12.08.2004

Popcorn, Coke und Politik

Dissens ist wieder gesellschaftsfähig. Michael Moore trägt die US-amerikanische Präsidentschaftswahl ins Volk hinein. Und sein Film zeigt, Demokratie ist, linken Slogans zum Trotz, eben auch ein Zuschauersport.

Von Lotta Suter, Boston

Als «Fahrenheit 9/11» Ende Juni in die US-Kinos kam, war auch in meinem provinziellen Neuengland-Filmtheater die Warteschlange lang, länger jedenfalls als für Harry Potter & Co. Kaum hatte ich mich eingereiht, stupfte mich mein Hintermann, der aussah wie Michael Moores noch gewichtigerer Zwillingsbruder: «Hey, wen wirst du im November wählen?» Überrumpelt und verschämt wie eine Schweizer Bankkundin, die von einem Wildfremden nach ihrem Kontostand gefragt wird, stotterte ich, dass ich als Ausländerin nicht wählen könne, aber wenn dann keinesfalls Bush ... «Gut», brummte mein Nachbar befriedigt, «ich bin zwar Republikaner. Aber Bush erhält meine Stimme sicher nicht.»

Ich fand meinen Sitzplatz irgendwo zwischen modisch knapper Sommerkleidung und verblichenen T-Shirts mit der Aufschrift «Demokratie ist kein Zuschauersport». Die riesigen Cokes und die buttrigen Popcorns waren bereitgestellt. Es konnte losgehen: Zwei Stunden wurde über die politische Lage der Nation gemeinsam – offen und öffentlich! – gelacht und gestöhnt, geklatscht und gebuht, geflucht und nachgedacht; wie befreiend nach all dem Kuschen und Leisetreten. Danke, Michael Moore. Dissens ist wieder cool.

Propagandaschlacht

Natürlich nicht für alle. Wutentbrannte Bush-Anhänger versuchen nach dem Vorbild ihres Präsidenten den regierungskritischen Moore als unpatriotisch und unamerikanisch abzustempeln und haben dazu eigene Websites wie moorewatch.com oder mooreexposed.com eingerichtet. In Kürze soll sogar ein Gegenfilm lanciert werden. Sein Titel: «Michael Moore hasst Amerika». Selbst gestandene US-Feuilletons haben offenbar vergessen, wie engagierte politische Debatten überhaupt aussehen, und jammern nun ständig, dass Michael Moores Dokumentarfilm nicht objektiv und neutral, sondern inszeniert und parteilich sei, kurz Propaganda. In krassen Fällen wird der Filmemacher mit Leni Riefenstahl verglichen oder mit Joseph Goebbels. Moderatere Konservative zählen den Proletensohn mit Bierbauch und Baseballkappe zur «liberalen Elite», um ihn beim gemeinen Volk verhasst zu machen. Ein Etikett, das gemäss der Publizistin Barbara Ehrenreich in den USA seit fünfundzwanzig Jahren routinemässig gebraucht wird, um jeden links von Colin Powell zu denunzieren.

Ist «Fahrenheit 9/11» wirklich ein Stück Propaganda, also Werbung für ein bestimmtes politisches Programm oder System? Klar, Moore vereinfacht und verkürzt die Wirklichkeit unzimperlich zugunsten seiner Thesen und Geschichten. Und zuweilen werden einem die Zuspitzungen zum Dorn im Auge: Wieso besteht der Irak aus lauter Luftballons, spielenden Kindern und glücklichen Hochzeitspaaren, bevor die US-Armee einmarschiert? Und warum kommt bei der Laufstegpräsentation der Koalition der Willigen wohl die winzige ozeanische Inselrepublik Palau vor, nicht aber das grosse, wenn auch in diesem Zusammenhang weniger exotische und lachhafte England von Tony Blair? In seinem neuen anspruchsvollen Projekt einer alternativen Geschichtsschreibung zeigt Moore etliche solcher inhaltlichen Schwächen, vor allem was den internationalen Teil seines Filmes angeht. Am stärksten ist er wie jeder wahre Patriot, wenn es um Amerika und die AmerikanerInnen geht und besonders um Flint, seinen heruntergekommenen perspektivlosen Heimatort im Teilstaat Michigan.

Doch die Stärken wie die Schwächen von «Fahrenheit 9/11» sind ganz andere als die von Leni Riefenstahls pompösen Werken. Moore produziert nicht Macht anbetende Propaganda, sondern Macht demontierende Pamphlete. Streit- und Schmähschriften beziehungweise -filme, mit Herzblut verfasst und gedreht, die das Publikum auffordern: Hab keine Angst, schau dich um, wirf einen zweiten Blick, frag nach – besonders dann, wenn die Mächtigen mit Angst und Terror regieren und das Fragen unterbinden wollen. Und er freut sich, dass sogar die so genannten Nascar-Dads, die sprichwörtliche Mainstream-Gruppe von weissen Autorennenfans, in seinen neuen Film strömen. Tatsächlich hat «Fahrenheit 9/11» im ersten Monat (Juli) in den USA bereits mehr als hundert Millionen Dollar eingespielt - einsames Rekordergebnis für einen Dokumentarfilm. Auf Rang zwei in dieser Erfolgsrangliste steht übrigens Moores «Bowling for Columbine» mit aufgerundet 22 Millionen Dollar Einnahmen.

