03.04.2003

Der kleine Krieg im grossen Krieg

Die Lage im Nordirak ist hoch explosiv. Die bisherigen Kämpfe waren erst der Anfang.

Von Werner van Gent, Cizre

Der Vormarsch der «Koalitionskräfte» sei keineswegs zum Stillstand gekommen, war in diesen Tagen aus der Befehlszentrale der Invasionstruppen zu vernehmen. Im Gegenteil, der Krieg verlaufe sogar «bemerkenswert gut». Wenig später wurde bekannt, dass US-amerikanische Soldaten unweit des schiitischen Heiligtums bei Nadschaf im Südirak an einer Strassensperre in Panik sieben Kinder und Frauen mit schweren Maschinengewehren zerfetzt hatten, weil das Auto, in dem die Frauen und Kinder sassen, nicht angehalten hatte. Doch das ändert wenig daran, dass die Militärs und ihre «eingebettete» Propaganda auch weiterhin glauben lassen wollen, im Irak Bemerkenswertes und Gutes zu verrichten. In der Welt ausserhalb des angelsächsischen Kriegsverbunds sieht es anders aus. Sogar der ägyptische Präsident Hosni Mubarak, der sonst auf Gedeih und Verderb zu den USA hält, geht auf Distanz angesichts der Katastrophe, die sich vor den Augen der Welt anbahnt. Dieser Krieg öffne das «Tor zur Hölle» und verleihe lediglich den Terroristen Auftrieb, sagte Mubarak. Statt eines Usama Bin Laden würden am Ende tausend Bin Ladens ihr Unwesen treiben. Wohl wahr. Für die Verbindung zwischen Saddam Hussein und Extremisten vom Stil Bin Ladens hatten die USA nur sehr dürftige Indizien vorgelegt. Und so wird diese Verbindung nun auch noch herbeigebombt.

Die Bombardements vernichten erbarmungslos zivile Ziele und fügen der Bevölkerung unendliches Leid zu. Bei den tonnenschweren Monstren, die seit fast zwei Wochen auf Bagdad, Kirkuk und Mosul abgeworfen werden oder von GPS-Satellitendaten geleitet auf ihre Ziele niedergehen, nehmen die Planer zivile Opfer nicht nur in Kauf. Sie kalkulieren den grösstmöglichen Schrecken mit ein und geben sich neuerdings nicht einmal mehr die Mühe, dies zu vertuschen. Denn: Krieg ist Krieg. Der Satz ist auch jetzt wieder zu hören, wie in Jugoslawien, wie in Afghanistan.

Von der Befreiung hat das irakische Volk schon oft geträumt. Bislang hat es diese Träume noch immer mit Schrecken grössten Ausmasses bezahlen müssen. Wieso also jetzt den InvasorInnen mit Blumen entgegenlaufen? Wäre es nicht so ungemein traurig, könnte man laut lachen angesichts der Art und Weise, wie die USA und Britannien (und wer sonst noch mitkämpft) auf die eigene Propaganda hereingefallen sind, wonach der Irak-Feldzug eine Neuauflage der Invasion in der Normandie 1944 sei: ein schwieriges Unternehmen zwar, im Endeffekt aber doch ein höchst befriedigendes, weil Freiheit gesät und treue Verbündete geerntet werden. Und nun dies: In Basra freut sich die schiitische Bevölkerung offenbar kein bisschen ob der heranrückenden SoldatInnen. Verwundert das denn immer noch? In den Jahren nach dem zweiten Golfkrieg hat Saddam Husseins Terrormaschine gerade im Süden mit unendlicher Brutalität gewütet. Die Details aus den Berichten internationaler Menschenrechtsorganisationen spart man sich lieber. Saddam Hussein konnte morden und foltern. Einzugreifen lag nicht im Interesse der Welt.

Die Welt war noch einigermassen übersichtlich, es gab «gute» und «schlechte» Muslime. Die SchiitInnen gehörten zur zweiten Kategorie, weil sie Rückhalt im Iran haben. Die WahhabitInnen der saudischen Diktatur dagegen waren die «guten» Muslime, Stabilitätsfaktoren eben. Sie waren es so lange, bis sich aus den Reihen dieser WahhabitInnen der Sohn eines einflussreichen Geschäftsmannes namens Bin Laden löste, der die USA in Angst und Schrecken versetzte. Auf einmal war das Weltbild von den «guten» und den «schlechten» Muslimen ins Wanken geraten. Dass die Gewaltherrschaft Saddam Husseins auf einmal nicht mehr zu verdauen war, hat wohl auch mit der plötzlichen Einsicht zu tun, dass die vermeintlichen Stabilitätsfaktoren im Nahen Osten allzu schnell ins Wanken geraten können. Gut und Böse drehten sich um, nicht um hundertachtzig Grad, aber doch so stark, dass ein neuer Krieg gegen den Irak plötzlich denkbar wurde. Noch sei man daran, mit Keksen, Wasserflaschen und Versprechungen über Freiheit und Hamburger deren «Herz und Kopf» (hearts and minds) zu gewinnen, verlautet dieser Tage aus den USA. Ein schwieriges Unterfangen. Die Leute sind hungrig und durstig, aber nicht dumm.

