19.11.2020

Am Ende des Ozeans

Wie der Wohlstand die Falklandinseln erschütterte: Einst ein ferner Aussenposten 
des britischen Weltreichs, ist aus den 
Falklandinseln ein globaler Hub geworden. Die Frage, was die kleine Gemeinschaft verbindet ausser der abgelegenen Inselgruppe, die sie bewohnt, macht das umso komplizierter. Mit der aktuellen Pandemie könnte sie sich ein weiteres Mal grundlegend verändern.

Von Larissa MacFarquhar (Text) und Maroesjka Lavigne (Fotos), Stanley

Haus bei Goose Greene.

Es ist ein Ort, an den man sich während einer Seuche zurückziehen kann. Ausserhalb der Stadt gibt es nur wenige Strassen, das leere Land erstreckt sich kilometerweit. Nichts als Gras, dunkle Sträucher, die nah am Boden wachsen, und Felsen. Nur niedrige Berge und kaum Bäume: nichts, was den Wind abhalten könnte, der fast pausenlos vom Meer her bläst. Es ist sehr still hier, jedenfalls wenn der Wind sich kurz legt. Für einige ist diese Stille und Leere kaum auszuhalten. 1982, vor dem Krieg, beschäftigten die grössten Höfe Dutzende ArbeiterInnen, und es gab Siedlungen mit vierzig oder fünfzig BewohnerInnen. Aber die meisten von ihnen haben die Inseln unterdessen verlassen, sind weggezogen oder ausgewandert. Heute gibt es hier gerade mal einen Menschen auf dreissig Quadratkilometer, einige der alten Häuser sind leer und verlottert, andere wurden abgebaut und aus den Siedlungen abtransportiert, zurück blieb nicht mal ein Kiesweg, weil die Menschen, die dort wohnten, sich auf Pferden fortbewegten.

Um die beiden grossen Inseln Ostfalkland und Westfalkland gruppieren sich über 700 kleinere Inseln, einige sind menschenleer, andere werden von einer oder zwei Familien bewohnt: ein paar Häuser, ein paar Stromgeneratoren, eine Landebahn. Dazu eine Kanalisation und Internet. Mit einer genügend grossen Tiefkühltruhe könnte man hier monatelang ohne menschlichen Kontakt überleben. Länger noch, wenn man weiss, wie die Menschen hier bis vor kurzem lebten: Sie töteten und zerlegten ihre eigenen Schafe, melkten Kühe, sammelten die Eier von Meeresvögeln und rote Krähenbeeren und stachen Torf fürs Feuer. Während des Kriegs mit Argentinien, als die Menschen aus der Stadt flohen und an die Türen der Bauernhöfe klopften, gab es genügend Essen für sie und auch für die britischen Soldaten, die in Hühnerställen und Schafscherschuppen Unterschlupf fanden. Die Bauernfamilien besassen Gemüsegärten, zahllose Schafe, Mehl und Zucker in Fünfzigkilosäcken.

Während der 150 Jahre, in denen die Falklandinseln ein ferner Aussenposten des britischen Weltreichs waren, kamen viele vom schottischen Hochland her, um hier als SchafhirtInnen zu arbeiten. Die Inseln haben mit ihrer kahlen, felsigen Landschaft, den wasserfallartigen Regenfällen, der Meeresnähe eine auffallende Ähnlichkeit mit den Shetlandinseln oder der Isle of Skye: als ob ein abgebrochenes Stück Schottland 13 000 Kilometer Richtung Süden über den Atlantik getrieben wäre, an Irland vorbei, dann an Portugal und Marokko, Mauretanien und Senegal, die Küste von Brasilien und Uruguay entlang, um dann ein paar Hundert Meilen vor der Antarktis zum Stillstand zu kommen.

Aber wenn die Luft schneidend und klar wird, wissen die Menschen hier, dass ein Eisberg ganz in der Nähe vorbeischwimmt. Und es gibt Pinguine am Ufer: einen Meter grosse Königspinguine mit eiweissfarbigen Lätzchen; leicht untersetzte Felsenpinguine mit spitzen schwarzen Kopffedern, die aussehen wie eine Gelfrisur; Eselspinguine mit ihren exzentrischen Hüten. Im März, als die Seuche die Inseln umkreiste, hatten die Pinguine nichts zu tun. Sie waren in der Mauser, konnten weder schwimmen noch fressen. Die Mauser sei ermüdend und ungemütlich, sagten die Leute. Die Pinguine standen in Gruppen nahe bei der Brandung, mit dem Rücken zum Wind, und warteten darauf, ihre Federn zu verlieren.

Sollte die Seuche tatsächlich kommen, könnte es allerdings sein, dass es keinen Fluchtweg gibt. Jede Woche verlassen zwei Linienflüge die Inseln: samstags einer nach Punta Arenas im südlichen Chile, jeden Mittwoch einer nach São Paulo. Sogar in normalen Zeiten werden diese Flüge wegen starker Winde am Flughafen oft annulliert, und jetzt wurden sie ganz eingestellt. Normalerweise gibt es Militärflüge nach Grossbritannien, aber diese müssen Zwischenhalte zum Tanken einlegen, und viele Länder haben ihre Grenzen geschlossen, sodass es während mehrerer Wochen gar keinen Flugverkehr mehr gab und die Inseln komplett von der Aussenwelt abgeschnitten waren. Früher kam ein Schiff aus Montevideo, das einmal im Monat Früchte, Vorratswaren und Post vorbeibrachte und bei allen Siedlungen anlegte, aber das ist lange her. Die Menschen, die auf den entlegeneren Höfen leben, wurden gewarnt, dass niemand sie holen könnte, falls sie krank werden sollten. Deshalb sind die am meisten Gefährdeten in die einzige Stadt gezogen, nach Stanley auf Ostfalkland – wenn sie denn konnten.

