Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

«Kirkuk wird kurdisch bleiben»

Der Vormarsch der islamistischen Isis-Kämpfer hat es der kurdischen Autonomieregierung ermöglicht, neue Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen. Diese wird sie kaum mehr hergeben.

Von Alfred Hackensberger, Kirkuk

Flüchtlinge aus Mosul und Tal Afar haben in einem Flüchtlingslager bei Bartilla im kurdischen Gebiet Zuflucht gefunden. Foto: Alberto Prieto

Abu Ali ist glücklich und erleichtert. Er hat es mit seiner sechsköpfigen Familie geschafft. Bei Bartilla lässt er sich im Flüchtlingslager neben einem Checkpoint der kurdischen Asaisch (Polizei) registrieren, um in eines der grossen Familienzelte ziehen zu können. Abu Ali stammt aus der Stadt Tal Afar, die vom Islamischen Staat im Irak und in Syrien (Isis) überrannt wurde. Wie die meisten der EinwohnerInnen floh Alis Familie, als die radikalen Islamisten auf ihren Pick-up-Wagen mit Maschinengewehren und wehenden, schwarzen Dschihadfahnen in den strategisch wichtigen Ort einfuhren. Tal Afar liegt im Norden des Irak auf der Verbindungsstrasse zu Syrien. Nach dem Fall von Mosul und Tikrit in der vergangenen Woche war Tal Afar die letzte Basis der irakischen Armee in der Provinz Ninawa. «Bomben explodierten, und überall fielen Schüsse», erzählt Abu Ali. «Man musste unbedingt weg, wenn man seine Familie beschützen wollte. Für uns Schiiten ist der Isis gleichbedeutend mit einem Todesurteil.»

Peschmerga übernehmen Kasernen

Die sunnitische Islamistengruppe Isis ist berüchtigt für ihr brutales Auftreten in den von ihr eroberten Gebieten. Besonders hart geht sie gegen SchiitInnen vor. Sie werden als Ausgeburt des Teufels betrachtet, als vom rechten Glauben Abgefallene. In Tikrit, der Geburtsstadt von Saddam Hussein, hat der Isis angeblich 1700 irakische Soldaten auf dem Gelände eines Palasts des ehemaligen Diktators exekutiert. Als «Werbung» stellten die Islamisten Videos und Fotos davon ins Internet.

Wie die meisten Menschen, die in den letzten knapp zwei Wochen im Irak vor der Offensive der Islamisten flüchteten, suchen die BewohnerInnen von Tal Afar Schutz in kurdischen Gebieten. Die Autonome Region Kurdistan ist das einzige Gebiet im Irak, in dem Sicherheit und Stabilität existieren. Die Regionalverwaltung verfügt mit den Peschmerga («jene, die dem Tod ins Auge sehen») über eine gut trainierte, motivierte und disziplinierte Truppe. Nach dem chaotischen Abzug der irakischen Armee aufgrund der Isis-Offensive haben die Peschmerga in den sogenannten umstrittenen Gebieten deren Stellungen und Kasernen übernommen. Die Peschmerga betrachten diese Zonen als kurdisch, obwohl sie nicht zum Autonomiegebiet gehören. Über die umstrittenen Gebiete soll laut Artikel 140 der irakischen Verfassung irgendwann eine Volksabstimmung entscheiden.

«Wir mussten diese strategisch wichtigen Stellungen einnehmen, sonst hätten das die Islamisten getan», sagt General Scherko Fateh, der kurdische Kommandant aus Kirkuk. Die Stadt ist Teil der «umstrittenen Gebiete». «Wir wollten Kirkuk und die anderen Regionen schon lange und werden sie deshalb nicht wieder hergeben.» Scherko sitzt zufrieden in seinem Büro, das wenige Hundert Meter hinter dem Checkpoint am Maschru-Fluss in einem Container eingerichtet wurde. Der Maschru markiert die Grenze zum Gebiet, das vom Isis kontrolliert wird.

«Sehen sie die Strassenüberführung da vorne, dort beginnt das Land der Terroristen», sagt einer der diensthabenden Soldaten, der eine Maschinenpistole in den Händen hält und die ganze Nacht nicht geschlafen hat. «Gestern hat der Isis frühmorgens auf uns geschossen. Gott sei Dank wurde niemand von uns verletzt.» Die Peschmerga bauten in wenigen Tagen entlang des Flusses eine kilometerlange Verteidigungslinie mit Gräben und Wällen. «Niemand kann unsere Befestigungsanlage überwinden», versichert Fateh.

