25.10.2001

Trendwende in der Kunst?

Von Yvonne Volkart

Traumatisierende Ereignisse wie der Anschlag auf das World Trade Center in New York werfen auch immer wieder Fragen zum «(Börsen-)Kurs» der Kunst auf (und damit meine ich weniger den ökonomischen Faktor). Die Kunstzeitschrift «Flash Art» zum Beispiel startete kurz nach dem 11. September eine Umfrage unter verschiedenen Leuten aus der Kunstszene über die Zukunft von Kunst; wie Kunst reagieren könne und ob sie das müsse. Wie zudem einigen Kunstkritiken und kuratorischen Projekten in letzter Zeit zu entnehmen war, wurde plötzlich die Frage nach der gesellschaftspolitischen Relevanz zum Gradmesser von Qualität. Das ist neu, denn üblicherweise steht engagierte Kunst sofort unter dem qualitätsmindernden Verdacht, zu didaktisch-aufklärerisch und zu wenig «künstlerisch» zu sein.

Einer, dessen Kurswert nach dem Anschlag gesunken scheint, ist der Zürcher Shootingstar Olaf Breuning. Ich möchte mich dessen aktueller Rezeption kurz widmen, da sie mir exemplarisch erscheint für die veränderte Erwartungshaltung an die Kunst. Breunings Arbeit, so etwa die Installation im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen, die er als Manor-Preisträger einrichtete, fällt in letzter Zeit durch simple, stimmungsschwangere Inszenierungen auf, in denen mit viel Schall und Rauch Männlichkeit, Künstlertum und Konsumfetischismus (Ritter, Affen, Motorradfahrer etc.) zu einem quasiironischen Tableau verschaltet werden. Während Breuning zumeist auf eitle Freude stiess, erwartet man nun Existenzielleres im Angebot. So attestierte ihm das «Kunst-Bulletin» (Gerhard Mack) «angesichts der neuen gesellschaftlichen Situation zu viel diffuse Retrosehnsucht». Und der «Tages-Anzeiger» (Barbara Basting) endete nach einer kritischen Inspektion mit der Feststellung, dass man diese Art von inhaltslosen Spielereien «derzeit wirklich schlecht ertrage».

Breunings Männermythen und Menschenszenarios werden also als viel zu vage und selbstverliebt aufgefasst, als dass sie uns oder andere Männer zwischen Amerika und Afghanistan irgendwie beträfen. Von «Flash Art» befragt, fiel ihm nichts Besseres zu sagen ein, als dass er Nachrichten lese und nach einer Reaktion suche. Möglicherweise müsste also doch dem von der Kritik geäusserten Verdacht, dass da einer zu wenig über den eigenen Tellerrand hinausgeschaut hat, zugestimmt werden.

Die Kritiken zeigen deutlich, dass jetzt eine Kunst gefragt ist, die etwas zu sagen hat, eine, die nicht total immunisiert ist gegenüber der soziopolitischen Umwelt. Gefragt ist eine Kunst, die Bruchstellen aufweist, in der Ereignisse wie der 11. September, auch wenn ein solches nie vorhergesehen werden konnte, im Ernstfall Platz haben. Denn auch wenn das Geschehen traumatisierend war und niemand erwartet hätte, dass es Angehörige der so genannten Dritten Welt jemals wagen würden, die Symbole der Weltmacht in Schutt und Asche zu legen, so muss man leider zugeben, dass es nur allzu gut in die gegenwärtige Weltpolitik mit ihren Machtgefällen und Ausschlüssen passt.

Wer die Augen vor diesen Realitäten nicht verschloss und diese in die Arbeit integrierte, fällt jetzt auch nicht aus allen Wolken. Dessen und deren Kunst büsst jetzt auch nicht an Relevanz ein, sondern im Gegenteil, sie wird plötzlich als übertragbar und hochaktuell wahrgenommen. Ein solches Beispiel sind etwa die Arbeiten im webkuratierten Projekt «Shrink to fit» (www.xcult.org). Hier, im Inneren der weissen Linie, sind Arbeiten von KünstlerInnen versammelt, die gerade auch nachträglich als voraussichtig und damit hochgradig infizierbar und lebendig bezeichnet werden können.

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