20.09.2001

Splitscreen der Realität

Der Künstler und Musiker Christian Marclay wohnt und arbeitet direkt neben dem World Trade Center. Er beobachtete die Ereignisse vom 11. September von seiner Wohnung aus.

Interview: Patrik Landolt

WoZ: Sie sahen von Ihrer Wohnung aus auf die Türme des World Trade Center. Was geschah am 11. September?
Christian Marclay: Ich hörte an diesem Morgen einen riesigen Knall, der die ganze Wohnung durchschüttelte. Meine Freundin und ich wussten nicht, was vor sich ging. Durch das Fenster sahen wir Rauch aufsteigen, überall wirbelten Papierblätter durch die Luft. Ich schaltete Fernsehen und Radio ein. Dort war zu erfahren, dass es einen Anschlag gegeben hatte.

Wie haben Sie reagiert?
Wir realisierten im ersten Moment überhaupt nicht, wie dramatisch die Lage war. Meine Freundin verliess die Wohnung – es war Wahltag –, sie wollte ihre Stimme abgeben und dann zur Arbeit in die Bronx fahren. Ich nahm das Ganze nicht so ernst und wollte, wie jeden Tag, mit meiner Arbeit beginnen. Erst als dann der erste Turm einstürzte, erschrak ich. Der Lärm war immens, die Rauchentwicklung ungeheuerlich. Es wurde plötzlich dunkel. In New York ist es nie dunkel. Ich kannte das WTC als einen Turm, in dem auch noch nach Mitternacht Lichter brennen. In diesem Moment geriet ich in Panik. Aber ich konnte die Wohnung nicht verlassen. Die Luft war voller Asche und Staub.

Was machten Sie dann?
Meine Wohnung ragt über das Nachbarshaus hinaus und hat Richtung WTC drei Sicherheitsfenster. Ich stand nervös vor den verschlossenen Fenstern, beobachtete die immensen Rauchwolken, blickte runter auf die Strasse, guckte auf das TV und hörte Radio. Was mich erstaunte, war, wie viel Papier duch die Luft flog, mitten in den schwarzen Rauchschwaden. Man muss sich vorstellen, all diese Schreibtische im WTC waren voller Dokumente, Computerpapier, Schreibpapier, Familienfotos etc. Als der zweite Turm einstürzte, dachte ich, dass jetzt auch mein Haus zusammenbreche, und rannte instinktiv unter einen Türrahmen, wie bei einem Erdbeben. Gleichzeitig hatte ich furchtbare Angst um meine Freundin. Sie war in der U-Bahn Richtung Bronx, und ich hatte noch nichts von ihr gehört.

Funktionierte das Telefon?
Ja, Licht und Telefon funktionierten bis zum Mittag. Aber das TV brach zwischendurch zusammen. Zahlreiche Freunde riefen an. Auch mein Bruder aus Genf wollte wissen, wie es mir geht.
Gegen ein Uhr hielt ich es nicht mehr aus, packte eine Tasche, nahm eine dieser Smogmasken und stieg die Treppen hinunter. Ich trat auf die Strasse. Sie war übersät mit weissem Staub, Papier und Trümmern. Ich ging den Broadway hinauf, schritt über Blätter und Schuhe: Sandalen, Hausschuhe, Pumps, ein entsetzliches Bild. Als die Menschen vor den einstürzenden Türmen flohen, streiften sie die Schuhe ab, um schneller laufen zu können. Verlorene Schuhe sind traurige Symbole, Sinnbilder individueller Tragödien.

Was geschah dann?
Mir wurde klar, wie falsch ich reagiert hatte, als ich so lange zuhause ausgeharrt hatte. Ich wollte im Atelier mit der Arbeit beginnen. Dabei war ich überhaupt nicht in der Lage, auf diese veränderte Realität zu reagieren. Ich ging zu FreundInnen in die Bronx. Ich muss nun fürchten, dass ich möglicherweise sehr lange nicht mehr in meine Wohnung zurückkehren kann, dass möglicherweise alle meine Arbeiten, mein ganzes Archiv zerstört sind. Der Musiker Jim O’Rourke hat im Studio von Sonic Youth übernachtet, das gleich neben dem WTC liegt, und ist nur durch glückliche Umstände dem Tod entronnen. Wenn ich jetzt von all den Tragödien höre, von den vielen Toten, dann wird mir klar, dass ich ungeheures Glück gehabt habe.

Die Gegend um das WTC ist bekannt als Geschäftsviertel.
Es ist erstaunlich, aber gerade hier, mitten im Businessviertel, gibt es Freiräume und billige Ateliers. Viele meiner KollegInnen wohnen downtown. Die ganze Musikszene der achtziger und neunziger Jahre ist hier entstanden. Unweit von hier sind die besten Musikclubs. Ich mag diese Gegend, ich wohne gern mitten in der Stadt, wo die Leute arbeiten.

Wie erklären Sie sich, dass Sie zunächst nicht zu reagieren wussten?
Als ich das Geschehen vom Fenster aus beobachtete, war ich erstaunt, als ich sah, wie sich die Menschen ungehemmt dem brennenden WTC näherten. Viele Leute haben scheinbar keine Sensibilität mehr für wirkliche Gefahren. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir auf dem Bildschirm schon so viele Horrorbilder gesehen haben, dass wir sie nicht mehr mit der Realität in Zusammenhang bringen können. Das Ereignis hatte auch etwas äusserst Surreales: Es übersteigt tatsächlich die Möglichkeiten unserer Fantasie, wie diese riesigen Flugzeuge in die Türme prallen. Es sah aus, als preschten die Flugzeuge in Watte. Es gab zwei irrsinnige Explosionen, aber die Türme wankten nicht einmal. Dann das Unfassbare, nach kurzer Zeit sackten sie in sich zusammen wie Kartenhäuser.

