Theater: Der Tod schwebt über allem

Nr. 9 –

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Bühnenfoto des Theaterstück «Die Orestie»: ein Mann hält eine Frau in den Armen, welche auf dem Boden liegt
«Die Orestie». Regie: Anja Behrens. In: Bern Bühnen Bern, Fr, 27. Februar 2026, 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen bis im Juni 2026.

Die Welt liegt in Trümmern. In graue Tücher gewickelte Körperskulpturen – Leichen – säumen den Boden der Bühne des Stadttheaters Bern, düster ist das Licht, ein hämmernder Ton dröhnt bedrohlich (Komposition und Livemusik von Line Felding). Unter den Toten erheben sich Lebende: Sie hängen die Verstorbenen an Haken, die nach oben gezogen werden. Den ganzen Abend bleiben die Figuren wie Gespenster hängen: Der Tod schwebt über dieser Geschichte.

«Die Orestie» von Aischylos erzählt von einem nicht endenden Zyklus von Gewalt und Rache: Nach zehn Jahren Krieg in Troja kehrt Agamemnon (Jan Maak) zurück zu seiner Frau Klytaimnestra (Isabelle Menke). Da er die gemeinsame Tochter Iphigenie geopfert hatte, ermordet seine Frau ihn sowie die Seherin Kassandra (Jeanne Devos), mit der Agamemnon nach Hause zurückgekehrt ist. Orestes (Patrick Baurichter), Sohn von Agamemnon und Klytaimnestra, rächt – angespornt von seiner Schwester Elektra (Lucia Kotikova) – den Mord an seinem Vater und tötet seine Mutter.

Regisseurin Anja Behrens hat den über 2400 Jahre alten mehrstündigen Dreiakter auf eineinhalb Stunden und sechs Schauspieler:innen reduziert. Auch das Bühnenbild (Ausstattung: Laura Rasmussen) ist schlicht und zeitlos gehalten: Vor einer grauen Tribüne liegt ein Wassergraben, in den sich die Schauspieler:innen bald schon legen, sich darin wälzen, darin leiden und morden. Poetische Bilder entstehen mit dehnbaren roten Kleidern, die sie sich überziehen und mit denen sie die anderen verhüllen oder einwickeln. Solch tänzerisch anmutende Szenen werden von gewollt statisch gespielten Dialogen und Monologen gebrochen.

Genial ist schliesslich der letzte Akt: Behrens lässt rund ein Dutzend Kinder die dreissig Menschenrechte zitieren – anders als im Original, wo Götter durch die Einsetzung eines Gerichtsverfahrens den Kreislauf des Vergeltungsrechts durchbrechen. Somit wird das Stück zur Mahnung: Solange Menschenrechte verletzt werden, ist die Orestie Gegenwart.