Brief aus Bagdad

Le Monde diplomatique –

Betonteile auf einem Gehweg in Bagdad
Foto: NABIL SALIH

In Italo Calvinos Erzählung „Das schwarze Schaf“ geht es um ein Land, in dem alle Menschen Diebe sind. Alle bestehlen des Nachts ihre Nachbarn, um am Morgen festzustellen, dass während ihrer Abwesenheit ihre eigenen Häuser leergeräumt wurden. Die Regierung ist korrupt, betrügt ihr Volk und wird von ihm betrogen. Der einzige anständige Mensch stirbt am Ende. Er verhungert.

Ich las Calvino, während im Irak Wahlen anstanden, die sechsten, seit die von Washington angeführte „Koalition der Willigen“ Saddam Hussein gestürzt und sein Regime durch eines von Ethnosektierern ersetzt hatte. Bagdad kam mir vor wie ein kaputtes Bühnenbild für Calvinos Erzählung.

Das Land sei, behaupten viele, eine wundersame Ausnahme inmitten einer Region, die von genozidalen Kriegen und Vergeltungsschlägen zerrissen wird, regiert von einem Premierminister, der mit Megabauprojekten prahlt und sich bei Donald Trump einschleimt. Tatsächlich tut die Regierung von Mohammed Schia al-Sudani alles, um ein gebeuteltes Volk entpolitisierter Bürger-Konsumenten blind zu machen für die erstickende Realität. Sie fabriziert eine diktatorische Illusion, die das Aufkommen anderer, vernünftiger politischer Vorstellungen verhindern soll.

Bagdad, die einstige Perle des Abbasidenreichs, wirkte im Oktober verwahrlost, überflutet von unzähligen Wahlplakaten, die nicht einen Meter Bürgersteig ausließen. Überall versprachen Männer mit blutbefleckter Vergangenheit, die heute in dubiose Geschäften verwickelt sind, eine bessere Zukunft – auf beklebten Strommasten, überdimensionalen Reklamewänden und Aufstellern inmitten zugemüllter Mittelstreifen. Um einen Sitz im Parlament – einem brutalistischen Bauwerk, das vom finnischen Architekten Heikki Siren unter dem Baath-Regime in babylonischer Größe entworfen wurde – konkurrierten sie mit Vertretern unverbesserlicher Milizionäre, mit Frauen, die das Patriarchat hochhalten, und mit ehemaligen CIA-Kollaborateuren.

Das Parlamentsgebäude liegt in der sogenannten Grünen Zone. Als ich mit dem Auto hineinfuhr, war jede Einfahrt mit einem Metalltor versehen, das bei Unruhen geschlossen werden kann, um aufsässige Massen fernzuhalten. Die großformatigen Mosaike, in denen der 1935 geborene Künstler Ghazi al-Saudi den verblichenen Glanz von Bagdad abbilden wollte, waren von einer Patina aus Dreck überzogen, unbeleuchtet und kaum erkennbar.

Die Gedenkstätte für den Unbekannten Soldaten, eine monumentale Anlage – 1979 von Khalid al-Rahal und dem italienischen Architekten Marcello D’Olivo entworfen –, ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. „Man braucht eine Sondererlaubnis“, sagte der Soldat, der mich wegscheuchte. Vor dem Parlament steht ein Betonrahmen, der einst für ein Wandbild des Diktators gedacht war. Er ist leer, der Geist von Saddam Hussein ist schon lange ausgetrieben. Aber abwesend beobachtet er uns.

In dem an den Tigris grenzenden Viertel Karradat Maryam, wo Muslime und Christen leben und auf den Straßen unlängst noch das Syrisch der orthodoxen Christen zu hören war, steht hinter Wachtürmen und Betonbarrieren die iranische Botschaft. An den Außenwänden hängen Fotos von iranischen Kindern, ermordet von israelischen Bomben im Zwölftagekrieg vom Juni 2025. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt ein Posten irakischer Sicherheitskräfte, daneben ein Friedhof von Betonsegmenten für T-Mauern, die aufgestapelt auf ein zweites Leben warten.

Als im Oktober 2019 Demonstrierende gegen ein Regime aufbegehrten, das sie für unrettbar korrupt hielten, verbarrikadierten sie die Brücken und lieferten sich Kämpfe mit den Sicherheitskräften am anderen Tigrisufer. Die behielten am Ende die Oberhand; hunderte Demonstrierende wurden ermordet, tausende verwundet. Der Oktober-Aufstand zwang die Regierung von Adil Abd al-Mahdi zum Rücktritt, aber das System blieb.

