Durch den Monat mit Lucia Kotikova (Teil 2): Warum haben Sie weitergespielt?

Nr. 46 –

Die Schauspielerin Lucia Kotikova über Zuschauer:innen, die sie auf der Strasse umarmen, und ihr Bühnentrauma beim «Blutbuch».

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Portraitfoto von Lucia Kotikova
«Darf ich beim Spielen selber beschliessen, dass ich nicht mehr kann? Darf ich einfach abbrechen?»: Lucia Kotikova.

WOZ: Lucia Kotikova, Sie verlassen auf nächste Saison die Bühnen Bern und gehen ans Schauspielhaus Düsseldorf. Warum Düsseldorf?

Lucia Kotikova: Ich habe grosse Lust auf einen Neustart, auf unbetretenes Terrain mit einem Ensemble, das der neue Intendant Andreas Karlaganis zusammengestellt hat. Er war Chefdramaturg am Zürcher Schauspielhaus während Barbara Freys Intendanz. Zudem wollte ich unbedingt in ein grösseres Ensemble. In Bern stehe ich meist mit denselben Kolleg:innen auf der Bühne. Das hat auch etwas sehr Schönes, weil man sich aneinander gewöhnt: Man weiss, wie das Gegenüber reagiert, wo dessen Grenzen sind, wie weit man gehen kann – man kann sich aufeinander verlassen. Aber man wird auch weniger herausgefordert.

WOZ: Wenn eine neue Intendanz das Ensemble neu zusammensetzt, verlieren viele Schauspieler:innen ihre Stelle – das macht den Job ziemlich prekär.

Lucia Kotikova: Für Schauspieler:innen mit Kindern ist es ein Albtraum, wenn sie bleiben wollen und nicht können. Und klar, gekündigt werden, wenn man nicht gehen will, ist immer scheisse. Aber ich habe auch keine Kinder und darum einen etwas anderen Blick darauf: Ich finde Neuanfänge immer gut.

Lucia Kotikova: Man muss dieses «Alle müssen gehen» auch von einer anderen Seite betrachten: Im Theater werden gesellschaftliche Veränderungen aufgegriffen. Deshalb ist es wichtig, dass es regelmässig mit neuen Perspektiven auf die Gesellschaft blickt und dem Publikum Neues zumutet. Das geht nur, wenn es in Bewegung bleibt. Ein Theater hat keine Räder und kann nicht woanders hinfahren, deswegen müssen die Menschen rotieren. Es wäre generell schön, wenn Menschen mehr zirkulieren würden, um zu verstehen, was an anderen Orten passiert.

WOZ: Müssen sich die Neuen im Ensemble die Gunst des Publikums erst erspielen?

Lucia Kotikova: Auf jeden Fall. Als müsstest du beweisen, dass du nun zu Recht auf dieser Bühne stehst. Das war auch in Bern so: Als ich kam, war zwölf von fünfzehn Schauspieler:innen gekündigt worden. Das hat die Lokalzeitung ausgeschlachtet: Wir wurden als die Bösen dargestellt, die die Ehemaligen aus dem Arbeitsmarkt werfen. Wir mussten also das Vertrauen des Publikums erkämpfen und haben uns am Anfang teils durch leere Säle gespielt. Seit der dritten Spielzeit unter Roger Vontobel hat Bern aber die besten Auslastungszahlen aller grossen Theater in der Schweiz.

WOZ: Das liegt auch an Ihnen: Für Ihre Darstellung in «Blutbuch» von Kim de l’Horizon wurden Sie 2024 als Nachwuchsschauspielerin des Jahres ausgezeichnet. Die Aufführungen sind stets ausverkauft. Was hat das Stück für Sie verändert?

Lucia Kotikova: Wahrscheinlich viel. Je mehr Aufmerksamkeit man bekommt, umso grösser ist der Druck. Wenn ich bei «Blutbuch» die Bühne betrete, spüre ich, dass das Publikum superviel erwartet, weil es weiss, dass ich viel improvisiere und die Zuschauer:innen miteinbeziehe. Manche fordern das auch heraus. Klar, ich will das auch. Aber wenn mich zum Beispiel das Publikum provoziert, obwohl ich es bin, die provozieren sollte, sind das zwar spannende, aber auch nervenzehrende Momente.

Als Zuschauer:in weiss man nie genau, was einstudiert ist und was Sie aus dem Moment heraus ins Stück reinbringen.

Lucia Kotikova: Es war für mich von Anfang an klar: Das Stück muss persönlich sein, sonst interessiert es niemanden. Ich suche mich in diesem Buch. Doch auch wenn ich mich persönlich in dieses Stück einbringe, stehe ich nicht als Privatperson auf der Bühne. Das ist nicht allen Zuschauer:innen klar: Manche Leute umarmen mich ungefragt, wenn sie mich in der Stadt antreffen, weil sie denken, sie kennen mich.

WOZ: Als ich das Stück sah, funktionierte der Ton nicht, die Musik und zusätzlicher Text konnten nicht abgespielt werden. Niemand von der Technik war da, um zu helfen. Sie haben durch Improvisation versucht, das Stück zu retten.

Lucia Kotikova: Ich kann vieles retten, aber das habe ich nicht geschafft. Das war für mich ein Bühnentrauma. Man hat mir danach gesagt: «Wow, jetzt bist du auf alles vorbereitet.» Und ich sagte: «Nein, jetzt habe ich erst recht Angst, wieder auf die Bühne zu gehen, weil mir bewusst wurde, dass wirklich alles passieren kann.»

Lucia Kotikova: Das Problem ist auch, dass diese kleine Spielstätte in den Vidmarhallen nicht betreut war. Da waren nur ich und die Regieassistentin, und niemand, der mich schützte und sagte: «Du kannst jetzt aufhören.» Als Schauspielerin hat man immer das Gefühl, man schulde dem Publikum etwas. So fragte ich mich während des Spielens: Darf ich beim Spielen selber beschliessen, dass ich nicht mehr kann? Darf ich einfach abbrechen? Aber ich habe gute Nachrichten: Als Konsequenz wird diese Spielstätte nun mehr betreut, was mich sehr freut.

WOZ: Sie sagten dem Publikum mehrmals, Sie würden jetzt aufhören. Doch Sie brachen erst ab, als über uns ein Trommelyogakurs anfing.

Lucia Kotikova: Als ich sagte: «Ich mache jetzt Schluss, ich kann nicht mehr», glaubte mir das Publikum nicht. Sie dachten: Oh, das ist aber ein lustiger Twist, und applaudierten – und ich machte weiter. Es war absurd. Ich war gefangen in diesem Stück, gefangen auf der Bühne, gefangen in der Idee, die wir für das «Blutbuch» geschaffen hatten.

Während sie spiele, sehe sie alles, was alle machten, sagt Kotikova. Für «Blutbuch» an den Bühnen Bern gibt es für März 2026 noch Tickets.