Bis vor kurzem waren die Falklandinseln quasi eine feudale Kolonie, auf der ein arkadisches Britannien als Mikrokosmos konserviert war – mit 1800 EinwohnerInnen und einer Fläche etwas grösser als Jamaika. Die FalkländerInnen waren fast ausschliesslich britischer Abstammung, assen britisches Essen und pflegten ihre britischen Gärten mit üppigen Blumenbeeten und Gartenzwergen. Auf ihren Autos und Gewächshäusern wehten Union-Jack-Fähnchen. Ihren Patriotismus trugen sie sehr viel offensiver zur Schau als die Menschen im Mutterland: Sie feierten den Geburtstag der Queen und sangen jeden Sonntag in der Kathedrale die Nationalhymne. Wenn die älteren InselbewohnerInnen über Grossbritannien redeten, nannten sie es «die Heimat» – auch wenn sie selber gar nie dort gewesen waren und ihre Familien teils seit fünf Generationen auf den Falklandinseln lebten.

John Fowler kam 1971 mit dem Postschiff. Nach mehreren schrecklichen Tagen auf hoher See wachte er um vier oder fünf Uhr morgens auf. Das Schiff stand still. Im Schlafanzug ging er aufs Deck und sah, dass sie am Landungssteg in Stanley angelegt hatten: Die Hauptstadt der Falklandinseln besteht aus ein paar Strassenzügen am steilen Hang oberhalb des Hafens, kleine weisse Häuser mit farbigen Dächern, die Luft roch nach verbranntem Torf. Für Fowler sah es aus, als hätte sich fast die gesamte Stadtbevölkerung am Ufer versammelt, um das Schiff in Empfang zu nehmen. Gerade aufgewacht und etwas verwirrt in seinem Schlafanzug vor aller Augen, wähnte er sich in einer traumähnlichen Szene – wie in einem England von vor 25 Jahren: die Männer mit Krawatten und Regenmänteln, die Frauen mit Kleidern, wie sie seine Mutter getragen hatte, als er ein kleiner Junge war.

Zu dieser Zeit waren die Falklandinseln verarmt und umkämpft, die Bevölkerung drohte auszusterben, weil so viele auswanderten. Niemand ahnte, dass den Inseln eine erstaunliche Transformation bevorstand, dass sie nur eine Generation später nicht mehr wiederzuerkennen wären: ihr politisches System fundamental verändert, ihre Bevölkerung doppelt so gross und vielfältiger, ihre Identität verwandelt. Die Inseln sind wie eine Fruchtfliege: ein winziger Organismus, der eine Metamorphose von Jahrhunderten in nur zwanzig Jahren durchlebt.

Die Entscheidung von General Leopoldo Galtieri, dem damaligen argentinischen Präsidenten, im April 1982 auf den Falklandinseln einzumarschieren, setzte eine Kettenreaktion in Gang, die alles veränderte. Argentinien hatte schon lange Besitzansprüche auf die Inselgruppe angemeldet, die 500 Kilometer vor seiner Küste liegt. Trotz der Niederlage in diesem Krieg macht Argentinien seine Forderungen weiter geltend. Die offizielle Version lautet, die Falklandinseln seien eine illegale Kolonie, bevölkert von aus London gesandten Implantierten, und das britische Militär auf der Insel sei da, um die InselbewohnerInnen davon abzuhalten, nach Argentinien zu fliehen.

In einem Referendum stimmten 2013 mit Ausnahme von drei AbweichlerInnen alle auf der Insel dafür, autonomes britisches Hoheitsgebiet zu bleiben, und doch sind die Falklandinseln nicht mehr so britisch wie einst. Sie sind zu einem Ort geworden, wo Menschen aus der ganzen Welt landen, aus vielen unterschiedlichen Gründen: heimatlose WeltenbummlerInnen, WanderarbeiterInnen, politische Flüchtlinge. Im Februar kam etwa eine Gruppe von HongkongchinesInnen, die sich wegen Peking Sorgen machten. Aber auch mehrere weisse SüdafrikanerInnen tauchten plötzlich auf, und Anfang März besichtigte irgendein geschiedener Bauunternehmer aus Kapstadt, der gerade eine zehnjährige Haftstrafe in Kuwait abgesessen hatte, mit einem Stapel Visitenkarten in der Hand einige Büros in Stanley. Aber der konstante Druck, den der argentinische Besitzanspruch ausübt, zwingt die InselbewohnerInnen, der Welt zu beweisen, dass sie mehr sind als ein zufällig zusammengeworfener Haufen SiedlerInnen, die nichts gemeinsam haben ausser dem geteilten Boden.

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