10.04.2003

Im besetzten Territorium

New York gilt als Zentrum des Jazz und der künstlerischen Innovation. Doch nun droht die Kriegsstimmung Freiräume verschwinden zu lassen.

Interview: Patrik Landolt, New York

WoZ: Die USA führen Krieg im Irak, und die New Yorker MusikerInnen geben Konzerte. Welche Rolle spielt der Krieg für Ihre Musik?
Elliott Sharp: Der Krieg der USA im Irak lässt mir kaum mehr eine ruhige Sekunde. Auch was Israel in Palästina anrichtet, ist kaum zu ertragen. Vielleicht ist es meine künstlerische Arbeit, die mich rettet, die mich überleben lässt und mir in diesem Wahnsinn noch so etwas wie Sinn vermittelt.

So ist die Musik für Sie der Ort des Rückzugs, des Bei-sich-Seins?
Ja. Ich nehme meine Arbeit zurzeit als Privileg wahr, im Reich der Fantasie und der Utopie wirken zu können. Meine Kunst steht aber immer im Zusammenhang mit dem, was in der Welt passiert. Insofern fliessen auch die weltpolitischen Ereignisse und Stimmungslagen in die Musik ein. Mit meiner Musik habe ich auch schon ganz explizit Kommentare zur Zeit gemacht. Ich möchte aber nicht direkt didaktisch wirken, möchte auch nicht, dass die Musik banal oder funktional ist. Aber ich verarbeite mit meiner künstlerischen Arbeit das, was um mich passiert, und gebe es auf einer emotionalen Ebene weiter. Vielleicht verändert diese Musik ein wenig die Stimmungslage der ZuhörerInnen. Wenn ich öffentlich auftrete, habe ich auch die Möglichkeit, mich konkret zu äussern. Mit der Gruppe Terraplane spielen wir Songs, die deutlich politisch Stellung beziehen.

Wie sind die Reaktionen auf diese Auftritte?
In Europa reagiert das Publikum sehr positiv auf unsere Stellungnahme. In den USA ist für uns alles viel komplizierter. Ausser in New York spielen wir Avantgardemusiker relativ selten in diesem grossen Lande. Kreative, anspruchsvolle Musik ist in den USA marginalisiert. Es wäre also wichtig, mehr in den USA zu spielen und dem Publikum sagen zu können: «Glaubt nicht, was die Regierung euch sagt, ihr werdet manipuliert. Prüft die Informationen genau.» Denn hier werden die Leute unwissend gehalten. Es ist ja kein Zufall, dass die Aufstockung der Rüstungsgelder zeitgleich einhergeht mit der Beschneidung der Budgets für Schulen und Bildung. Die Ultrarechten wollen nicht, dass die normalen Leute eine gute Ausbildung bekommen. Bildung wird ein Gut ausschliesslich für die Reichen, die ihre Kinder in Privatschulen schicken können. Dies ist ein verhängnisvoller Zustand, der dauernd das Klassensystem reproduziert.

Ist es nicht unangehm, heute als Amerikaner in Europa zu touren?
Seit dem 11. September 2001 verstand ich mich oft als reisenden Botschafter einer anderen USA. Bei meinen vielen Konzerten in Europa war es mir wichtig, einen kleinen Beitrag zur Differenzierung zu leisten und das Publikum darauf aufmerksam zu machen, dass nicht alle Amerikaner die Politik der herrschenden Regierung unterstützen. Denn die Friedens- und die Antiglobalisierungsbewegungen müssen international zusammenarbeiten.

Wie hat sich Ihre Lage seit Beginn des Kriegs verändert?
Wir kritischen Intellektuellen und Künstler schweben seit Ausbruch des Kriegs im Zustand vollständiger Machtlosigkeit. Was auch immer die Friedensbewegung unternommen hat, wie oft wir demonstriert haben, wie viele Leute auch immer auf den Strassen waren, alles hat nichts genützt. Aber der Ausnahmezustand, der hier in den USA herrscht, dauert ja schon viel länger. Seit der Machtübernahme der Ultrarechten, seit Bush und seine Leute nicht durch die Mehrheit der WählerInnen, sondern durch einen Gerichtsentscheid an die Macht kamen, werden hier die Bürgerrechte abgebaut, die Rechte der Frauen in Fragen der Abtreibung beschnitten, die Steuern für die Reichen gekürzt, die Rüstungsausgaben erhöht, die Unterstützung für die Ärmsten sistiert, die Gelder für die Schulen gestrichen: ein Desaster.

