Hundeleben : Das gute Fressen
Hundefütterung hat eine grosse Industrie geboren. Nestlé machte zum Beispiel im letzten Jahr etwa zwanzig Prozent seines Umsatzes im Heimtierbereich. Weltweit setzte der Konzern damit knapp zwanzig Milliarden Franken um, das übersteigt das Bruttoinlandprodukt von Afghanistan bei weitem. Nestlé profitiert von der «Humanisierung von Haustieren», wie der Konzern es selber nennt. Für jede Lebensphase, gegen jedes Leiden gibt es das passende Futter – für Welpen oder Senioren, für Hunde mit Verdauungsstörungen, mit einem Nierenleiden oder einfach nur gegen Übergewicht.
Meine Mutter hat, da war sie schon über siebzig, für ihren Hund jeweils gekocht. Sie lebte alleine, da war das ganz vernünftig. Sonst hätte sie vermutlich kaum mehr gekocht. Gemüse, Pasta und dann noch etwas Siedfleisch dazu – alles sorgsam gerührt und für den Hund ungesalzen. Sie hat dem Fertigfutter nie ganz getraut. Das konnte ich verstehen. Bei Hundefutter weiss man selten, was drinsteckt. Meistens zu viel billiges Eiweiss, zu viel Getreide, zu viele Zusatzstoffe.
Die moderne Hundefreundin aber kocht nicht, sie barft. Die einen sagen, BARF stehe für «Born-Again Raw Feeders» (wiedergeborene Rohfütter:innen). Oder es wird als «Biologisch artgerechte Rohfütterung» ausgedeutscht. Persönlich bin ich zu faul fürs Barfen. Es ist mir auch einen Tick zu ideolgisch. Die Barf-Gemeinde ist überzeugt, Hunde müssten ernährt werden wie die Wölfe – mit rohem Fleisch. Viele Onlineshops bieten Barf-Futter an. Manches sieht aus wie edles Tatar, anderes wie bestes Voressen. Viele Menschen auf der Welt bekommen nie so schönes Fleisch auf den Teller. Barfen klingt nach liebevoller Bioküche. Mich überzeugt es trotzdem nicht.
Unsere Hunde sind keine Wölfe. Sie leben seit bald 20 000 Jahren mit uns zusammen und haben das nur überlebt, weil sie das gefressen haben, was wir übrig liessen. Die heutigen Menschen lassen mehr von einem getöteten Tier übrig denn je. Der hochwertige hiesige Fleischabfall reicht locker für Schweizer Trockenfutter. Etwas teurer als das Importgemisch von Nestlé, aber kein Luxus und im Vergleich sicher umweltfreundlicher. Dafür muss man nicht barfen. «To barf» heisst auf Deutsch übrigens «sich übergeben», «kotzen». Aber lassen wir das.
WOZ-Redaktorin Susan Boos hält seit Jahrzehnten Hunde. In ihrer neuen Kolumne schreibt sie über das Vermenschlichte am Hund und das Politische im Tier. Die Serie erscheint jeden Mittwoch.