20.12.2001

Reise der Hoffnungslosigkeit

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Augsburg war eine schöne Stadt. Ich war dort an einem Filmfestival eingeladen, um meine zwei neuen Filme vorzuführen. Obwohl nur wenige Leute sie sehen wollten, genoss ich es, in Augsburg zu sein. In einer Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Restaurants und Läden. Ich vergnügte mich ohne Ende. In einen Bus steigen und unbelästigt irgendwo hinfahren zu können, schmeckte mir beinahe so gut wie die halbe Ente, die ich in einem alten bayerischen Restaurant ass. Nach fünf Tagen flog ich zurück, zuerst in die jordanische Hauptstadt Amman, um von dort nach Palästina heimzukehren.

Die Fahrt vom Hotel in Amman zu mir nach Hause in Ramallah würde etwa neunzig Minuten dauern. Doch allein, um die Brücke an der Grenze zwischen Jordanien und dem besetzten Palästina zu überqueren, braucht man normalerweise drei bis vier Stunden. Diesmal waren es acht Stunden. Gemeinsam mit anderen jungen Palästinensern musste ich etwa fünf Stunden warten, bevor überhaupt ein israelischer Polizist mit mir sprach. In dieser Wartezeit tauchte mein Freund Raschid Mascharawi auf, ebenfalls ein Filmemacher. Er kam gerade zurück aus Amsterdam, wo er seinen neuesten Film am Internationalen Dokumentarfilmfestival gezeigt hatte. Raschid kommt ursprünglich aus Gaza, doch seit 1994 lebt und arbeitet er in Ramallah. Nach einigen Wartestunden erschienen Soldaten und beschieden Raschid, dass er nach Jordanien zurückgehen müsse. Raschid fragte warum. «Sie sind aus Gaza, und sie müssen nach Gaza gehen. Von hier aus können Sie nicht nach Gaza reisen.» «Aber ich lebe in Ramallah, nicht in Gaza. Ich bin verheiratet, und mein Geschäft ist in Ramallah registriert.»

Doch sie brachten Raschid weg. Dies mit anzusehen, nach fünf Stunden Warterei, machte mich wütend. Hasserfüllt. Ich wartete im Passagier-Saal, wo früher die palästinensischen Polizeioffiziere sassen, um den palästinensischen Reisenden die Pässe abzunehmen und sie den israelischen Offizieren weiterzugeben, die sie kontrollierten und dann den palästinensischen Offizieren zurückgaben, die sie stempelten und dann den Reisenden zurückgaben. Die Idee dahinter war wohl, die Zahl der Kontakte zwischen PalästinenserInnen und Israelis am Grenzübergang zu minimieren. Doch diesmal war keine palästinensische Polizei da. Ein grosses Foto von Jassir Arafat hing an der Wand. Das sah so seltsam aus, wie wenn es an irgendetwas erinnern sollte – man verband damit eher Abwesendes als Anwesendes. Dort, an diesem Ort, zu dieser Zeit, stand das Bild für einen Toten.

Zwei Offiziere brachten mich in den Flügel der Geheimpolizei. Am Eingang warteten dutzende. Ich hatte Glück. Mein Name wurde aufgerufen, und ich ging hinein. Ein Agent sagte mir in fliessendem Arabisch, dass mich ein Befehlshaber in Beit El sprechen wolle. (Beit El ist das Hauptquartier der israelischen Armee in der Westbank.) Ich schaute die beiden Offiziere vor mir an und bat sie, mir zu erklären, wie ich denn nach Beit El kommen soll, trotz all den Panzern, Schiessereien und Ausgangssperren. Mein «Schickt mir ein Auto, dann gehe ich» brachte den Agenten für eine Minute zum Schweigen, dann ging er zum Telefon und rief jemanden an. Einige Minuten später kehrte er zu mir zurück und gab mir eine hebräisch geschriebene Notiz. Ich müsse nach Beit El gehen, wie ich dort hinkomme, sei mein Problem.

