16.12.2004

Schuld und Sünde

Beim Streit um das letzte Detail geht es um mehr als ein paar Schnappschüsse für Ian Paisleys Familienalbum.

Von Pit Wuhrer

Der Mann versteht es, immer noch einen draufzusetzen. Natürlich sei er bereit, Gerry Adams zu treffen, sagte Ian Paisley, Vorsitzender der radikal-protestantischen Partei DUP, am letzten Wochenende. Wenn Adams, Chef der IRA-nahen Partei Sinn Féin, «morgen zu mir in die Kirche kommt, um über die Sünde zu reden und darüber, wie man davon wegkommt, werde ich mit ihm sprechen. Sonst aber nicht.» Ist es Chuzpe oder die reine Bigotterie, die den Sektengründer Paisley solche Sprüche klopfen lässt – und das ausgerechnet in diesen Tagen, in denen eine Einigung der Konfliktparteien so nahe schien wie selten zuvor?

Noch Mitte letzter Woche schien ein Abkommen der beiden grössten Parteien in Nordirland in greifbarer Nähe. Nach Jahren des politischen Stillstands – das Regionalparlament war zwar gewählt, trat aber nicht zusammen, weil sich die Kontrahenten nicht auf eine Regionalregierung einigen konnten – haben die protestantischen Hardliner der DUP und selbst ihr mittlerweile 78 Jahre alter Chef etliche Zugeständnisse gemacht. Sie sind nun bereit, das Prinzip der Machtteilung zu akzeptieren und mit ihren alten Widersachern von Sinn Féin die Regierungsverantwortung zu teilen – eine Haltung, die sie vor der letzten Wahl noch heftig bekämpft hatten. Sinn Féin erklärte sich im Gegenzug damit einverstanden, die ehemalige Untergrundorganisation IRA ein für alle Mal zu entwaffnen, und die neue, wenngleich noch immer protestantisch dominierte Polizeiorganisation von Nordirland zu unterstützen. Tony Blair und Bertie Ahern, die Premiers von Britannien und Irland, hatten bereits die Weltmedien aufgeboten, um ihnen freudestrahlend den so lange erwarteten Durchbruch im blockierten Friedensprozess zu verkünden. Doch dann platzte die Feier.

DUP und Sinn Féin konnten sich in einem winzigen Detail nicht einigen: Wer überprüft die endgültige Entwaffnung der IRA? Sinn Féin war bereit, die Zerstörung des IRA-Arsenals vor den Augen einer Internationalen Entwaffnungskommission, eines katholischen Priesters und eines protestantischen Pfarrers vorzunehmen. Die DUP hingegen bestand auf fotografischen Dokumenten: Sie müssten ihrer Gefolgschaft zeigen können, dass die IRA keine Gefahr mehr darstelle. Paisley, der vor vierzig Jahren bereits gegen eine IRA gewettert hatte, die es damals in dieser Form nicht gab, fordere jetzt die bedingungslose Kapitulation seines Erzfeindes, schrieben manche Kommentatoren. Da ist was dran. Erst müsse die IRA in Sack und Asche durch Belfasts Strassen ziehen, bevor er mit Sinn Féin verhandele, hatte der Prediger vor nicht allzu langer Zeit erklärt.

Dies aber erklärt noch nicht die schroffe Ablehnung, auf die Paisleys Ultimatum stiess. Auch die Sinn-Féin-Führung weiss, dass der Krieg seit langem vorbei ist, dass die Waffen nicht mehr gebraucht werden, dass die IRA nur noch Geschichte ist. Demütigungen in der Art, wie Paisley sie jetzt mit seiner Forderung nach Fotos von der Waffenabgabe verlangt, hatten Gerry Adams, Martin McGuinness und all die anderen arrivierten ehemaligen IRA-Führer in den letzten Jahren klaglos hingenommen. Sie liessen sich auf ihrem Weg nach oben von einer Einbahnstrasse in die nächste führen, sprangen durch jeden Reifen und hüpften über jedes Stöckchen, das man ihnen hinhielt. Sie hatten den Staat, den sie aus guten Gründen von unten bekämpft hatten, nicht besiegen können, und arrangierten sich mit dem Gegner.

Aber ihre Geschichte haben sie nicht vergessen. Und sie wissen um die Macht der Bilder. Die Fotos, die die Kapitulation der IRA dokumentieren sollen, könnten nicht nur für allerlei Propagandazwecke genutzt werden. Sie wären auch Beleg dafür, dass der bewaffnete Widerstand gegen die protestantischen Pogrome und die Unterdrückung durch die britische Kolonialmacht von Anfang an falsch gewesen war. Sie würden auch in allen künftigen Geschichsbüchern abgedruckt – möglicherweise mit dem Hinweis darauf, dass Sinn Féin wie so viele andere irische Parteien vor ihr einen schlechten Frieden mit den Briten geschlossen hatte, der irgendwann später neue Konflikte erzeugte.

Von solchen Konflikten kann heute keine Rede sein – obwohl die katholische Minderheit in Nordirland heute auf dem Arbeitsmarkt noch stärker diskriminiert wird als früher. Daher trauen auch viele dem Frieden nicht so recht. So manche würden die Waffen gern behalten, zur eigenen Sicherheit – und intern hatte das die Sinn-Féin-Führung ihrer Gefolgschaft auch versprochen, allerdings nur, um diese zu beschwichtigen.

Von den protestantischen Paramilitärs, die in den letzten fünfzehn Jahren weitaus mehr Menschen in Nordirland getötet haben als die IRA und die eine Entwaffnung strikt ablehnen, spricht übrigens niemand – nicht Ian Paisley und schon gar nicht die britische Regierung, die bei vielen Mordanschlägen ihre Finger im Spiel hatte.

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