10.07.2003

Die Quellenschlucker vom Genfersee

Das Geschäft mit dem blauen Gold boomt. Doch immer mehr Leute finden: «Das Wasser gehört uns allen.»

Von Daniel Stern

Der jüngste Geschäftsbericht von Nestlé liest sich in der Sparte Wasser wie früher die sowjetische «Prawda». «Ausgezeichnete Leistungssteigerung» hie, «beeindruckende Umsatzsprünge» da und an allen Orten «überragende Erfolge». Die Stachanows von Vevey sind dick drin im Wassergeschäft und eilen von Sieg zu Sieg, könnte man meinen. Mit siebzehn Prozent Weltmarktanteil steht der Schweizer Lebensmittelkonzern an erster Stelle in Sachen Wasser und setzte damit letztes Jahr 7,7 Milliarden Franken um. Der Konzern hält 77 Wassermarken und füllt seine Plastikflaschen an 107 Orten weltweit ab. Und alle ExpertInnen sind sich einig: Das Geschäft mit Wasser hat erst begonnen.

Nestlés Sprung in die oberste Wasserliga liegt gerade mal zwölf Jahre zurück. Damals kauften sich die Nestlé-ManagerInnen den französischen Mineralwasserkonzern Perrier. «Wir wussten, Wasser wird im 21. Jahrhundert zum wichtigsten Rohstoff», sagt Firmensprecher Hans-Jörg Renk der WoZ. «Die Wachstumsraten in diesem Bereich sind höher als in anderen.» Und so kauft Nestlé seither Quelle um Quelle dazu. Dabei vollzog der Konzern auch noch einen Strategiewechsel, weg vom «Spezialisten für Mineralwasser» hin zum «globalen Player auf dem Wassermarkt», wie es in einer Nestlé-Marketingbroschüre heisst. Oder anders gesagt: Nestlé verkauft zwar weiter seine exklusiven Mineralwasser wie Perrier oder San Pellegrino, daneben kommt aber dem Absatz von gewöhnlichem Tafelwasser, das günstig in den Supermärkten von Entwicklungs- und Schwellenländern wie Brasilien, Indien, Pakistan oder China zu finden ist, immer grössere Bedeutung zu. «Pure Life» heisst die eigens kreierte Weltmarke. Dem an verschiedenen Orten der Welt abgeschöpften Wasser werden dabei zuerst die Mineralien entzogen. Hernach wird künstlich die immer gleiche Mineralienzusammensetzung wieder zugeführt. Das Einheitswasser wurde 2002 in Usbekistan, der Türkei und Ägypten neu eingeführt. Es ist das Trinkwasser für den urbanen Mittelstand, der sich das chlorhaltige oder teilweise giftige Leitungswasser nicht antun will. Firmensprecher Renk drückt es so aus: «In den städtischen Zentren der Dritten Welt fehlt es an Trinkwasser. Unser Wasser ist ein günstiger Gebrauchsartikel. Aber es ist uns klar, dass nicht alle sich das leisten können.»

Aggressiver Einstieg

Nestlé begann 1999 mit der Einführung von Pure Life auf dem Testmarkt Pakistan. Die Marketingmethode dazu war gemäss einem Bericht des «Asian Wall Street Journal» gelinde gesagt aggressiv. Eine von Nestlé angeheuerte Marketingfirma organisierte zwei Monate vor Produktelancierung verschiedene Seminare zum Thema Wasserqualität. Offizielle VertreterInnen der pakistanischen Gesundheitsbehörden rügten dort die städtischen Wasserwerke. Ausserdem denunzierten sie verschiedene lokale Flaschenwasser, deren Qualität gesundheitsgefährdend sei. Dass Nestlé hinter der Organisation dieser Seminare stand, war zu diesem Zeitpunkt nicht transparent. Dann begann Nestlé mit der Lancierung von Pure Life. Schon sechs Monate nach der Einführung lag der Marktanteil bei über fünfzig Prozent. Allerdings kam Nestlé wegen seiner Marketingmethode hernach ziemlich in die Kritik. Ein Sprecher versprach für künftige Neulancierungen Besserung.