Gut für die Drecksarbeit

Im Norden liegt die Sache noch etwas komplizierter als im schiitischen Süden. Auch hier sind die Menschen 1991 aufs Übelste verraten worden. Kein Wunder, zeigte die Bevölkerung wenig bis keinen Enthusiasmus angesichts der Kriegspläne Washingtons. Und doch verbreiten ein- und ausgebettete JournalistInnen jetzt Bilder, die das Gegenteil beweisen sollen: dass die Kurden nicht nur zu treuen Alliierten der Invasoren geworden sind, sondern auch die Drecksarbeit verrichten und die irakischen Truppen aus ihren Stellungen bei Mosul und Kirkuk vertreiben werden. Und dass sie dies mit Inbrunst tun. Als die irakischen Militärs nach erbarmungslosen Bombardements ihre vorgeschobenen Stellungen westlich des kurdischen Chamchamal räumten, zogen die leicht bewaffneten kurdischen Kämpfer – die Peschmergas – nach, nicht viel später gefolgt von den KriegsreporterInnen der angelsächsischen Nachrichtensender.

Es war aber kein Vormarsch der Kurden, das zeigten die Bilder zweifelsfrei, nur ein Rückzug der Iraker. Der wirkliche Vormarsch nach Kirkuk und Mosul wird viel blutiger werden. Das macht auch vielen KurdInnen Angst. Werden nun etwa die KurdInnen, die von Saddam Hussein im Rahmen seiner Arabisierungskampagne sukzessive aus Kirkuk vertrieben worden waren, die nun dort ansässige arabische Bevölkerung «befreien» oder kommt es zu Vertreibungen? Werden alte Rechnungen beglichen, kommt es zum Bürgerkrieg unter Aufsicht von US-Truppen? Können die USA mit ihrer dürftigen Streitkraft im Norden so etwas verhindern? Auch unter dem schlimmen Terror 1988, als Saddam Hussein schätzungsweise mehr als 182 000 KurdInnen massakrieren liess, kam es nicht zu einem eigentlichen Bruch zwischen kurdischen und arabischen IrakerInnen. Saddam war der gemeinsame Feind für KurdInnen, AraberInnen und SchiitInnen. Das könnte sich jetzt alles ändern.

Kompliziert ist die Lage im Norden auch, weil der politische Prozess ins Stocken geraten ist. 1992 waren unter internationaler Aufsicht Wahlen durchgeführt worden, die ersten demokratischen und freien Wahlen überhaupt in Kurdistan. Danach hat die Welt im Rahmen der «double containment policy», der Politik der doppelten Einengung oder Kontrolle, nichts getan, das kurdische Experiment mit der Demokratie zu fördern. Der Landstrich im Norden wurde zwar aus der Luft überwacht, damit die Truppen Saddams dort nicht noch einmal wüten konnten. Überlebenschancen wurden diesem Kurdistan aber keine gegeben, weil die Nachbarn angesichts der ersten Fortschritte Amok liefen.

Die Folge war, dass die nordirakischen KurdInnen immer mehr unter Druck gerieten – politisch, vor allem aber wirtschaftlich. Die autonome Zone wurde von den umliegenden Staaten richtiggehend stranguliert, der Bürgerkrieg zwischen den im Westen lebenden Anhängern von Massud Barsani mit jenen des im Osten der Zone ansässigen Dschelal Talabani war ein Krieg um die wenigen verbliebenen Einkünfte und Pfründe und entsprechend blutig. Angewidert kehrten internationale Hilfswerke den streitenden KurdInnen den Rücken.

Erst das Uno-Programm «Öl für Nahrung» hat der Zone so etwas wie Stabilität gebracht. Ein Teil der Einnahmen der unter Aufsicht der Uno verkauften Ölmengen gelangte im Einvernehmen mit der Zentralregierung in Bagdad zu den KurdInnen, die damit ein kleines Wirtschaftswunder herbeizauberten. Das Programm «Öl für Nahrung» ist das grösste Unternehmen, das die Uno je auf die Beine gestellt hat. Entsprechend langsam und bürokratisch funktionierte es. Milliarden Dollar lagerten auf französischen Bankkonten, während im Irak enormer Bedarf bestand. Dennoch war das Programm ein Erfolg, konnte doch die Bevölkerung vor dem Hunger gerettet werden. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten war, zumindest im Norden, gewährleistet. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, dass das Durchfüttern von mehr als sechzig Prozent der Bevölkerung keinen Ersatz für eine Wirtschaft bilden kann. Die Flut vor allem junger KurdInnen, die auf abenteuerliche und gefährliche Weise in den Westen ziehen, ist nie abgebrochen. Höchstens sind die Preise der Schlepper angesichts des Krieges in die Höhe geschnellt.