Besser als Buch und Fiktion

In vielem ist «Fahrenheit 9/11» die animierte Version seines neuesten Buches «Volle Deckung, Mr. Bush», mit den gleichen Themen: die enge Verbindung der Familie Bush zu den Saudis, die geplante Unocal-Pipeline durch Afghanistan als massgebliche aussenpolitische Faktoren der USA bis hin zum Krieg im Irak, das innenpolitische Geschäft mit der Angst seit dem 11. September. Doch erst wenn Michael Moore mit seinen liebevoll ausgewählten audiovisuellen Versatzstücken arbeiten kann, kommt Leben und Überzeugung in die Sache. «Beim blossen Schreiben ist er wie ein Künstler, dem man seine Werkzeuge weggenommen hat, so seltsam diese Bemerkung über einen Autor mit Millionenauflage klingen mag», sagt der Kulturkritiker Geoffrey O'Brien über Michael Moore («New York Review of Books», 12. August 2004).

Anders als Moores oft ziemlich plumpe Prosa regen viele der Videodokumente, untermalt durch suggestive Popmusik, zum eigenen, auch unabhängigen und widersprechenden Assoziieren und Kombinieren an. Genial der brechtsche Auftakt des Filmes, der die Hauptdarsteller George W. Bush, John Ashcroft, Condoleezza Rice, Colin Powell, Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz et al. bei der eitlen Vorbereitung auf ihren Medienauftritt zeigt. Unvergesslich der Aufmarsch der afroamerikanischen Abgeordneten aus dem Repräsentantenhaus, die nach der Wahl 2000 protestierend ans Rednerpult traten, aber gegen den Wahlbetrug in Florida nichts unternehmen konnten, weil kein einziges Mitglied des fünfzigköpfigen, ausschliesslich weissen Senats ihr Anliegen mitunterschrieb. Lustig die Eier, die bei der Amtseinsetzung von George W. Bush gegen seine Limousine flogen, was man am Fernsehen so nie sah. Grauenhaft die Panzerfahrt der jungen US-SoldatInnen durch Bagdad zum Rocksong «Burn, Motherfucker, burn» der Bloodhound Gang. Überraschend, wie der Golf spielende Präsident in einer seriösen Terrorismusdiskussion unvermittelt zum sportlichen Schlag ausholt. Besser als jede Fiktion schliesslich Bushs Auftritt vor einer superreichen Wahlspendergruppe. «Dear Haves and Havemores», scherzt der Präsident in Frack und Fliege, «liebe Habende und Mehrhabende, manche bezeichnen euch als Elite, ich bezeichne euch als meine Basis.»

Prompt gabs Terroralarm

Einerseits bedient Michael Moore mit seiner eklektischen Dokumentarmethode die Gewohnheiten einer Internetgeneration, die individuelles Sammeln und Mixen von Information gewöhnt ist und die die Finessen seiner Montage zu schätzen weiss; einer Jugend, die sich in den Abkürzungen und dem besonderen Witz und Sarkasmus von SMS und Chatrooms mühelos zurechtfindet. Auf der andern Seite will er eine Geschichte erzählen, so gross und klar und einfach, als wäre sie dem 19. Jahrhundert entsprungen: die Geschichte von Arm und Reich, Macht und Ohnmacht, Eigennutz und Opfersinn. Zusammengehalten wird der fast unmögliche Spannungsbogen durch den Auftritt des Erzählers selber sowie durch ein paar typische Moore-Einlagen. In «Fahrenheit 9/11» ist das seine Fahrt um das Capitol in einem Glaceverkaufswagen, um den ignoranten ParlamentarierInnen das Antiterrorgesetz USA-Patriot Act vorzulesen. Oder sein Versuch, die gut verdienenden kriegsbefürwortenden Parlamentarier dazu zu bringen, ihre Söhne und Töchter in den Irak zu schicken – wo heute vorwiegend die Töchter und Söhne von NiedriglohnarbeiterInnen kämpfen und sterben.

Seine persönlichen Auftritte setzt Moore sparsamer als auch schon ein. Man sieht ihn vor allem dann, wenn er mit der Kamera behutsam eine patriotische Soldatenmutter begleitet, die ihren Sohn im Irak verloren hat und anfängt, die Politik ihrer Regierung infrage zu stellen. Diese Frau, die heute für eine Abwahl von Bush agitiert, verkörpert die politische Grundthese von Michael Moore: dass die meisten AmerikanerInnen im Grunde ihres Herzens liberal und progressiv sind, bloss manipuliert und irregeleitet durch die Arroganz der Macht. Deshalb will er den Machtwechsel, glaubt an den Machtwechsel mit fast kindlicher Inbrunst. «Man kann diese Wahl mit keiner Wahl vor dem 11. September vergleichen», rief er seinen Fans während der Demokratischen Konvention in Boston zu. Wie in einer Moore-Sequenz löste George Bush prompt grossen Terroralarm aus – genau, was man vom Präsidenten einer Fahrenheit-Nation erwartet.

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