Kirkuk ist für die Kurden vor allem auch wegen seines Ölreichtums von grosser Bedeutung. Täglich wird eine Million Barrel gefördert, rund die Hälfte des gesamten Ölexports des Irak. Die Stadt mit knapp 500 000 EinwohnerInnen wäre eine lukrative Beute für die ultrakonservativen Islamisten, die ein Kalifat errichten wollen, wie es Prophet Mohammed vor 1400 Jahren in Saudi-Arabien begründet haben soll. In der Erdölmetropole sind neben Kurdinnen auch Christen, Turkmeninnen und Araber ansässig. Man würde keinen Unterschied machen, welcher Religion oder Ethnie die Menschen angehörten, betont Fateh.

Noch vor wenigen Wochen wäre eine kurdische Besetzung von Kirkuk und anderen der umstrittenen Gebiete völlig undenkbar gewesen und hätte zu einer militärischen Konfrontation mit der irakischen Armee geführt. «Kirkuk war immer kurdisch und wird es auch immer bleiben», behauptet der General. Die anderen Soldaten und Offiziere im Container, die seinen Worten aufmerksam lauschen, nicken still vor sich hin. «Das gesamte kurdische Territorium ist nun in Händen kurdischer Truppen», hiess es in einer offiziellen Stellungnahme der KRG. Auch die irakische Regierung erkennt derzeit die Ausweitung der kurdischen Einflusszone an. «Die Peschmerga sind legale Truppen und im Irak registriert», sagte der irakische nationale Sicherheitsberater Falah al-Fajad auf einer Pressekonferenz.

Der Isis ist nicht alleine

Die meisten BeobachterInnen sind sich einig: Der Isis stützte sich bei seinem Vormarsch der vergangenen Tage auch auf andere sunnitische Rebellengruppen. General Fateh nennt unter anderem auch die Naqschbandi-Miliz, die islamische Sufi-Ideologie mit der Philosophie der früher regierenden Baath-Partei vermischt und integraler Bestandteil des Regimes von Saddam Hussein war. «An der Beteiligung von Baathisten besteht kein Zweifel», meint General Fateh. «In Mosul hat der Isis mehrere altgediente Parteimitglieder in führende Positionen gesetzt.»

Auf dem Weg Richtung Bagdad scheinen sich dem Isis auch viele lokale Milizen angeschlossen zu haben. «Unter ihnen sind die sunnitischen Stämme, die im Irak eine wichtige Rolle spielen», erklärt Rebar Karim Weli, Politikjournalist des kurdischen Medienkonzerns Rudaw. «Ohne ihre Zustimmung könnten die Islamisten nicht unbehelligt durch ihre Gebiete ziehen.»

Künftig mehr Einfluss in Bagdad

Während der Isis immer weiter Richtung Bagdad vorrückt, geht im Zentrum von Kirkuk das Leben seinen normalen Gang. Alle Geschäfte sind geöffnet, auf den Märkten wird Gemüse und Obst eingekauft, die Strassen sind voller Menschen, als würden die radikalen Islamisten nicht vor den Toren der Stadt stehen. Im Hauptquartier der Partei der patriotischen Union (PUK), die in der Regierung Kurdistans sitzt, herrscht Feierstimmung. Zum ersten Mal hat man in der Stadt komplett das Sagen. «Alles läuft bestens», meint Aso Mamand, der Chef des Politbüros der Partei. «Unser Traum ist wahr geworden. Kirkuk ist in kurdischer Hand.»

Etwas aufgekratzt ist auch Alal Talabani, die auf einem der barocken Plüschsessel im über hundert Quadratmeter grossen Empfangssaal des Parteihauptquartiers nicht stillsitzen kann. Sie ist Parlamentsabgeordnete und die Nichte von Dschalal Talabani, dem schwer erkrankten amtierenden Präsidenten des Irak. «Nach dem Ende dieser Krise werden wir kurdische Abgeordnete mit mehr Einfluss ins Parlament nach Bagdad zurückkehren», sagt sie. «Vielleicht erreichen wir dann endlich demokratische Verhältnisse.» Mit dem diktatorischen Ministerpräsidenten Nuri al-Malaki, der unzählige Ämter und Ministerposten an sich gerissen hat, sei das nicht möglich. Für Talabani trägt Malaki die Schuld an der ganzen Misere. Doch das Ende des Irak als Staat, in dem alle ethnischen und religiösen Gruppen friedlich zusammenleben können, ist für Talabani deswegen nicht angebrochen. «Wir als Abgeordnete haben die Pflicht, den demokratischen Prozess anzustossen und zu beschleunigen. Dann kann es auch eine gemeinsame, positive Zukunft geben.»

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