Die Umgestaltung der Stadtlandschaft ist die unausgesprochene Antwort auf die Bedrohung, die der Staat künftig von seinem eigenen Volk erwartet.

Die Ruhe in Bagdad ist gespenstisch, man denkt ständig an die Geister derer, die diese Straßen entlanggehen könnten, wären sie nicht in den „Jahren des Feuers“ umgekommen. Viele von denen, die für dieses Blutvergießen zwischen den religiösen Gruppen verantwortlich waren oder an dessen Beendigung tödlich gescheitert sind, tauchten in diesem Herbst wieder auf den Wahlplakaten auf. Und mit ihnen die überholten sektiererischen Parolen, die bei religiös uninteressierten Einheimischen nichts als alte Ängste wachrufen. Da ermahnt der Prediger Ammar al-Hakim seine schiitischen Gefolgsleute, ihren alten Feinden „nicht die Macht zu überlassen“. Und die Taqadum (Fortschrittspartei) erinnert ihre sunnitischen Wähler daran, dass sie einer umfassenden „Umma“ angehören.

Jenseits des Flusses liegt das Geschäftszentrum. Hier stehen viele Gebäude prominenter Architekten wie Rifat Chadirji, Hisham Munir und Abdullah Ihsan Kamil, mit raffinierten Fassaden, die Ziegel- und Betonelemente kombinieren oder mit ihren blauen Kacheln das babylonische Ischtar-Tor zitieren, manche mit modernen Interpretationen der traditionellen Schanaschil-Holzgitter.

Dieses modernistische Erbe ist dem Verfall preisgegeben, gezeichnet durch Narben der Gewalt und politische Graffiti. In der Nähe des Gulbenkian-Museums stehen am Rand eines ärmlichen Suks zwei große Reklametafeln. Die eine wirbt für einen BMW-Importeur, die andere für den schiitischen Politiker Asaib Ahl al-Haq Qais al-Khazali, mit seinem gigantischen Konterfei.

Al-Khazali ist einer von vielen, die mit Wohlstandsversprechen und tugendhaften Phrasen auf die Übernahme der Stadt aus sind. Roland Barthes hat Wahlkampfplakate als „Erpressung mittels moralischer Werte“ bezeichnet. Doch die irakischen Kandidaten wollen mit ihren Riesenporträts nicht einfach in Bereiche höherer Menschlichkeit aufsteigen, sondern sich gänzlich aus den Niederungen des Menschseins erheben und gleich zum Abbild Allahs werden.

Das Zentrum der Opposition gegen die Baath-Diktatur lag – sieht man von den Schiiten und Kurden ab – in der irakischen Diaspora. Eine ihrer Hauptfiguren war Ahmad al-Dschalabi, Anführer des 1992 gegründeten Irakischen Nationalkongresses. Wie der renommierte amerikanische Journalist Steve Coll enthüllt hat, bezog Dschalabi zeitweise 4 Millionen Dollar jährlich von der CIA. Ein weiterer wichtiger Gefolgsmann der USA war Ijad Allawi. Der Gründer des Iraqi National Accord (INA) fungierte nach dem Sturz Saddam Husseins für kurze Zeit als Premierminister. Bei den Wahlen von 2010 errang er mit dem überkonfessionellen Bündnis Irakija zwar einen knappen Sieg, aber die Regierung bildete dann sein Vorgänger Nuri al-Malaki, der es schaffte, eine Mehrheitskoalition zustande zu bringen.

Damals entstand der Kniff mit dem „größten Block“, aus dem der Premierminister kommt und der seither ins politische System eingeschrieben ist. Allawis Tochter Sara, die nur gebrochen Arabisch spricht, aber als Regierungsberaterin fungiert, stieg aus London herab, um in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Auch ihr Gesicht blickte jüngst von allen Wänden, lächelnd. Sie kandidierte auf der Liste von al-Sudanis „Block für Wiederaufbau und Entwicklung“ und errang einen Parlamentssitz.

Während die Elite eine konfessionsübergreifende und stets wandelbare Kameraderie mit harten Islamisten und Milizionären pflegt, um an der Macht zu bleiben und staatliche Pfründe unter sich aufzuteilen, versinkt die übrige Bevölkerung im Elend. Und die Aussichten, dass sich etwas ändert, schwinden.