Ist es nicht erstaunlich, dass selbst Sie, obwohl Sie direkt neben dem WTC leben, die Informationen aus dem TV bezogen? Sie sahen im TV womöglich die gleichen Bilder wie ihr Bruder in Genf …
Ich hatte drei Informationsquellen. Ich schaute zum Fenster hinaus, schaute TV und hörte Radio. In den Hochhäuserschluchten von Manhattan ist das Panorama begrenzt. Man sieht immer nur Ausschnitte. Ich blickte auf die obersten Etagen des WTC und den Broadway. Ich konnte sehen, wie Leute in Richtung WTC gingen, als der Turm schon in Flammen stand. Als er kollabierte, bemerkte ich dann Scharen von wegrennenden Menschen. Aber ich brauchte das TV, um zu erfahren, was passierte. Das TV war wie eine Bestätigung dessen, was ich sah. Als ob ich meiner eigenen Wahrnehmung nicht trauen könnte. Die Informationen aus dem TV kamen spärlich. Ich wusste lange nicht, ob eine Bombe explodiert war, ob eine Rakete eingeschlagen hatte oder ob es ein Flugzeug war.

Das Fernsehen zeigte in diesem Moment endlose Loops von den immer gleichen Bildern.
Die TV-Stationen hatten lange Zeit gar keine Bilder und kaum Informationen. Es gab ein Vakuum. Erst als sie mit Reportern vor Ort kamen und Augenzeugen vor die Kameras traten, wurde es besser. Die Stimmen der Moderatoren hatten letztlich etwas Beruhigendes. Es ist wirklich sehr interessant, welche Rolle das Fernsehen zu spielen begann. Alle Sender stellten das Programm um. Selbst kommerzielle Sender wurden zu wichtigen Informationsträgern. Tag und Nacht gab es ausschliesslich Informationen, ohne jede Werbepause. Was ich bisher noch nie gesehen hatte – für mich in dieser gehäuften Art des Einsatzes neu –, war, wie plötzlich alle Sender mit dem Splitscreen begannen, den Bildschirm für zwei, manchmal sogar drei verschiedene Bilder aufzuteilen. Während sie links den Bürgermeister interviewten, zeigten sie rechts die Wiederholung des einstürzenden Turms oder einen Panoramablick über Downtown. Der Splitscreen wurde zum neuen Informationsinstrument, das Fernsehen zu einer Art Newsroom, in dem wir verschiedene Nachrichten gleichzeitig serviert bekommen.

Ist dies die grösstmögliche Steigerung des Infotainment?
Die Grenzen sind total fliessend geworden. Aber letztlich war ich doch sehr erstaunt, wie viele spannende Zugänge gesucht wurden, um die Ereignisse zu vermitteln. Ärgerlich fand ich es, dass die TV-ReporterInnen vor den Spitälern Menschen, die ihre Angehörigen vermissten und auf deren Lebenszeichen hofften, zu reinen Emotionsträgern missbrauchten. Sie gaben vor, die Bilder der Vermissten zu zeigen, damit diese vielleicht gefunden werden. Aber sie wollten letztlich nur, dass die Leute ihre traurigen Geschichten vor der Kamera erzählen. Sie trieben die Leute zu Tränen. Sie missbrauchten das Leiden und die Gefühle dieser Leute für reine Unterhaltungszwecke. Und wir Zuschauer sitzen da und sehen, wie die Leute unter Tränen schreckliche Erlebnisse erzählen oder mitteilen, wie sehr sie ihre vermissten Angehörigen lieben.

Ein Reporter von CNN sagte, das Ganze sei ihm vorgekommen wie ein schlechter Horrorfilm. Wie stark ist unsere Wahrnehmung von Ereignissen von den Bildern geprägt, die wir schon in den Köpfen haben?
Diese künstlichen Bilder schaffen natürlich Wirklichkeiten, und die Grenzen von künstlichen Bildern und realen Ereignissen gehen ineinander über. Die Leute in den USA suchen das Spektakel, um emotional berührt zu werden. Das grosse Sommer-Entertainment in den USA war der Actionfilm «Pearl Harbor». Die Attacke auf die USA als Kino-Entertainment. Heute wird alles so schnell recycelt, dass wir sicher nächstes Jahr mit dem Film über das WTC rechnen dürfen.

Werden die Tage nach dem 11. September auch Einfluss auf Ihre Kunst nehmen?
Was ich gesehen und erlebt habe, hat mich verändert. Aber wie dies in meine Arbeit einfliessen wird, weiss ich nicht. Ich denke, der Anschlag auf das WTC wird mit Sicherheit der bestdokumentierte Terroranschlag aller Zeiten sein. Es gibt zahlreiche technisch hoch stehende Aufzeichnungen und Amateurvideos. Was kann Kunst dem entgegensetzen? Ich fühlte mich in den letzten Tagen als Künstler eher komisch. Überflüssig vielleicht. Ich kann nicht arbeiten. Nur abwarten und TV schauen.

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