Ich ging nicht nach Beit El, denn ich weiss, dass ich keine wichtige Person bin, die ein israelischer Befehlshaber treffen müsste. Ich bin Filmemacher und Autor. Ich glaube nicht, dass dies genügend interessant sein könnte. Solche Forderungen sollen uns bloss beleidigen. Uns zeigen, dass es keine palästinensischen Behörden mehr gibt und dass die schlechten alten Zeiten der militärischen Besetzung zurück sind.

Mit der hebräischen Notiz in der Hand ging ich nun zu meinem Gepäck. Es war bereits kontrolliert worden, doch der kontrollierende junge Israeli wollte es noch einmal inspizieren. Das war die Strafe dafür, dass ich protestierte, als ich meine Schuhe ausziehen musste. Zwei weitere Stunden sass ich da und schaute den fünf jungen russischen Einwanderern zu, wie sie achtlos, witzelnd und lachend mein Gepäck durchwühlten.

Schliesslich konnte ich gehen, glücklich, dass noch alle Geschenke für mein Baby unversehrt waren. Mit einigen anderen kam ich in Jericho an, von wo aus Sammeltaxis und Busse in alle Richtungen fahren. Doch wegen des Belagerungszustandes waren da weder Taxis noch Busse. Mehrere hundert Menschen warteten. Viele ältere Männer und Frauen waren auf der Rückreise von der Hadsch, der Pilgerfahrt. Alle fasteten, denn es war Ramadan. Gelegentlich kamen einige Chauffeure und boten an, auf irgendwelchen Feldwegen zu fahren. Doch das sei natürlich teurer.

Ich akzeptierte den höheren Preis, bloss, um wegzukommen. Der Fahrer wollte uns bis zu einem bestimmten Ort bringen (bis dort, wo die Israelis den Weg abgegraben hatten). Dort würde ein anderes Auto auf uns warten und uns an unser Ziel bringen. Wir waren zu zehnt: vier junge Männer, vier alte und zwei Frauen, alle mit viel Gepäck. Einige waren aus den USA, einige aus Europa und einige aus Jordanien gekommen. Wir gelangten an den vereinbarten Ort, irgendwo auf einem kleinen Feldweg. Erpicht, endlich nach Hause zu kommen, schafften wir vier Männer schnell das Gepäck rüber. Das andere Auto hatte Verspätung, wohl wegen einer israelischen Armeeeinheit, die die Strasse überwachte. So mussten wir warten.

Plötzlich erschien ein grosser, weisser Jeep, und vier bewaffnete Männer stiegen aus. Ohne uns etwas zu fragen, begannen sie uns anzubrüllen. «Geht zurück, ihr Hunde!» «Zurück, ihr Huren!» Sie warfen Steine nach uns. Es war schon später Abend, im Ramadan, und wir waren alle müde. Die Frauen schrien, sie waren sehr erschrocken; und wir Männer machten uns daran, das Gepäck zurückzutragen. Wir mussten vor den Steinen und Flüchen fliehen.

Es war ein schrecklicher Moment meines Lebens. Noch nie erlebte ich solche Hilflosigkeit und solche Hoffnungslosigkeit. Ein junger Mann versuchte uns zu trösten. «Wir leben unter Besetzung, wir sind ein kolonisiertes Volk, und Kolonisatoren verhalten sich so. Schaut die Geschichte an – schlimmere Dinge geschahen, aber alles fand ein Ende.» Und einer sagte: «Vertraut Gott, und seid bereit, euch ihm zu geben. Ohne euch zu opfern, werdet ihr nie frei sein.»

Ich hörte meinen Mitreisenden zu, doch ich fand darin keinen Trost. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich wirklich verstehen, warum manche losgehen und ihre Körper in Bomben verwandeln, um die Besetzer zu bestrafen für all die Demütigungen und all die Schmerzen, die sie über das Leben der Menschen bringen.

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