg. Wir brauchen eine neue Generation von DenkerInnen und LenkerInnen, die uns zu diesem dritten Weg führen kann. Der kommt nicht zu uns, wir müssen ihn selber finden. Wenn nicht, dann bleiben wir stecken zwischen zwei Besatzungsmächten.

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