31.01.2002

Mit Gruss aus Afghanistan

Von Rainer Werning

Teofisto Guingona ist sauer. Der philippinische Vizepräsident und Aussenminister, als Exsenator ein eloquenter Kritiker der US-Militärpräsenz im Lande, fühlt sich schnöde übergangen und mag seinen Rücktritt nicht mehr ausschliessen. Ohne dass ihn jemand gefragt hätte, werden bis zum 30. Januar 660 US-amerikanische GIs – darunter 160 so genannte Elitesoldaten der «Green Berets» und «Navy Seals» – auf den Inseln stationiert sein. Sie sollen gemeinsam mit philippinischen Soldaten in den Krieg ziehen. Dessen vorrangiges Ziel ist es, die Abu-Sayyaf-Gruppe (ASG) «auszumerzen» (vgl. «100 Jahre Krieg, gleiche Ziele» im Anschluss an diesen Text). Ihr werden Verbindungen zu Usama Bin Laden und al-Kaida nachgesagt; US-Militärstrategen halten die ASG für eine der vielen in ganz Südostasien operierenden Terrororganisationen.

Kein Grund zur Panik, nur ein gemeinsames US-amerikanisch-philippinisches Manöver im Rahmen der routinemässigen Balikatan-(«Schulter-an-Schulter»)-Übungen, wiegelte Angelo Reyes ab. Der General sitzt im Kabinett von Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo (die übrigens zeitgleich mit George W. Bush ihren Amtsantritt feierte) und gilt als einflussreicher Hardliner. Während der nur kurzen Amtszeit des Exschauspielers Joseph Estrada (Juni 1998 bis Januar 2001) war Reyes Generalstabschef und einer der Architekten des «totalen Krieges» gegen den Widerstand von Organisationen der muslimischen Mehrheit im Süden, der Moros, gewesen. Heute ist der General Verteidigungsminister und faktisch mächtiger als die Präsidentin, die nach der Verfassung auch Oberbefehlshaberin der philippinischen Streitkräfte (AFP) ist. Diese nämlich sieht sich nach nur einjähriger Amtszeit mit grossen Problemen und schwindender Popularität konfrontiert. Nicht nur ausserparlamentarische Linke, auch kritische Mitglieder des Parlaments sehen in ihr ein «Maskottchen der Militärs» und eine «Marionette des Yankee-Imperialismus».

«Bedingungslose Solidarität»

Das Ende ihres ersten Jahres als Regierungschefin wurde Gloria Macapagal-Arroyo von landesweiten Protestaktionen und DemonstrantInnen verdorben, die ihren Rücktritt und den sofortigen Stopp der US-Einmischung im Süden des Landes forderten. Und als sei das nicht schlimm genug, hat auch noch der aus Kansas stammende Senator Sam Brownback Öl ins antiamerikanische Feuer gegossen: Das Mitglied des US-Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten tat öffentlich kund, dass sich der «weltweite Kampf gegen den Terror» nach Afghanistan nunmehr auf die Philippinen konzentriere.

Nach den Anschlägen vom 11. September hat sich das bilaterale Verhältnis zwischen den Philippinen, der einstigen und einzigen US-Kolonie in Asien (1898–1946), und dem nach wie vor herrschsüchtigen transpazifischen Übervater in Nordamerika wieder enger gestaltet. «Bedingungslose Solidarität» zahlt sich aus – politisch, wirtschaftlich und militärisch. Im Sommer 2004 stehen die nächsten regulären Präsidentschaftswahlen an. Die will nicht nur die überaus fromme Präsidentin gewinnen, sondern mit ihr auch die einflussreiche katholische Amtskirche und die gewichtigen politischen Seilschaften und Wirtschaftsclans im Lande, die in der Lady ihre Pfründe am besten gewahrt sehen und ihr schliesslich zur Macht verholfen hatten.

Um eine solche politische Perspektive und Patronage ging es auch bei Arroyos erstem Staatsbesuch in den USA im November vergangenen Jahres. Unterstützung stellten ihr dabei Kollege George W. Bush und die US-Militärs in Aussicht, sofern sich das beiderseitige Verhältnis wieder normalisiere und enger gestalte. Darin waren sich beide rasch einig. Neben Wirtschafts- und Finanzhilfe gewährte Washington Manila eine militärische Soforthilfe, unter anderem in Form von AC-130-Kampfhubschraubern und 30000 M-16-Gewehren; Gesamtwert: knapp 100 Millionen US-Dollar.

