04.10.2001

Schmuggeln, schlafen

Wo viele AraberInnen leben, muss es ja auch Terroristen geben. Die argentinischen Militärs rüsten an der Grenze zu Paraguay auf.

Von Gaby Weber, Montevideo

Auf der Suche nach «Inseln des Terrors» will die US-Regierung in ihrem Hinterhof fündig geworden sein. Die paraguayische Kleinstadt Ciudad del Este, an der Grenze zu Brasilien und Argentinien, sei ein Nest voller Bin-Laden-Helfer. «Schlafende Zellen» arabischer Islamisten sollen dort operieren. Der Rauschgift- und Waffenhandel sei fest in ihrer Hand. Prompt haben die drei südamerikanischen Staaten im Rahmen von Cicte, dem neuen Interamerikanischen Komitee gegen Terrorismus, ein gemeinsames Kommando gebildet, um die Triple Frontera, das Dreiländereck, zu kontrollieren. Als ersten Erfolg feierten sie die Verhaftung von siebzehn Arabern wegen Urkundenfälschung.

Vor allem die argentinischen Militärs frohlocken. Nach dem Ende der Diktatur wurde ihr Budget radikal zusammengestrichen. Der Kalte Krieg ging zu Ende, der Kommunismus drohte nicht mehr, Geld gab es weder für Waffen noch für Solderhöhungen. Panzer verrosteten, es mangelte an Benzin, die Flugzeuge wurden nicht mehr gewartet. Jetzt gibt es wieder einen Feind. Generäle werden gebraucht, und seit Mitte September sind über tausend Soldaten an die Grenze beordert worden. Die Luftwaffe installierte am Dreiländereck ein Radarsystem und stationierte ihre Kampfflugzeuge. Auch die argentinische Gendarmerie schickte Spezialeinheiten.

CIA und befreundete Dienste behaupten schon seit dem Attentat auf das jüdische Gemeindezentrum Amia in Buenos Aires von 1994, in Ciudad del Este hielten sich arabische Terroristen auf. Die libanesische Hisbollah und die palästinensische Hamas wurden damals beschuldigt, Waffen und Sprengstoff geliefert zu haben. Bewiesen wurde dieser Verdacht nie. Hingegen stehen zurzeit argentinische Polizisten und ihre Spitzel in Buenos Aires vor Gericht. Sie sollen den Amia-Attentätern das Tatauto bereitgestellt haben.

Seit dem Amia-Attentat treten sich im Dreiländereck AgentInnen der westlichen Geheimdienste gegenseitig auf die Füsse. In der Gegend leben zwanzigtausend AraberInnen, die meisten flohen aus dem Südlibanon. Dass sie in Ciudad del Este gelandet sind, ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass man in Paraguay für wenig Geld an Papiere kommt: an Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen sowie an Pässe, die im Melderegister eingetragen sind.

Ciudad del Este besteht aus Buden und Läden, die Billigware feilbieten. In den Strassen stapeln sich Styropor und Pappkartons, es riecht nach Schweiss und heissem Bratfett. Von hier aus wird geschmuggelt, was der Markt hergibt: Zigaretten, Spirituosen, Elektronik und gestohlene Autos.
Die Ware gelangt über unzählige Landepisten nach Paraguay. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber das Finanzministerium in Brasilia schätzt, dass die Hälfte aller Video- und Audioanlagen sowie ein Viertel des Spielzeugs via Paraguay nach Brasilien kommen. In guten Zeiten, wenn die Preisunterschiede hoch sind, schleppen bis zu 100 000 «Sacoleiros» auf ihrem Kopf oder im Handkarren Reis, Bohnen und Fernsehgeräte über die «Brücke der Freundschaft». Im Chaos dieser Kleinschmuggler verbergen sich sicher auch organisierte Drogen- und Waffenschieber.

Dreissig Banken und neunzehn Wechselstuben vermitteln den Devisenverkehr in Höhe von annähernd achtzig Milliarden Dollar in der 150 000 EinwohnerInnen zählenden Stadt. Viel davon geht in den Nahen Osten, vor allem in den Libanon. Der libanesische Einfluss ist auffällig, es gibt zahlreiche arabische Restaurants und Läden mit nahöstlichen Gewürzen. Viele Mädchen mit arabischen Gesichtszügen tragen – wie ihre südamerikanischen Freundinnen – knappe Shorts und kleine Hemdchen. Nur in der libanesischen Schule, neben der Moschee, müssen alle Mädchen über neun Jahren ein Kopftuch tragen, auch die katholischen Libanesinnen.

Die meisten der in Ciudad del Este ansässigen Araber sind im Export und Import tätig. Doch der argentinische Innenminister übernimmt die These, dass sich an der Triple Frontera «schlafende Zellen» aufhalten. Dort lebten sie «wie in Hamburg, als normale Mitbürger, bis sie Flugzeuge ins World Trade Center steuern». JournalistInnen fragten ihn nach Beweisen für die Existenz von Terroristen in Ciudad del Este. Darauf Ramón Mestre: «Die gibt es nicht, und wenn es sie gäbe, würde ich sie nicht verraten.»

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