Frag die WOZ : Empfinden Ältere weniger Emotionen?
«Empfindet man im Alter weniger Emotionen?»
Von I. B., via Instagram
Das ist eine interessante Frage, auf die sich gut subjektiv antworten lässt: Mit 41 ist man zwar noch ein Stück vom Greisenalter entfernt, aber die hormonell befeuerte emotionale Achterbahnfahrt der Pubertät oder der Zwanziger liegt doch auch einige Zeit zurück. Vorab: Wir stumpfen nicht zwingend ab!
Fest steht: Das Gehirn lernt mit zunehmendem Alter, Emotionen besser zu filtern und sich auf das Relevante – oder gar auf das Gute – zu konzentrieren. Die Wissenschaft spricht bei Letzterem vom «positivity effect». Kritiker:innen dieser Theorie sagen, diese neurobiologische rosarote Brille diene bloss der Selbstregulierung: Man erinnere sich lieber an das Gelungene, um das Wohlbefinden vor der Destruktivität schlechter Nachrichten zu schützen.
Was sich von aussen wie ein Schutzmechanismus liest, fühlt sich von innen stabil an: Je besser wir unsere Emotionen verstehen, desto komplexer und tiefer werden sie. Dass wir seltener von ihnen überwältigt werden, erzeugt die Illusion, sie seien weniger intensiv. An die Stelle der Affektstürme tritt eine neue Schärfe: Anstatt purer Euphorie zeigt sich beispielsweise eine leisere Dankbarkeit. Auch die meist unbegründete Angst, fundamental zu scheitern, schwindet; sie wird durch eine realistischere Einschätzung ersetzt, die es erlaubt, Rückschläge als Episoden zu verbuchen. Kurzum: Man fühlt nicht zwingend weniger, man fühlt nur weniger verschwenderisch, weniger impulsiv und gerade deshalb tiefer. Was also als Gefühlsarmut verstanden werden kann, ist in Wahrheit vielleicht die hohe Kunst der emotionalen Kuration.
Achtung! Wo diese Kuration scheitert, lauert auf Dauer die Verbitterung. Sie ist kein biologisches Schicksal, sondern das Resultat einer missglückten Lebensbilanz – zumindest der gefühlten. Wenn der Ärger über verpasste Gelegenheiten chronisch wird, äussert sich das als Groll gegenüber der Welt, den Jüngeren oder dem allgemeinen «huere Seich».
Dem gegenüber steht die Milde. Sie ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln, sondern ein stilles Einverständnis mit der Unvollkommenheit. Wer mild wird, vergibt (sich) alte Fehler und blickt ohne Neid auf die anderen. Es ist der Abschied vom Zwang, alles noch einmal beweisen zu müssen. Wir fühlen dann vielleicht weniger laut, aber dafür umso nuancierter.
Immer montags beantworten wir in der Rubrik «Frag die WOZ» jeweils eine wirklich (un)wichtige Leser:innenfrage. Noch Fragen? fragdiewoz@woz.ch!