13.09.2001

Angst und Schrecken

Von Hans Hartmann

Zwölf Jahre mussten Sicherheitspolitiker, Generalstabsoffiziere und Strategieexperten warten. Jetzt ist es da: das Bild, das die bisher abstrakten neuen Bedrohungsszenarien greifbar macht und die geostrategischen Machtkalküle des Westens als Gebot der Vernunft erscheinen lässt. Das Bild der einstürzenden Türme des World Trade Center in Manhatten wird zu einem Symbol des 21. Jahrhunderts werden, weil es die Angst und den Schrecken zum Ausdruck bringt, auf dem die neue Weltordnung beruht.

Es ist so gesehen das Gegenbild zum Fall der Berliner Mauer im November 1989, der das Ende des 20. Jahrhunderts bebilderte und für eine kurze Zeit eine friedlichere Welt plausibel machte. Frieden war für die westliche Friedensbewegung eine Gegenthese zur Abschreckungslogik des Kalten Krieges. Aber beide Denkweisen, diejenige des atomaren «Overkills» und diejenige der Abrüstung, verstanden sich als vernünftig. Und beide blieben im Kern hysterisch, solange die ideologische Lügengeschichte von der in ein Reich der Freiheit und ein Reich des Bösen geteilten Welt als unverrückbare Tatsache galt.

Ein einziges Bild, der Fall der Mauer, genügte, um diese Lügengeschichte uninteressant zu machen. Der Streit, ob nun die Logik der Abschreckung oder diejenige der Abrüstung mehr Sicherheit verspreche, wurde von der Frage abgelöst: Sicherheit vor wem? Nicht die plötzliche Abwesenheit von Gewalt machte Ende 1989 den Gedanken an den Frieden so plausibel, sondern das plötzliche Ende der Hysterie des Kalten Krieges. Sogar in der selbstgenügsamen Reduit-Schweiz, wo zwei Wochen nach dem Fall der Mauer über eine Million Stimmberechtigte für die Abschaffung der Armee stimmten.

Aber in die gute Botschaft mischte sich von Anfang an eine neue Lüge. Denn die eine Welt, die sich die Massen vorher negativ, als Albtraum des nuklearen Winters, vorgestellt hatten, formulierten nun die bürgerlichen Leitartikler positiv als Allmachtsfantasie: als Triumph der kapitalistischen Freiheit, als Sieg der liberalen Demokratie, als Ende der Geschichte. Diese neue Lügengeschichte, welche die noch nie da gewesene Dominanz des Westens über den Rest der Welt unterschlägt, ist Ausgangspunkt einer neuen Hysterie, an der die westlichen Sicherheitsexperten seit Jahren arbeiten.

Ob dabei von Terrorismus, Schurkenstaaten, Zivilisationskonflikten, Raketenangriffen, organisierter Kriminalität oder Gewalt unterhalb der Kriegsschwelle die Rede ist, immer geht es ums Gleiche: um eine neue Zweiteilung der Welt in ein Reich der Freiheit und ein Reich des Bösen. Und um die Kontrolle der davon ausgehenden Bedrohungen mittels modernisierter Repressionsorgane. Militärische Konfliktintervention und Migrationskontrolle sowie die Aufrüstung der inneren Sicherheit sind Ausdruck dieser Kontrolllogik.

Auch die Schweizer Militärstrategen haben seit 1989 die Palette der neuen Bedrohungen fleissig erweitert. Einen peinlich-paranoiden Touch haben die Szenarienerfinder dabei nie loswerden können. Wer, so konnte man mit Fug und Recht einwenden, soll all die Bosheiten, die ihr euch in euren Hirnen ausdenkt, verüben? Das wird jetzt anders. Jetzt sitzen diese Stahels, Spielmanns und Dänikers selig wieder in den Fernsehstudios – sie, die sich Ende November 1989 wie amputierte Gliedmassen in den Abstimmungsstudios herumdrückten, 1991 mit sichtlicher Erleichterung die Bombardierung des Iraks begleiteten und später mit zunehmender Begeisterung die Interventionen der Nato im Balkan kommentierten – sie rezitieren das lange eingeübte Bedrohungsvokabular und brauchen sich vor dem Hintergrund der einstürzenden WTC-Türme um diesen Einwand nicht mehr zu kümmern.

Heute Donnerstag eröffnet die GSoA die Abstimmungskampagne für ihre zweite Armeeabschaffungsinitiative und für einen freiwilligen Zivilen Friedensdienst. Weil die Schweiz militärisch nicht bedroht ist, hätte man gelassen über einen klügeren, zivilen Beitrag zu einer nachhaltigen Konfliktpolitik diskutieren können. Jetzt, nach dem «zweiten Pearl Harbor», wird es vor allem darum gehen, was Armeen im «asymmetrischen Krieg zwischen Zivilisation und Barbarei» ausrichten können. Und das ist dann schon eine hysterische Diskussion.

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