01.11.2001

Absichtliche Täuschung

Seit dem 11. September brodelt es in der Gerüchteküche Internet. Glatte Lügen und altbekannte Grossstadtmärchen verbreiten sich rasend schnell und sind Teil einer veritablen Kultur.

Von Nick Lüthi

Vor einigen Tagen noch hat im Londoner Stadtzentrum jemand ein Portemonnaie gefunden. Neben einer stattlichen Summe Geld, welche sich darin befand, war auch die Telefonnummer des Besitzers notiert – ein gut gekleideter Mann mit arabischem Aussehen, wie sich bei der Übergabe des Fundgegenstandes herausstellte. Der Gentleman bot dem ehrlichen Finder eine Belohnung an, was dieser voller Bescheidenheit zurückwies. Daraufhin meinte der arabische Mann: «Gut, wenn Sie kein Geld wollen, dann vertraue ich Ihnen etwas an: Hören Sie gut zu. Gehen Sie am 12. November auf keinen Fall ins Londoner West End ...» Den Rest der Geschichte kann man sich selbst zusammenreimen, insbesondere wenn gemäss einer anderen Version dieser Legende vor dem Besuch der Dockland Towers – eines der höchsten Gebäude Londons – gewarnt wird.

Verschwundene Lastwagen

Der Aufbau dieses via E-Mail verbreiteten Grossstadtmärchens ist in verschiedener Hinsicht typisch für die Entwicklung der Hoax-Kultur nach dem 11. September. Während der Hinweis auf die arabische Herkunft des Hauptakteurs die Angst vor einer stigmatisierten Bevölkerungsgruppe weiter schürt, wird gleichzeitig mit der suggerierten Vertraulichkeit der fiktiven Attentatswarnung ein Insidergefühl erzeugt – nur du weisst davon. In einer anderen Spielart der Hoaxes («Hoax», engl. Falschmeldung, Zeitungsente) wird explizit darauf hingewiesen, dass diese Mitteilung unter keinen Umständen Panik erzeugen wolle – obwohl genau dies die beabsichtigte Wirkung ist.

Nach diesem Strickmuster funktioniert etwa die Legende der vermissten Lastwagen. Rund zwei Wochen nach den Attentaten von New York und Washington geisterte ein E-Mail durch den Cyberspace, das seinen Empfängern glauben machen wollte, in den USA würden zahlreiche Mietlastwagen vermisst. Bei den abgetauchten Mietern handle es sich um arabischstämmige Männer. «Ich will aber keineswegs irgendwelche Vermutungen aufstellen und erst recht keine Angst auslösen. Aber ich dachte, ihr sollt davon erfahren», ist im Mail zu lesen. Bei genauerem Betrachten der wild zusammengesponnenen Fakten werden die Befürchtungen mit zusätzlichen subtilen, überprüfbaren Fakten angeheizt. Eines der erwähnten Transportunternehmen, dessen Lastwagen vermisst sein sollen, ist Ryder. Bei den Anschlägen auf das World Trade Center 1993 und auf das Verwaltungsgebäude in Oklahoma 1996 benutzten die Attentäter Mietwagen der Firma Ryder.

Die beiden Beispiele zeigen, dass ein Hoax im Gegensatz zu wahllos gestreuten Gerüchten, wie sie die Welt seit der Existenz zwischenmenschlicher Kommunikation kennt, einige spezifische Charakteristika aufweist. Armin Medosch, Mitherausgeber des neu erschienenen Buches «Netzpiraten», konstatiert etwa: «Gerüchte entstehen irgendwie, bei Hoaxes freut sich jemand daran, Leute auf die falsche Fährte zu führen. Bei einem Hoax ist immer das Moment einer absichtlichen Täuschung im Spiel.» Diese Verbreitung wird einerseits durch die Eigenheiten der E-Mail-Kommunikation ermöglicht, dank der eine Vielzahl AdressatInnen mit einem einzigen Mausklick erreicht werden können, andererseits durch den Inhalt der Botschaften selbst. Oft erhalten sie eine Aufforderung, Information an Freunde und Bekannte weiterzuleiten, die im Adressverzeichnis der EmpfängerInnen gespeichert sind. Letzteres ist insbesondere bei so genannten Virenwarnungen der Fall, die sich in den seltensten Fällen auf real existierende bösartige Computerprogramme beziehen, sondern selbst wie ein Virus funktionieren.

«Die Viruswarnung, die zum Virus wird, infiziert keine Maschinen, sondern Menschen. Der User macht sich selbst zum Wirt eines Programms, das die einfache Handlungsanweisung ‘Verbreite mich’ beinhaltet», beschreibt Medosch das Phänomen. Ein Hoax ist also nichts anderes als ein Virus. Die Eigendynamik von viralen Prozessen charakterisierte der französische Philosoph Jean Baudrillard bereits 1991, noch bevor sich das Internet als primärer Distributionskanal für Hoaxes etabliert hatte. «Das Interessante der viralen Prozesse ist der Umstand, dass keine von aussen geführte Kritik mehr an ihnen möglich ist. Die Subversion, die Destabilisierung scheint jetzt vom Inneren der Systeme auszugehen, weil sie erschöpft sind.» Dies führe allerdings nicht im Sinne der Dialektik zu einer Aufhebung des Ganzen, sondern eher in eine «Art Katastrophe», so Baudrillard.

Obwohl das Genre des so genannten Hoax dank einzelnen besonders genial zusammenfantasierten Legenden immer wieder Blütezeiten erlebt, wirken die Attentate von New York und Washington gleichsam als Katalysator für die Hochstapeleien im Netz. Eine Einschätzung, die auch Frank Ziemann, Betreiber des Hoax Info-Service an der Technischen Uni Berlin, teilt: «So viele neue Gerüchte und Falschmeldungen in so grosser Verbreitung gab es meines Wissens noch nie aufgrund eines einzelnen Ereignisses.» Ziemanns Hoax-Info-Service dokumentiert seit Ende 1997 Internetlegenden und Grossstadtmärchen auf hoax-info.tubit.tu-berlin.de/hoax.

Das Auftreten der ersten Fälle von Milzbrand in den USA und die in Europa aktiven – aber bislang noch harmlosen – Nachahmungstäter haben ihr virtuelles Ebenbild bereits gefunden. Zurzeit kursieren im Netz vermeintliche Aufklärungs- und Warnbotschaften vor dem heimtückischen Anthrax-Bakterium. In Tat und Wahrheit enthalten sie selbst bösartige Computerprogramme, die nach der Manipulation der Hardware trachten. Von Experten wird deren Wirkung allerdings als ungefährlich eingestuft, da sie ohne Sachkenntnis mit so genannten Virenbaukästen hergestellt wurden.

Wie kaum anders zu erwarten, sind auch eine Reihe Hoaxes zum Thema Milzbrand im Umlauf. Für den Experten Armin Medosch ist klar, dass die Hoaxes derzeit grössere wirtschaftliche und andere schwerer zu beurteilende Schäden anrichten als das tatsächliche Auftreten der Anthrax-Sporen selbst. Oder mit den Worten von Jean Baudrillard: «Auf einer bestimmten Ebene verursachen die Viren materielle Katastrophen, aber in ihrem Kern sind sie virtuelle Katastrophen. Nur deren oberste Schicht ereignet sich wirklich.»

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