Türkisches Säbelrasseln

Noch vor wenigen Monaten herrschte in der autonomen Zone angesichts der wirtschaftlichen Fortschritte so etwas wie eine Euphorie. Man sprach von einer Normalisierung und war fest entschlossen, das in zwölf Jahren Erreichte nicht so einfach aufzugeben. Am Schluss haben sich sogar Talabani und Barsani geeinigt und im Parlament nebeneinander gesessen. Die Wunden des Bruderkrieges sind noch keineswegs verheilt, der Anfang ist aber gemacht. Der Krieg könnte auch dies abrupt beenden. Falls die im Osten unter Talabani kämpfenden Peschmergas in Kirkuk einmarschieren sollten, werden die im Westen stehenden Truppen Barsanis dasselbe in Mosul tun wollen. Das wiederum würde die Türkei auf den Plan rufen, die mit einer erdrückenden militärischen Macht im Grenzbereich parat steht, um jeden Moment in den Norden einzumarschieren. Die Türkei hält sich die Option eines Einmarsches offen, falls eine der folgenden Entwicklungen zutreffen sollte:

• Die KurdInnen übernehmen die Kontrolle über die Ölfelder. Dann nämlich wird es nicht lange gehen, bis Talabani und Barsani einen unabhängigen Ölstaat ausrufen, was wiederum eine unaufhaltsame Sogwirkung auf die 14 Millionen KurdInnen ausüben würde, die in der Türkei leben. Die türkische Generalität weiss genau, weshalb sie mit den Säbeln rasselt.

• AnhängerInnen der PKK beginnen einen neuen Krieg. Im Norden Iraks haben rund vier- bis fünftausend PKK-KämpferInnen Unterschlupf in den Bergen gefunden. Die PKK ist politisch geschwächt, seit ihr Führer Abdullah Öcalan gefangen genommen wurde. Dass das türkische Militär die PKK aber auch militärisch besiegt hat, ist ein Märchen. Die Generalität weiss dies am besten.

• Eine Flüchtlingsbewegung kommt auf die Türkei zu. Eine Wiederholung des Flüchtlingselends am Ende des letzten Golfkrieges bahnt sich zwar bis jetzt nicht an. Damals wurde die Massenflucht nicht zuletzt vom Verrat des irakischen Aufstandes gegen Saddam Hussein durch die USA und ihre Verbündeten ausgelöst.

• Die turkmenische Minderheit wird bedroht. Die TurkmenInnen sind die am schnellsten wachsende Volksgruppe im Irak, wenigstens aus der Sicht Ankaras. Die türkische Friedensbewegung hat vehement gegen den Einmarsch im Nordirak protestiert, doch in der Türkei haben Friedensbewegungen wenig zu sagen. Dass das Parlament Nein zur Stationierung der US-Truppen sagte, ist nicht das Resultat des Druckes der Strasse. Nein stimmten im Lager der islamisch orientierten AKP vorwiegend die kurdischen Parlamentarier, die zu Recht befürchten, dass ein – mit der Stationierung US-amerikanischer Truppen verknüpfter – Einmarsch türkischer Truppen den relativen Frieden im eigenen Land abrupt beenden würde. Nein stimmte dann auch noch die sozialdemokratische CHP, dies aber ganz offensichtlich aus der Fehleinschätzung heraus, dass AKP-Führer Recep Tayyip Erdogan seine Schäflein auf Kurs halten würde. Die CHP wollte so den schwarzen Peter einer Zusage an die USA den Islamisten zuschieben. Die der CHP nahe stehenden Militärs müssen sich nach dem Nein zur Stationierung die Haare gerauft haben.

Und als ob diese Gemengelage noch nicht ausreichend explosiv wäre, haben US-Truppen zusammen mit den Peschmergas von Talabani im Gebirge oberhalb von Halabscha eine Offensive gegen die militanten Anhänger der islamistischen Bewegung Ansar ul-Islam begonnen. Mit B-52-Bombern wurde das Gebiet bombardiert. Dabei sind mindestens fünfzig Menschen schon am ersten Tag getötet worden. Die Ansar-Kämpfer, denen Washington Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Kaida nachsagt, hat man aber offenbar nicht getroffen. Dieser kleine Krieg im grossen Krieg zeigt, wie schnell Hosni Mubaraks Prophezeiung eintreten könnte. Selbst wenn es die Beziehungen zwischen Ansar ul-Islam und al-Kaida nicht gegeben hat – jetzt wurden sie herbeigebombt. Das «Tor zur Hölle» hat sich einen Spaltbreit geöffnet. Was sichtbar wird, lässt schon jetzt erschaudern.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch