04.01.2001

Feiertage in Palästina

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Eine seltsame Stimmung liegt hier in der Luft. Eben noch war die Zeit des Ramadan (der heilige Monat, während dem die MuslimInnen fasten), und es war Weihnachtszeit (die heilige Woche, während der die ChristInnen konsumieren). Der Ramadan fällt nicht oft in den Winter. Denn der islamische Kalender ist lunar, der Stand des Mondes bestimmt Anfang und Ende eines jeden Monats. Der einzige winterliche Ramadan, an den ich mich erinnere, war der Ramadan vor einem Jahr. In einer einzigen Woche fielen jüdische, islamische und christliche Feiertage zusammen. Pessach, Weihnachten und Aid al-Fitr, die Tage nach Ende des Ramadan.

Vor einem Jahr assen junge Israelis Hummus in Ostjerusalem, und Jugendliche aus Ramallah assen Fettucine und tranken roten Wein im Zentrum Westjerusalems. Ramallah war festlich beleuchtet, die Leute flanierten und bummelten in den Strassen und Geschäften. Es gab Weihnachtsbäume und schillernde Neonleuchten in der Form eines Baumes oder eines Halbmondes. Die Cafés waren voll, und die wenigen Bars auch. Die jungen Männer und Frauen gingen aus. Die Frauen, in kurzen Tops und engen Hosen, sassen mit ihren Mobiltelefonen beim Tee und rauchten Argiles; die Männer, herausgeputzt und geschniegelt, freuten sich auf die grosse Nacht.

Ramallah vor einem Jahr: ein echtes Beispiel für das, was man den «Nach-Oslo-Zustand» nennen könnte. Diese Stadt, die zur Hoffnung für Geschäftswelt und Kultur wurde. Die unerklärte Hauptstadt des unerklärten Staates Palästina. Und Ramallah liegt so nahe bei Jerusalem. In den sieben Jahren seit dem ersten palästinensisch-israelischen Oslo-Abkommen blähte sich Ramallah auf. Über dreissig Banken eröffneten eine Filiale. Ministerien und nichtstaatliche Organisationen richteten sich ein. Hunderte von neuen Geschäfts- und Wohnhäusern wurden errichtet, eine ganze Generation von neuen Mercedessen der S-Klasse, Rovers und 4WDs füllten die engen Strassen. Der Nach-Oslo-Zustand schuf eine komplexe Situation für die PalästinenserInnen hier im Lande und draussen in der Diaspora.

Die Bevölkerung hier, bäuerlich oder Flüchtlinge, setzte einen ganzen historischen Satz an Bedürfnissen und Wünschen in Bewegung. Die PalästinenserInnen wollten schon lange rauskommen. Wie ein Gefangener nur rausgehen kann, wenn sich die Tore öffnen. Sie wollten raus aus ihrem Elend, ihren stinkenden Flüchtlingslagern, ihren Dörfern ohne Wasser. Sie wollten raus aus der Belagerung. Beschränkungen, Grenzen, Checkpoints, Siedlungen, Umfahrungsstrassen, Militärgerichte, Todesschwadronen, Arabisten (eine israelische Spezialeinheit, die gesuchte Araber mordet) und ein ganzes System, das sie auf der Grundlage von Negation regierte. Ein absoluter Rassismus, der eine Vielzahl von Strategien anwendet. Das «Buch der israelischen Repression gegen die Palästinenser» ist umfangreich (wenn es denn je geschrieben werden kann). Dieser Reichtum an Methoden übersetzt sich in eine Gesamtheit der Erfahrungen von Leiden und Demütigungen der PalästinenserInnen. Deshalb war der Moment von Oslo so beladen.

Doch sieben Jahre nach Oslo sind so viele Probleme und Bedürfnisse noch nicht angegangen. Der euphorische Zustand nach dem israelischen Abzug aus Teilen Gazas und der West Bank ging schnell vorbei, und die Leute blieben mit ihren alten Fragen zurück. Sieben Jahre nach Oslo stank die offene Kanalisation in der Haupstrasse des Flüchtlingslagers Al-Jalasoun, bloss sechs Kilometer von Ramallah entfernt, immer stärker. Palästinensische Offizielle und frühere Revolutionäre fuhren in ihren dicken Wagen durch diese Strasse nach Jifna, einem hübschen Dorf in der Nähe des Lagers, um Brathähnchen zu essen und Arak zu trinken. Sie konnten die Kinder im Dreck der Kanalisation spielen sehen. Doch nichts geschah.

Heute fühlt man sich wie in einem schlechten Film, der mit dem Höhepunkt begonnen hat. Sieben Jahre sind seit Oslo vergangen, und die Lage ist noch schlimmer geworden. Für eineN gewöhnlicheN PalästinenserIn muss eine Lösung auf jeden Fall eine Änderung des still stehenden Lebens bringen. Sie muss Arbeit und Bildung bringen; Bewegungs- und Reisefreiheit; Wasser zum Leben. So einfach ist das.

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die zählen. Während die wichtigsten Stränge einer endgültigen Lösung für die PalästinenserInnen hinter verschlossenen Türen und an geheimen Gipfeln von einer «politischen Elite» verhandelt werden, müssen wir andern das Leben improvisieren. Da es keine Wahlen, Abstimmungen und demokratische Wege zu sozialem und politischem Wechsel gibt, bricht es einfach aus, in Stössen und Schüben. Diese Ausbrüche können nur gewalttätig sein. Ja, wir wenden Gewalt an. Haben wir eine andere Wahl?

Die Jugendlichen in den Lagern sind so direkt. Sie sagen dir gerade heraus, dass sie in Frieden leben wollen. Aber sie glauben nicht, dass in einer Woche oder in einem Monat oder in einem Jahr Friede sein wird. Der angerichtete Schaden ist gross, das vorherrschende Gefühl ist «fuck it, wir haben nichts zu verlieren als den Dreck, in dem wir leben». Das ist die Haltung der meisten Flüchtlinge, DörflerInnen, der ehemaligen Gefangenen, der Familien der Gefallenen und der Verletzten. Die Menschen können schlicht nicht akzeptieren, was ihnen als Lebenszustand zugemutet wird, nach allem, was sie erleiden mussten. Die Jungen der «Fatah»-Bewegung sind schnell dabei, ihre Vorstellung eines Strassenkrieges zu erzählen. Sie bereiten sich auf einen Feind vor, von dem sie dir erzählen, «du weisst nicht, von wo aus er dich angreifen wird». Sie lesen die politische Landkarte so scharfsinnig, dass sie eine genaue Analyse der Differenzen zwischen der Fatah und den Autonomiebehörden, der Sulta, liefern. Sie mischen die alten, revolutionären Parolen und Vorstellungen mit ihren Beobachtungen von Korruption, Vergesslichkeit und Diskriminierung.

Die neue Generation ihrer Anführer hat die grosse Chance, die reichen Erinnerungen an die revolutionäre Fatah wachzurufen. Sie haben ihre eigenen Visionen, und sie sind sich bewusst, wie wichtig dieser Moment ist, dieser Moment der Beinahe-Wiedergeburt der Fatah. Es ist ein prägender Moment, und das wissen sie.

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