Mit Pure Life ist Nestlé jetzt auch in der Dritten Welt gross im Wassergeschäft, was bei Hilfswerken und entwicklungspolitischen Organisationen nicht gerade mit Applaus bedacht wird. Der Konzern nütze den Mangel an sauberem Trinkwasser schamlos aus, kritisiert Rosmarie Bär von der Arbeitsgemeinschaft der Hilfswerke in der Schweiz. Lara Cataldi von der Erklärung von Bern vergleicht Nestlés Wassergeschäft mit McDonald’s. Nur: Wasser ist lebenswichtig, Hamburger sind es nicht. Franz Gähwiler von der Helvetas befürchtet, dass der Druck auf die lokalen Behörden schwindet, die Wasserversorgung so zu gestalten, dass alle günstig Zugang zu sauberem Wasser haben. Dem hält Hans-Jörg Renk entgegen, dass im Gegenteil Pure Life eine Herausforderung für die Behörden darstellt, ebenfalls sauberes Wasser aus der Wasserversorgung anzubieten.

Tatsache ist, dass über eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser hat. Die mangelhafte Versorgung mit hygienisch unbedenklichem Wasser ist die Hauptursache für die hohen Krankheits- und Sterberaten in den Ländern des Südens. Nestlés Macht über eine steigende Zahl von Wasserquellen erzeugt Misstrauen. «Wasser ist ein öffentliches Gut, das nicht einfach einem Konzern gehören soll», sagt Rosmarie Bär. Hans-Jörg Renk kontert: «Nestlé verkauft gerade mal 0,0006 Prozent des weltweiten Süsswassers.» Mit Wasserwerken und der Versorgung per Röhre habe man nichts am Hut. Diese Privatisierungsschiene wird von Konzernen wie Vivendi und REW bearbeitet.

Verlorene Quellen in Brasilien

Doch Nestlé stösst mit seinem Wassergeschäft auch dort, wo der Konzern abpumpen lässt, auf zunehmenden Widerstand. Zum Beispiel in Brasilien: Mit dem Kauf der Firma Perrier gelangte Nestlé in den Besitz eines Wasserparks bei der Stadt São Lourenço. Die Produktion des gleichnamigen Mineralwassers wurde weitergeführt. Daneben begann Nestlé aber 1998 mit dem Bau einer neuen, viel grösseren Wasserfabrik. 150 Meter soll dabei in die Tiefe gebohrt worden sein, um Wasser aus einer anderen, sehr eisenhaltigen Quelle hinaufzupumpen. Seit 1999 produziert Nestlé mit diesem Wasser Pure Life. Der Standort der Quelle liegt ideal zwischen den grossen Städten São Paulo, Belo Horizonte und Rio de Janeiro. «Es ist zu befürchten, dass mit der Zeit auch alle anderen Quellen hier privatisiert werden», sagt Franklin Frederick, Umweltberater und Mitglied einer örtlichen Bürgerinitiative gegen die Wasserprivatisierung. São Lourenço gehört zur Region Circuito das Águas, zur Gegend mit dem weltweit grössten Vorkommen an verschiedenen Mineralwassern. Bislang gehören noch drei der vier Wasserparks dem Staat. Hier entwickelten sich im 19. Jahrhundert Wassertherapiezentren. Allerdings ist die Anziehungskraft dieser Heilmethode markant rückläufig, seitdem der Staat in den fünfziger Jahren aufhörte, sie zu unterstützen. «Immer weniger Leute wissen um die Heilkraft der verschiedenen Quellen», bedauert Frederick. Die Region, welche vom Wassertourismus abhängt, läuft Gefahr zu verarmen. Dies bestätigt auch Stefan Rist vom Zentrum für Umwelt und Entwicklung der Universität Bern. Rist hat letztes Jahr die Gegend besucht und berät Frederick bei der Entwicklung von Alternativkonzepten (vgl. Kasten). Franklin Frederick wirft Nestlé vor, mit dem intensivierten Abpumpen von Wasser das örtliche Quellensystem durcheinander gebracht zu haben. Eine Quelle sei bereits versiegt, bei anderen habe sich die Zusammensetzung der Mineralien verändert. Ausserdem missachte Nestlé ein brasilianisches Gesetz, welches das Demineralisieren von Mineralwasser verbiete. Deswegen ist zurzeit ein Verfahren gegen Nestlé hängig, wie Hans-Jörg Renk bestätigt. Nestlé sei aber der Ansicht, dass es sich bei besagtem Wasser nicht um Mineralwasser handle, da es zu trübe sei.

