Durch den Monat mit Lucia Kotikova (Teil 3): Standen Sie schon krank auf der Bühne?
Die Schauspielerin Lucia Kotikova geht gern an ihre Grenzen, aber nicht, wenn sie dorthin getrieben wird. Sie erzählt vom Ausnahmezustand auf der Bühne und von machtmissbräuchlichen Strukturen am Theater.
Lucia Kotikova (setzt sich an den Tisch, auf den sie eine Thermosflasche mit Tee stellt): Eigentlich bin ich ja krank …
WOZ: Trotzdem kommen Sie direkt aus einer Probe am Opernhaus Zürich. Ist Kranksein keine Option als Schauspielerin?
Lucia Kotikova: Manchmal hat man so wenige Proben und möchte die nutzen. Und bei Aufführungen geht es unter anderem um viel Geld, weswegen die Theaterhäuser ungern eine davon wegen Krankheit absagen.
WOZ: Standen Sie auch schon krank auf der Bühne?
Lucia Kotikova: Ich habe schon in fürchterlichem Zustand gespielt – mit Fieber, mit einer ansteckenden Hautkrankheit oder mit Zahnschmerzen. Was suboptimal ist, da das Sprechen unser Werkzeug ist. Ich hätte damals schon seit einer Weile meine Weisheitszähne ziehen lassen sollen, brauchte dafür aber eine Woche am Stück frei.
WOZ: Laut einer Umfrage in der Schweiz von 2020 haben vier Fünftel der Bühnenkünstler:innen bei der Arbeit Belästigung oder Machtmissbrauch erlebt.
Lucia Kotikova: Machtmissbrauch fängt ja ganz früh an: Es braucht eine Person, die Macht hat, und eine, die weniger hat. Und die Person mit Macht sagt der anderen, was sie tun soll, ohne zu respektieren, was diese eigentlich möchte.
WOZ: Theater sind hierarchische Häuser, was Machtmissbrauch begünstigt.
Lucia Kotikova: Viele denken ja, die Schauspielenden seien weit oben in der Hierarchie. Aber das ist nicht der Fall. Man tut gerne so, als ob das Ausüben dieses Berufs ein Privileg wäre – was es ja auf jeden Fall auch ist –, aber das wird manchmal gegen uns ausgespielt, indem man damit Druck auf uns ausübt.
Lucia Kotikova: Je nach Situation wird Schauspieler:innen das Gefühl gegeben, dass sie austauschbar sind – oder eben gerade nicht. Möchtest du etwa aus einer Produktion raus, heisst es: «Tja, dann spielt die Rolle halt jemand anderes. Aber dann kannst du die und die Produktion auch nicht machen.» Man sagt dir also, dass du austauschbar bist. Droht aber eine Vorstellung auszufallen, weil du krank bist, dann heisst es: «Das kann aber niemand anderes so spielen.» Die häufigste Problematik, die machtmissbräuchliche Strukturen am Theater hervorbringen, ist, dass man in Verfassungen arbeiten muss, in denen es eigentlich nicht geht.
WOZ: Als am 14. Februar 2022 Russland die Ukraine überfiel, standen Sie am Abend auf der Bühne. Waren Sie als Tochter ukrainischer Eltern in der Verfassung, zu spielen?
Lucia Kotikova: Ich hätte mir gewünscht, dass an diesem Tag alle deutschsprachigen Theater den Betrieb eingestellt hätten, um ein Zeichen zu setzen. Leider war dem nicht so. Ich habe die Aufführung genutzt, um am Ende ein Statement vorzulesen, in dem ich auf den Krieg aufmerksam gemacht habe. Und ich sprach die Absurdität an, dass die Welt für einen stillsteht, aber gleichzeitig weiterläuft.
WOZ: Inwieweit muss man als Schauspielerin bereit sein, an seine Grenzen zu gehen?
Lucia Kotikova: Es gibt Regisseur:innen, die es ausnutzen, wenn Schauspieler:innen gerne an ihre Grenzen gehen. Dann treiben sie sie dorthin und finden es spannend, weil plötzlich etwas «Echtes» passiert auf der Bühne. Ich gehe auch gerne an meine Grenzen, aber nicht, wenn mich jemand bewusst dorthin treibt. Wir Schauspielenden brauchen klare Rahmenbedingungen, die uns Sicherheit geben – um an Grenzen zu gehen, wenn wir es denn möchten.
WOZ: Das Körperliche und die Frage von Grenzen gehören beim Schauspiel immer dazu.
Lucia Kotikova: Man spürt beim Schauspiel ganz genau den Unterschied, ob eine Berührung zum Spiel gehört oder nicht. Ich kenne furchtbare Geschichten von Kolleginnen – und auch von Kollegen: Wenn dir ein Kollege während der Aufführung an den Arsch grapscht, es aber niemand anderes sieht, kann es schwer sein, in dem Moment zu reagieren. Man muss erst mal realisieren, was gerade passiert ist. Dazu kommt die Ausnahmesituation auf der Bühne. Es gibt auch Schauspieler, die tun so, als gehöre das übergriffige Verhalten zur Figur – das habe ich schon auf der Schauspielschule erlebt.
Lucia Kotikova: Das Theater und die Bühne sind Räume, in denen Grenzen vermeintlich verschwimmen – obwohl sie doch so klar zu trennen wären: Regieleute haben uns nicht anzufassen! Und wenn man als Spieler:in sensibel ist und kein ignorantes Arschloch, dann ist man bereit, mit Kolleg:innen im Vorfeld zu besprechen, was beim Spiel okay ist und was nicht. Schauspieler:innen, die dann sagen: «Ich kann so nicht mehr spielen, weil ich dann gar nicht mehr weiss, was ich darf und was nicht», denen kann ich nur antworten: «Okay, aber in deinem echten Leben kommst du klar?» Denn dort gibt es ja noch viel mehr Regeln als auf der Bühne.
WOZ: Welche Verantwortung haben die Theater?
Lucia Kotikova: Die Häuser müssen bereit sein, gewisse Leute nicht mehr einzustellen oder frühzeitig zu entlassen. Sie müssen ihre «Codes of Conduct» umsetzen. Helfen würde auch eine mehrköpfige Leitung, und statt Auffangnetze braucht es Präventivarbeit. Die darf nicht auf uns abgewälzt werden. Es ist doch schön, wenn alle auf einem gemeinsamen Nenner sind, was die Zusammenarbeit angeht – man kann ja inhaltlich trotzdem weit auseinanderliegen.
Lucia Kotikova (27) probt zurzeit am Opernhaus Zürich für «Die Fledermaus». Bis Ende dieser Saison ist sie bei den Bühnen Bern angestellt.