25.10.2001

Aufstellung der Heimatfront

Erst die spektakulären Attacken, jetzt der schleichende Bioterrorismus – und dann? Der Terror nutzt die Schwachstellen der neuen Weltordnung.

Von Lotta Suter, Boston

Die meisten der 170 Briefe mit weissem Pulver und Todesdrohung, die letzte Woche an Abtreibungskliniken in sechzehn US-amerikanischen Bundesstaaten versandt worden waren, haben Arzthelferinnen mit Gummihandschuhen unverzüglich und ohne viel Aufheben zu machen ungeöffnet in Plastiksäcke gesteckt. Denn Bioterrorismus haben die Beschäftigten solcher Einrichtungen bereits erlebt, als noch niemand von Usama Bin Laden sprach. Besonders vermeintliche Anthrax-Sendungen gehören seit Jahren zum risikoreichen Alltag des medizinischen Personals, das in der fundamentalistischen US-Gesellschaft legale Schwangerschaftsabbrüche vornimmt – und nie kam es deswegen zu einer Verhaftung.

Sieben Menschen sind in den letzten Jahren ermordet worden, doch der Oberste Staatsanwalt – und überzeugte Gegner jedes Schwangerschaftsabbruchs – John Ashcroft hat noch keine Zeit für ein Treffen zum Thema Gewalt gegen Abtreibungskliniken gefunden. An diesem Wochenende verwarnte Ashcroft die «grotesken Einzeltäter», die aus Jux Waschpulver, Babypuder und Mehl in der Weltgeschichte herumschicken; den wohl organisierten Anthrax-Drohbriefversand des heimischen terroristischen Netzwerkes der extremistischen Abtreibungsgegner erwähnte er mit keinem Wort.

Die Feindbilder

Wenn die Anthrax-Gefahr hingegen die grosse Männerwelt von Medien und Politik trifft, wird einem jede Nasensekretprobe einzeln präsentiert. Jede noch so wilde Vermutung verkaufen die TV-Anstalten als Gewissheit – wenigstens bis zum nächsten Werbefenster. Jedes Horrorszenario wird bis ins letzte sensationelle Detail ausgemalt, jede Angst aufgenommen und vervielfacht; öffentliche Identifikationsfiguren ergattern Gasmasken und Cipro für ihre Lieben. «Die Bioterroristen geben uns nur, was die Medien uns längst zugedacht haben», sagt ein kritischer Kollege über die emotionalen Wechselbäder der letzten Wochen, «mittels Einschaltquoten wählen wir die Waffen zu unserer Zerstörung laufend selbst.»

Die bioterroristisch bedrohten US-Politiker, die im Gegensatz zu den ebenfalls bedrohten Familienplanungsfrauen und den am meisten gefährdeten Postangestellten ihre Arbeitsplätze letzte Woche kurzerhand verliessen, bauen die Anthrax-Gefahr als Heimatfront in ihre Propaganda ein und konstruieren täglich neue, sich widersprechende Feindbilder. Einmal sind die Milzbrand-Sporen «nicht waffenfähig», relativ ungefährlich und ähneln denen in US-amerikanischen Labors; ein andermal – wie jetzt – deutet ihre Machart auf «staatlich geförderten Terrorismus» hin, etwa aus Russland oder, für die Kriegsherren noch zweckdienlicher, direkt aus Saddam Husseins Irak.

Und während der Milzbrand schwelt, beruhigt uns die Regierung mit verwackelten grünlichen Videobildern von irgendeiner erfolgreichen US-Militäraktion auf irgendeiner Flugpiste, vermutlich in Afghanistan. Niemand sagt laut und deutlich, dass jeder kleinen entschlossenen Gruppe heute mannigfache technisch einfache Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um in den USA oder irgendwo sonst in der entwickelten Welt Massenmord zu begehen. Dass wir unglaublich verwundbar sind. Und dass Bomben auf mutmassliche «Terroristenfreunde» nicht das Geringste daran ändern.

Wie schon die Suizidbomber vom 11. September haben die Anthrax-Attentäter der letzten Wochen Methode und Ziel so gewählt, dass sie mit möglichst kleinem Einsatz grösstmöglichen Schaden anrichten können. Die besonders ausgeprägte Verletzlichkeit der USA für Bioterrorismus hat verschiedene hausgemachte Gründe, allen voran ein marodes Gesundheitssystem. Seit zwanzig Jahren werden in kleinen und grossen Städten öffentliche Spitäler und Gesundheitszentren geschlossen, privatisiert oder unzureichend finanziert. Nach dem Diktat der Marktwirtschaft hat sich die medizinische Versorgung in den USA Richtung «just in time» entwickelt: In vielen Spitälern arbeitet nur gerade so viel Personal, wie es der Tagesbestand an PatientInnen erfordert, keine Arbeitskraft zu viel.