Die amerikanischen Printmedien sind gleichgeschaltet, von den TV-Stationen wie CNN, ABC oder Fox gar nicht zu reden. Ich war erstaunt, als nach der grossen New Yorker Demonstration nach Kriegsbeginn, als mehr als 300 000 Leute auf der Strasse gegen den Krieg protestierten, in der Sonntagsausgabe der «New York Times» kaum eine Zeile über die Demonstration geschrieben wurde. Wie informieren Sie sich?
Die Medien sind nicht unabhängig. Sie gehören oft den gleichen Konzernen, die auch Waffen herstellen und dafür verantwortlich sind, dass Bush an die Regierung kam. Meine Informationsquelle ist das Web. Hier kann ich direkt bei NGOs Informationen besorgen, kann aber auch die europäischen Zeitungen wie «Le Monde», «El País» oder «The Guardian» lesen.

Sie unterstützen seit vielen Jahren aktiv den Befreiungskampf des palästinensischen Volkes.
Ich sehe es als meine Pflicht, mich für die Rechte des palästinensischen Volkes einzusetzen und mich gegen das Unrecht, das Israel in den besetzten Gebieten begeht, aufzulehnen. Für einen Juden wie mich gibt es nichts Schlimmeres, als wenn Juden handeln wie Nazis. Was Scharon mit dem Segen und mit der Ermunterung der USA in den besetzten Gebieten anstellt, ist unerträglich. Unhinterfragt benutzt die ganze Welt die Sprache der Herrschenden, wenn sie die Palästinenser als Terroristen bezeichnen. Man muss aufpassen, nicht zynisch zu werden, wenn man sieht, wie die USA bestimmte reaktionäre Befreiungsbewegungen unter dem Motto «Freiheit und Demokratie» unterstützen, weil sie dem Interesse der USA dienen, aber eine nationale Befreiungsbewegung in Palästina unterdrücken.

Haben Sie auch mit palästinensischen Musikern zusammengearbeitet?
Ja, vor einigen Jahren trat ich mit palästinensischen Musikern auch in Israel auf. An einer Benefizveranstaltung, die der Gitarrist Mark Ribot und ich ein halbes Jahr nach dem 11. September 2001 in der Knitting Factory in New York gegen die israelische Besetzung von Palästina organisiert hatten, spielten zahlreiche New Yorker Downtown-Musiker wie Marty Ehrlich, Mark Dresser, Anthony Coleman oder Marc Ribot zusammen mit palästinensischen MusikerInnen wie Nahed, Kinan Azmeh und Zafer Tawil. Ich konnte ein schönes Duo mit Zafer Tawil spielen. Später setzten wir unsere Zusammenarbeit fort.

Was fasziniert Sie an der Zusammenarbeit mit MusikerInnen aus dem arabischen Raum?
Es gibt in diesen Ländern eine reiche musikalische Kultur, die sehr vielfältig ist und mich inspiriert. So nahm ich schon 1989 mit dem marokkanischen Musiker Bachir Attar eine Duo-CD auf und tourte mit Attar mehrmals in Europa, etwa während des letzten Golfkrieges. Aufgrund meiner langjährigen Zusammenarbeit mit arabischen MusikerInnen bat mich letzten Sommer das Lincoln Center in New York, am Sommer-Festival einen Abend zu gestalten. Mein Projekt Al-Mashreq All-Stars integrierte die Sängerin Natacha Atlas, Bachir Attar, den amerikanischen Flügelhornspieler Graham Haynes, den beduinischen Saitenspieler Muhammad Abu-Ajaj, den Sänger Musa Al Hajuj, den DJ Mutamassik, den palästinensischen Udspieler Marwan Abado, die Chicagoer Schlagzeuger Michael Zerang (er ist syrisch-amerikanischer Herkunft) und Hamid Drake sowie den palästinensischen Multiinstrumentalisten Zafer Tawil. Ich strukturierte den Ablauf, komponierte einzelne Stücke und spielte Gitarre und Computer. Das Publikumsecho auf unseren Mix aus Middle-Eastern-Sounds, HipHop und New-York-Noise war überwältigend. Mehr als 1200 BesucherInnen bedankten sich mit einer stehenden Ovation.

