08.08.2002

Feinde im eigenen Land

Jüdische Araber? Arabische Juden? Samirs «Forget Baghdad» erzählt von einer weiteren prekären Geschichte aus dem Nahen Osten: der Emigration irakischer Juden nach Israel.

Von Veronika Rall

Ein Mann, es ist der israelische Schriftsteller Samir Naqash, erzählt eine Geschichte: «Wegen meines Jobs als Übersetzer fürs Fernsehen musste ich immer nach Jerusalem reisen. Fast jedes Mal, wenn wir am Checkpoint nahe des El-Led-Flughafens ankamen, holten sie mich aus dem Bus, weil sie mich für einen Araber hielten.» Eine Frau, es ist Ella Shohat, Professorin für Kulturwissenschaften in New York, erzählt eine andere Geschichte: «Als ich in Israel in den Kindergarten ging, wurde mir bewusst, dass mir arabische Worte unterliefen. Ich habe mich geschämt. Damals konnte ich nicht verstehen warum, heute ist mir das sehr klar. Eine Iraki zu sein, war ein Tabu. (...) Eines meiner Traumata in der Schule war, ‘stinkende Iraki’ genannt zu werden. Ich hatte solche Angst, dass ich oft auf dem Schulweg mein Pausenbrot wegwarf, denn es roch. Aber ich liebte es. Ich muss zugeben, dass ich es liebte.»

Vergessene Geschichten

Das sind keine Geschichten von gestern, keine Geschichten von heute. Sondern Geschichten aus den vierziger und fünfziger, aus den sechziger und siebziger Jahren. Sie sind individuell und doch allgemein, privat und politisch, vergangen, aber hochaktuell. Und diese Ambivalenzen und Widersprüche sind kein Zufall, sondern Programm, denn im Kern von «Forget Baghdad» liegt etwas, was die Welt heute als unversöhnlichen Gegensatz begreift, der weder mit kriegerischen Mitteln noch mit diplomatischem Geschick zu lösen ist: Juden und Moslems, Israelis und Araber. Anstatt aber Fronten aufzubauen oder diplomatisch von dieser und jener Seite zu berichten, erzählt Samir in seinem neuen Film von heterogenen Identitäten: von jüdischen Araberinnen und arabischen Juden. Während des Golfkrieges, berichtet der Filmemacher, habe er Bilder auf CNN gesehen (eine israelische Familie, die Gasmasken anlegt) und wähnte, einige arabische Worte zu verstehen. Und er erinnert sich an die jüdischen Genossen in der kommunistischen Partei des Irak, von denen sein Vater erzählt hatte.

Was «Forget Baghdad» entdeckt, ist die vergessene Geschichte des Nahen Ostens. Er erzählt von einem wirtschaftlich blühenden Land, das der Irak zu Beginn des letzten Jahrhunderts gewesen war. Von dem Militärputsch 1941, der von den deutschen Nationalsozialisten unterstützt wurde. Von antisemitischen Pogromen kurz nach der Gründung des Staates Israel 1948, die nur zwei Tage dauerten, die jüdische Gemeinde in Bagdad aber in Angst und Schrecken versetzten. Von einer riesigen Emigrationswelle: Juden, die über 3000 Jahre zwischen Moslems und Christen gelebt hatten, verliessen den Irak, von 140 000 im Jahr 1951 gingen 120 000 nach Israel.

Verdrängte Geschichte

Das Kernstück des Dokumentarfilms interessiert sich für das Leben der EmigrantInnen in Israel. Man besprühte sie mit DDT, als trügen sie Ungeziefer am Leib. Man verlud sie auf Lastwagen wie Vieh. Man schickte Hochgebildete als Landarbeiter in die Kibbuzim, man behandelte die Mizrahim (wie sich die arabischen Juden selbst nannten) als Menschen zweiter Klasse, als Feinde, als Fremde. Und jetzt wandelt sich «Forget Baghdad» von einer historischen Recherche in eine essayistische Reflexion über einen Verdrängungsprozess, den die Aschkenasim anstrengten: Israel sollte jüdisch sein. Hebräisch war und ist die Landessprache – doch während das Jiddische, Polnische, Deutsche, Russische, Spanische oder Englische sich selbstverständlich dazwischen mischte, wurde das Arabische nicht toleriert. Selbst die Nahrung wurde klassifiziert – während heutzutage Falafel und Pitabrot, Humus und Tabuleh als typisch israelisches Fastfood angepriesen werden, galten sie in den fünfziger Jahren noch als Tabu. Eine «stinkende Iraki». Und auch heute, so wissen die EmigrantInnen zu berichten, werden sie diskriminiert, egal, ob es um die Bilder im Fernsehen oder um die Zulassung an Hochschulen geht.