Früher war es Saddams Gefolgschaft aus seiner Heimatstadt Tikrit, die wegen ihres neuen Reichtums verabscheut wurde. Die heutigen Neureichen sind von einem anderen Schlag. Nach Anbruch der Nacht kommen sie zum Spielen heraus, kreuzen mit ihren fabrikneuen SUVs zwischen Privatkliniken, Shoppingmalls und glitzernden Restaurants. Sie hantieren offen mit Schusswaffen, missachten die Verkehrsregeln und können dich „hinter die Sonne“ schicken.

Zum Straßenbild gehören auch die motorisierte Flotte von Delivery-Boys und die Habenichtse, die in Scharen auftreten, die Kinder und Jugendlichen, die eine elende Realität nach ihrem Schulabschluss dazu zwingt, Wasser und Brot zu verkaufen, damit sie selber etwas zu essen haben.

In den 1990er Jahren kam es im Irak – aufgrund des strikten Embargos, von dem US-Außenministerin Albright damals sagte, es habe sich „gelohnt“ – zu einem Anstieg der Kriminalität und der Angst. Die darauffolgenden Unruhen haben diese Zustände so weit verschärft, dass die Gesellschaft daran zu zerbrechen drohte.

Dass die irakische Bevölkerung heute keine politische Alternative gestalten oder auch nur erkennen kann, ist eindeutig die Folge ihrer gewaltsamen Unterwerfung durch äußere Mächte. Das erwähnen die irakischen Politiker nicht, sie reden nur vom Fortschritt. Im Ausland dagegen sorgt man sich vor allem um dem Einfluss Teherans und die regionale Stabilität – und ist des Lobes voll über al-Sudani, der das Land in eine sichere Zukunft steuere, während die Region in Flammen stehe.

In solchen Analysen kommt das gemeine Volk kaum vor. Doch wenn normale Iraker im Internet auf ihre Nöte hinweisen, müssen sie mit Bestrafung rechnen. Der Staat ermutigt positive content creators, aber kritische Geister bekommen von der korrupten Elite und politischen Hardlinern deutlich zu spüren, dass man sie beobachtet und dass sie Schikanen oder gar juristische Verfolgung zu gewärtigen haben.

Unterdessen geht in Bagdad der städtebauliche Wildwuchs weiter, mit neuen Brücken über den Tigris und himmelhohen Wohntürmen. In der Al-Raschid-Straße, die nach dem fünften Kalifen Harun benannt ist und etliche Aufstände und gescheiterte Staatsstreiche gesehen hat, werden Altbauten hektisch saniert und gentrifiziert. Im Saray al-Kushla, der alten osmanischen Kaserne, in der 1921 Faisal I. zum ersten irakischen König gekrönt wurde, entsteht ein Kunstzentrum. Gesponsert wird es von den Volksmobilmachungskräften (Al-Haschd asch-Schabī), die 2014 als Dachorganisation schiitischer Milizen zur Bekämpfung des IS gegründet wurden. Später stiegen mehrere dieser Gruppen in die Politik ein und bauen ihre wirtschaftlichen Aktivitäten ständig aus.

Der ganze Bauboom ist darauf angelegt, nationalistische Gefühle und touristische Bedürfnisse zu bedienen, während gleich nebenan heruntergekommene Häuser, ganze Armutsquartiere, aber auch Baudenkmäler dem Verfall überlassen werden. Immer mehr Menschen können sich das Wohnen in Bagdad nicht mehr leisten. Sich in eine Gated Community einzukaufen, kostet hunderttausende US-Dollar – für die meisten eine unerschwingliche Summe.

„Wer kam da aus dem Nichts, um diese Ruine zu errichten?“, fragte der Dichter Saadi Yussef. Der „letzte irakische Kommunist“, wie er sich selber nannte, ist 2021 im Londoner Exil gestorben, er konnte den Niedergang seines Heimatlands nur aus der Ferne verfolgen.

In der Salam Art Gallery, in einem grünen Vorort, besuchte ich die Ausstellung des jungen Künstlers Ali Karim. Auf seinen großformatigen Leinwänden starrten schnurrbärtige Generäle, dekoriert mit Medaillen, Ordensbändern und Epauletten, den Betrachter an, als gelte es, einen der vielen Pyrrhussiege der jüngeren irakischen Geschichte zu feiern. Einige waren ohne Hemd, in Badeshorts oder pinkfarbenen clownesken Uniformen. Sie zogen sich Boxhandschuhe über, bereit zum Krieg. Auf dem letzten Gemälde, ganz am Ende der Serie, standen sie auf dem Kopf, besiegt. Ich ging hinaus, es war wie ein Déjà-vu.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Nabil Salih ist Autor und Fotograf aus Bagdad. Er lebt in New York.

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