Franklin Frederick hielt sich letzten Monat in der Schweiz auf, um den Druck gegen Nestlé zu verstärken. «Wenn wir den Kampf nur in Brasilien führen, so haben wir keine Chance. Die grossen Zeitungen meines Landes berichten nicht über uns, wohl aus Angst, sie könnten einen wichtigen Inseratekunden verärgern.» Frederick befürchtet, dass Nestlé mit seiner Macht den Prozess noch um Jahre hinauszögern kann. Auch die brasilianische Zentralregierung wolle es sich mit dem Multi nicht verderben. Schliesslich habe am vergangenen Weltwirtschaftsforum in Davos der neue Präsident Luiz Inàcio Lula da Silva mit Nestlé-Chef Peter Brabeck ein wichtiges Abkommen unterzeichnet. Nestlé will aktiv Lulas Kampf gegen den Hunger unterstützen, denn Nestlé hat in Sachen Imagepflege aufgeholt. Schliesslich gehört man jetzt auch zum Klub der Konzerne, die sich mit dem «Global Compact» der Uno auf soziale und ökologische Minimalstandards verpflichtet haben.

Opposition in den USA

Der Fall Brasilien scheint Nestlé bislang also kaum zu stören. Etwas mehr beunruhigen müsste allerdings die StrategInnen vom Genfersee, dass ihnen auch im Stammland der Privatisierung geballte Opposition gegenübertritt. Ausgerechnet in den USA wächst die Kritik am Wassergeschäft von Nestlé – in einem Land, wo die jährlichen Zuwachsraten für abgefülltes Wasser bei zehn Prozent liegen. Nestlé ist auch hier Marktführer und setzt sich etwa gegen die Konkurrenz von Pepsi und Coca-Cola durch, die mit aufbereitetem Leitungswasser in den Markt drängen. «Es stört uns, dass Nestlé Land mietet, gratis Wasser abpumpt und noch Steuererleichterungen bekommt», sagt Holly Wren, Aktivistin der Süsswasser-Allianz aus dem Bundesstaat Michigan. Von hier stammt Nestlés Ice Mountain Water, das in neun Bundesstaaten verkauft wird. «Dieses Wasser gehört allen», sagt Wren. Basisgruppen organisieren Demonstrationen und schreiben Protestbriefe, um die PolitikerInnen unter Druck zu setzen. Die demokratische Gouverneurin Jennifer Granholm solle Nestlé die Betriebsbewilligung entziehen, fordert man in Michigan. Die Angst geht auch hier um, dass bald noch andere Mulits auf den Geschmack kommen und sich lokales Wasser aneignen. Eine Gruppe unter dem Namen Michigans Bürger für Wassererhaltung hat inzwischen einen Prozess gegen Nestlé angestrengt. Das abgefüllte Wasser fehle am Schluss dem Michigan-See, argumentiert die Bürgerinitiative. Dieser See gehört zu den fünf Grossen Seen im Grenzgebiet zwischen USA und Kanada, welche das grösste Süsswasserreservoir der Welt bilden.

In mindestens fünf weiteren Bundesstaaten ist Nestlé inzwischen mit der Opposition von Bürgerinitiativen konfrontiert. In Wisconsin werfen Bauern der Firma vor, mit ihren Pumpstationen den Grundwasserspiegel abzusenken und so ihre eigenen Quellen zum Versiegen zu bringen. Und in Florida wehrt sich eine Gruppe unter dem Namen Rettet unsere Quellen gegen Nestlés unstillbaren Wasserdurst. Aus Vevey verlautet demgegenüber, Opposition gebe es nur von sehr kleinen Gruppen, und die Vorwürfe seien haltlos.

Allerdings wirkt die zur Schau getragene strategische Geringschätzung unglaubwürdig. In der Konzernzentrale weiss man sehr wohl um die Kraft von kleinen Bürgerinitiativen: Vor zwei Jahren erlitt Nestlé ausgerechnet vor der eigenen Haustüre eine empfindliche Niederlage. Damals bewarb sich die Firma um die Trinkwasserquelle der Gemeinde Bevaix im Kanton Neuenburg. Das dort gepumpte Wasser hätte zu Aquarel verarbeitet werden sollen, dem europäischen Pendant zur Marke Pure Life. Aquarel ist inzwischen in den Supermärkten von neun europäischen Ländern zu finden. Als die Gruppe Attac die bevorstehende Privatisierung der Wasserquelle von Bevaix publik machte, hagelte es 120 Einsprachen beim Kanton. Nestlé musste das Gesuch zurückziehen.

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