Es ist bewundernswert, mit welcher Differenziertheit Samir diese unterdrückte Geschichte reflektiert. Nicht nur lauscht er wie ein Analytiker den Erzählungen seiner fünf Protagonisten: Shimon Ballas, Professor für Arabisch in Tel Aviv, Sami Michael, einer der bekanntesten Schriftsteller Israels, Mussa Churi, Kioskbesitzer, Samir Naqash und Ella Shohat. Provokant stellt er seine eigene Verwicklung mit ins Bild – als Sohn einer moslemischen Emigrantenfamilie, die den Irak aus politischen Gründen verlassen musste. Diese Geschichte eines Secondo hat Samir in «Babylon II» aufgearbeitet, trotzdem bleibt er in den Interviews nicht unbeteiligt. Wie seine Gesprächspartner spricht er ein antiquiertes irakisches Arabisch, das sich in der Emigration konserviert hat, man versteht sich in Redewendungen, Ausdrücken aus einem vergangenen Jahrhundert. Zu diesen Gesprächen montiert er historisches Filmmaterial: Propagandafilme, die nur die Vorteile für die Neuankömmlinge im Gelobten Land sehen wollen, Spielfilme, die so humorvoll wie bitter von der Emigration berichten («Sallah Shabati», Buch: Ephraim Kishon, 1964) oder ironisch mit wechselnden Identitäten spielen («Fatma, Marika wa Rachel», Regie: Helmy Rafla, 1949).

Multiple Perspektiven

Die Montage, die Samir betreibt, lässt sich politisch und ästhetisch als die einer Dekonstruktion beschreiben. Er nähert sich einer binären Opposition (Juden und Araber), um herauszufinden, was beide miteinander zu tun haben, wie ein Begriff den anderen ausschliesst und ihn gleichzeitig doch bedingt. Am schärfsten repräsentieren seine Gesprächspartner diese Ambivalenz, sie ist Teil ihrer selbst geworden. Aber im Film übersetzt sie sich als Strategie: 16-mm-Filmmaterial assoziiert sich digitalen Aufnahmen, Bilder überlagern sich, während gesprochen wird. Informationsmaterial gibt den Hintergrund zu affektiven, hochemotionalen Gesprächen. Amüsantes Spielfilmmaterial ergänzt trockene Daten. Schriftzüge in arabischen, hebräischen, lateinischen Lettern ziehen durch das Bild. Filmklappen bleiben stehen, nicht nur um à la Godard auf die ideologische Verfertigung der Filmbilder zu verweisen, sondern auch auf ihren Wahrheitsgehalt, auf die Fiktionalität und die Faktizität des Drehorts.

Und manchmal sind die Einzelbilder selbst durch multiple Perspektiven aufgeladen. So etwa wenn die Kultur- und Filmwissenschaftlerin Ella Shohat erzählt, wie sie als Emigrantenkind aus dem Irak nach Israel kam, um als Erwachsene weiterzuziehen, in die USA. Wenn sie davon spricht, in New York endlich eine Freiheit, etwas wie ein Zuhause gefunden zu haben, blickt man durchs Fenster auf die Türme des World Trade Center und begreift, wie prekär nicht nur ihre Existenz dort geworden ist: Erneut lebt sie in einem Land, das sie (oder zumindest das Land, aus dem sie stammt) zum Feind erklärt hat. Gerade deshalb ist «Forget Baghdad» keine larmoyante Anklage, kein bloss historischer Essay. Ganz im Gegenteil. Am Ende spricht Samir von der Hoffnung auf eine Versöhnung, zu der möglicherweise die ProtagonistInnen seines Films beitragen könnten. Wie auch der Film selbst. Man wünscht ihm ein zahlreiches Publikum – auch und gerade weil sich die politische Kartografie des Nahen Ostens erneut geändert haben wird, bevor er die Kinos erreicht.

Siehe auch das Dossier Irak.

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