Sie sind einer der wenigen weissen Musiker New Yorks, die regelmässig mit afrikanisch-amerikanischen MusikerInnen oder mit arabischen MusikerInnen spielen. Ist das ein bewusster Entscheid?
Es ist wichtig, dass wir Musiker ethnische Grenzen überschreiten und gleichberechtigt mit Künstlern anderer Kulturen zusammenarbeiten. Es besteht natürlich eine gewisse Gefahr, dass man aus Neugier und Interesse an den unterschiedlichen Kulturen und Menschen überall ein Dilettant bleibt. Es braucht jahrelange Auseinandersetzungen. Ich habe diesen Kulturen sehr viel zu verdanken. Meine Ohren haben sich geöffnet. Heute kann ich sagen, dass diese unterschiedlichen Einflüsse zu einem Teil meiner selbst geworden sind.

Keine Angst, sich im Reichtum der Weltkulturen zu verlieren?
Ich bin selbstkritisch und versuche immer wieder, einen Schritt zurückzutreten und herauszufinden, wo ich mich künstlerisch befinde. Deshalb liebe ich es, von Zeit zu Zeit die Rolle des Musikproduzenten einzunehmen, das heisst zu organisieren, zu beurteilen und das Ganze von aussen zu betrachten.

In der letzten Zeit bewegen Sie sich immer wieder in der Bluesszene. Mit Ihrer Gruppe Terraplane spielen Sie eine Art von Polit-Electric-Blues.
Blues hat in den USA immer mehrere Entwicklungslinien gehabt. Einerseits gibt es einen stupiden Partyblues für Börsenhändler, auf der anderen Seite konnte der Blues einen politischen Gehalt und einen Aussenseiterstandpunkt bewahren. Blues hat einen solch direkten Ausdruck, dass jedes Instrument, das den Blues spielt, stimmliche Qualitäten gewinnt und rau zu klingen beginnt. Als ich elektrische Gitarre zu spielen begann, wollte ich «hot» und «bluesig» klingen und nicht intellektuell und «cool».

Die MusikerInnen, die ich in New York getroffen habe, waren deprimiert über den US-amerikanischen Krieg im Irak, auch wütend und empört. Verändert dieser Krieg die Musik?
Kunst und kreative Musik werden in den USA noch marginalisierter sein, als sie es schon sind. Alles, was sich nicht im Mainstream bewegt, alles, was nur den geringsten politischen Anspruch hat, hat hier keine Überlebenschancen mehr. Das geht so weit, dass MTV vorsorglich alles, was irgendwie mit Militärthemen zu tun hat, aus dem Programm säubert. Die Partyband B52s wird wegen der Namensähnlichkeit mit einem Bomberflugzeug nicht mehr gespielt. Musiker und Künstler beginnen nun, sich selber zu zensurieren, weil sie nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden wollen.

Welche Auswirkungen hatte der 11. September 2001 auf die innovative Musikszene in New York?
New York hat sich grundsätzlich verändert. New York ist eine amerikanische Stadt geworden, kontrolliert von Polizei und Armee. New York war früher schlicht New York City, eine ausserirdische Stadt, die vom Staat New York und von den USA gehasst wurde. Eine Stadt mit babylonischem Stimmengewirr, exzentrischer Innovation, unzähligen kulturellen Verschmelzungen. Die Attacke auf das World Trade Center war letztlich auch ein Schlag gegen diese ausserirdische, irreale Stadt. New York ist heute besetztes Territorium.

Viele MusikerInnen reden vom Auswandern. Wie halten Sie es aus in New York?
Ich bin viel in Europa unterwegs. Und ich habe in New York gute FreundInnen. Gelegentlich habe ich hier auch etwas Arbeit, von der ich leben kann, habe Kompositionsaufträge, spiele Konzerte oder komponiere Musik für Filme. Und irgendwie habe ich die Hoffnung nicht verloren, dass all das, was jetzt passiert, eine Radikalisierung und Verbreiterung der Protestbewegung bewirken müsste.

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