Nach Ende des West-Ost-Konflikts hatten die jahrzehntelang auf den Inseln unterhaltenen US-Militärstützpunkte Subic Naval Base und Clark Air Field (sie waren die grössten ausserhalb Nordamerikas) an militärstrategischer Bedeutung eingebüsst; dennoch empfand man es in Washington als «unfreundlichen Akt», dass nach einem Votum im philippinischen Senat im Herbst 1992 das Sternenbanner eingeholt werden musste und die letzten GIs aus dem Land hinauskomplimentiert wurden. Zwar konnte – eine bemerkenswerte Kehrtwende – durch das ebenfalls vom philippinischen Senat später mehrheitlich abgesegnete und am 1. Juni 1999 in Kraft getretene Visiting Forces Agreement (VFA) wieder ein Modus Vivendi gefunden werden, der US-Truppen zu Manöverzwecken explizit in 22 Hafenstädten willkommen hiess. Doch das VFA sieht – wie übrigens der seit August 1951 zwischen beiden Ländern existierende Gemeinsame Verteidigungspakt (Mutual Defense Treaty, MDT) und die philippinische Verfassung von 1987 – einen direkten Kampfeinsatz von US-Truppen auf philippinischem Boden nur im Falle einer äusseren Bedrohung von dritter Seite vor.

In Kampfhandlungen, beteuert nun Manila, seien die US-Truppen jedoch nicht verstrickt. Sie dienten lediglich zur Beratung und Ausbildung. Ihr modernes Kriegsgerät soll die philippinischen Streitkräfte befähigen, Kampfhubschrauber mit Nachtsichtgeräten in dichtem Dschungelgebiet einzusetzen und damit die Counter Insurgency, die Aufstandsbekämpfung, effektiver zu gestalten. Dafür hätten freilich Berater genügt. Diese agieren seit Oktober für SouthCom, das in Zamboanga City beheimatete Südkommando der philippinischen Streitkräfte, das die Schaltzentrale des seit langem geführten Krieges gegen die Moros ist. Der Oberkommandierende des in Honolulu (Hawaii) stationierten US-Pazifikkommandos, Admiral Dennis C. Blair, war im November eigens nach Zamboanga gejettet, um die Kooperation beider militärischen Verbände zu besprechen. Neben dem Chef des SouthCom, Generalleutnant Roy Cimatu, waren auf philippinischer Seite Generalstabschef Diomedio Villanueva, Verteidigungsminister Angelo Reyes und mit Roilo Golez der Sicherheitsberater der Präsidentin zugegen.

Bei dieser Angelegenheit soll schliesslich das jetzt heftig und kontrovers diskutierte, der Öffentlichkeit vorenthaltene Mutual Logistics Support Agreement (MLSA) zustande gekommen sein (es wurde von Blair und Villanueva unterzeichnet). Das MLSA, mitunter auch als zehnjähriges «Arrangement» bezeichnet, sieht eine umfassende Kooperation US-amerikanischer und philippinischer Truppen in den Philippinen vor: eine vage Formulierung, die noch für hitzige Debatten sorgen wird. Fakt ist bereits, dass unter dem Befehl von US-Brigadegeneral Donald Wurster und dem Banner des antiterroristischen Kampfes die militärische Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern intensiviert und der frühere US-Luftwaffenstützpunkt Clark Air Field von US-Streitkräften ebenso genutzt wird wie die Flughäfen auf Mactan (Cebu) und in Zamboanga City. In der Region Zamboanga an der Südwestspitze Mindanaos und auf der benachbarten Insel Basilan sind nach zuverlässigen Quellen der WoZ GIs bereits im Einsatz.

Gerade in Zamboanga und Basilan haben US-Truppen während des Amerikanisch-Philippinischen Krieges vor hundert Jahren grausam gewütet. Viele Moros befürchten nun eine Wiederholung der alten Gräueltaten. Sie werden in Zamboanga City ständig daran erinnert – dort hat man einen Platz nach dem Architekten der US-Pazifizierungskampagne, dem «Schlächter der Moros», benannt.