Auch die Apparate und Medikamente werden gemäss Operationsplan rationiert. Da bleibt wenig Raum für Unvorhergesehenes. Die verängstigten New YorkerInnen, die gegenwärtig unter Umgehung ihrer PrivatärztInnen die Notfallaufnahmen der städtischen Kliniken stürmen und Milzbrand-Tests sowie eine Cipro-Behandlung verlangen, können das bestätigen. Natürlich erschweren Hysterie und Panikkäufe das Funktionieren des Gesundheitssystems; andererseits tragen die allen US-BürgerInnen vertrauten Probleme zur allgemeinen Unsicherheit bei – wie die sprichwörtliche Unzuverlässigkeit der HMOs, die seit Jahren überlangen Wartezeiten im Notfall, die immer grösser werdenden Distanzen zum nächsten Gesundheitszentrum und die ausgeprägte Klassenmedizin.

Keine Generika, kein falsches Signal

Kanada hat immerhin versucht, die Verfügbarkeit des wichtigen Anthrax-Medikamentes Cipro durch die Produktion eines weitaus billigeren Generikums zu sichern. Bush hingegen weigert sich, das erst 2003 auslaufende Cipro-Patent des Pharmariesen Bayer zu umgehen – obwohl ein in der Vergangenheit verschiedentlich angewandtes Bundesgesetz der US-Regierung erlaubt, in Notsituationen genau dies zu tun. Die 100 000-Dollar-Wahlkampfspende der deutschen Firma an die Republikaner – die Demokraten erhielten bloss 500 Dollar – hat dabei Bushs Loyalität gegenüber Bayer nur unwesentlich verstärkt. Entscheidender ist, dass die USA mit dem Kauf von Cipro-Generika Tür und Tor öffnen würden für vergleichbare Begehren vorab des Aids-geplagten Südafrika, das dringend möglichst kostengünstige Arzneimittel braucht. Und dieses «falsche Signal» würde ausgerechnet wenige Wochen vor der WTO-Konferenz in Doha (Katar) gesetzt, obwohl doch die US-Regierung gerade durchsetzen will, dass die noch bestehenden Möglichkeiten der Zwangslizenzierungen von Medikamenten in künftigen Handelsabkommen eingeschränkt werden.

Die Pharmaindustrie lässt sich den Patentschutz der neoliberalen Supermacht gerne gefallen, eine offizielle Zusammenarbeit jedoch – etwa in einem militärisch-pharmazeutischen Komplex – ist nicht unbedingt erwünscht. Zu einer Zeit, da öffentliche Kontroversen über Genfood, Klonen und Stammzellentherapie das Geschäft ohnehin erschweren, will sich die Biotechnologie nicht auch noch mit dem angstbesetzten Bereich der biologischen Kriegsführung in Verbindung bringen lassen. Symptomatisch, dass der einzige Impfstoff gegen Anthrax im Auftrag des Pentagon von einem kleinen Labor (BioPort in Michigan) produziert wird. Doch das hat seit der Geschäftsübernahme 1997 keine einzige neue Ampulle ausliefern können, weil die Produktionsstätte wiederholt den Kontrollen der Gesundheitsbehörde FDA nicht standhielt.

Bin Laden hat Anthrax nicht erfunden. Der biologische Wirkstoff, der natürlich in der Landwirtschaft vorkommt, ist in den Labors jener Länder verfeinert und verschärft worden, die heute am stärksten bedroht sind. Die USA allein besassen 1969 genug Anthrax, um die ganze Menschheit auszurotten, und das gleich zweimal. Und vor ein paar Tagen, während gerade die ersten Postarbeiter an Lungenmilzbrand starben, gab das Pentagon zum ersten Mal seit dem Biowaffenabkommen von 1972 grünes Licht für die armeeeigene Herstellung von potenteren Anthrax-Sporen zu «Versuchszwecken». Welche neuen Risiken und neuen Formen des Bioterrorismus die genetische Manipulation von biologischen Organismen mit sich bringt, mag man sich da gar nicht ausdenken. Und: Die schnelle Kur, den garantierten wirksamen Fix für unsere Ängste gibt es nicht. Wenn wir nicht wissenschaftlich, wirtschaftlich und politisch auf globale biologische Sicherheit hinarbeiten, sagt die indische Wissenschaftskritikerin Vandana Shiva, dann sind unsere Gesellschaften verletzlich wie nie zuvor.

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