Black Jack, der Schlächter

John Joseph «Black Jack» Pershing (1860 –1948), Amerikas höchstdekorierter Soldat aller Zeiten und der einzige, der sich je «General of the Armies of the United States» nennen durfte, war zwischen 1899 und 1913 mehrfach und in unterschiedlichen Funktionen auf den Südphilippinen tätig gewesen – als Adjutant und Kavalleriekommandeur, später als Militärgouverneur der Moro-Provinz und Befehlshaber über Mindanao. Was in den Annalen der US-Militärgeschichte als «Säuberungsmassnahme gegen den Moro-Aufstand» beschrieben wird, waren systematische Massaker an der Zivilbevölkerung. Zu solch krimineller Perfidie wie in Afghanistan, wo US-Bomber gelben Splitterbomben gelbe Nahrungsmittelpakete aus der Luft folgen liessen, wird es in den Philippinen nicht kommen.

Alles deutet auf einen mit US-Unterstützung geführten «low-intensity conflict» hin, der dann aber zu grösseren kriegerischen Auseinandersetzungen eskalieren könnte, wenn die bewaffneten Verbände der für Unabhängigkeit kämpfenden Moro Islamischen Befreiungsfront (MILF) und der von der Kommunistischen Partei geführten Guerilla der Neuen Volksarmee (NPA) angegriffen werden. Beide Organisationen kooperieren seit Ende 1999, und beide haben seit Manilas verheerendem «totalen Krieg» in Zentralmindanao im Sommer 2000 (als die Blicke der Weltöffentlichkeit auf den wochenlangen Geiselpoker auf der Insel Jolo gerichtet waren) beträchtlich an Zulauf und Einfluss gewonnen. Das weiss auch Angelo Reyes. Und dennoch hat der General bereits die NPA als nächstes Ziel gemeinsamer philippinisch-amerikanischer «Manöver» ausgemacht.

100 Jahre Krieg, gleiche Ziele

Während seiner über 300-jährigen Präsenz auf den philippinischen Inseln (1571–1898) konnte Spanien den Widerstand der vorwiegend muslimischen Bevölkerung (der Moros) und der Sultanate im Süden des Landes nicht brechen. Das gelang erst den Amerikanern, die als neue Kolonialherren blutige «Befriedungsfeldzüge» mit «wohlwollender Assimilierung» (so der damalige US-Präsident William McKinley) verknüpften. Anfang Februar 1899 begannen die USA den Amerikanisch-Philippinischen Krieg und setzten damit der von Filipinos am 12. Juni 1898 proklamierten ersten unabhängigen Republik in Asien ein jähes Ende. Zwar erklärte US-Präsident Theodore Roosevelt diesen Krieg im Sommer 1902 offiziell für beendet, doch auf Mindanao und im Sulu-Archipel dauerten die Gemetzel bis 1913 – sporadisch sogar bis 1916 – an.

US-Kongressberichten zufolge waren damals über 120 000 US-Soldaten im Fronteinsatz, den 4234 nicht überlebten. Die um 1900 annähernd 6,5 Millionen EinwohnerInnen zählende Bevölkerung der Philippinen wurde im Verlauf dieses bis dahin grössten Kolonialmassakers der Geschichte um eine Million Menschen dezimiert. Die damalige Kriegführung nahm vorweg, was später in Malaysia, Korea und Indochina technisch ausgeklügelter praktiziert wurde – strategische Wehrdörfer, Freifeuerzonen, Such-und-zerstör-Aktionen, Nahrungsmittelblockaden und das planmässige Abschlachten von Frauen und Kindern. «Insurgenten und der Subversion» sollte ein Riegel vorgeschoben werden.

Niemand hatte die Moros gefragt, ob sie 1946 Teil der unabhängig gewordenen philippinischen Republik werden wollten. Das internationale Agrobusiness sollte dem Süden «Entwicklung» bescheren. Gleichzeitig ging mit dieser exportorientierten Entwicklungsstrategie eine massive interne Kolonisierung einher. Gewaltsame Landnahme mit weitreichenden demografischen Veränderungen, die Bildung von Bürgerwehren und das Entstehen bewaffneter religiöser Sekten verwandelten Mindanao und die Sulu-See danach in die höchstmilitarisierte und ärmste Region des Archipels. Zeitweilig waren dort 80 Prozent aller Kampfeinheiten der philippinischen Streitkräfte (AFP) stationiert – zum Kampf gegen bewaffneten Widerstand in Gestalt der Moro Nationalen Befreiungsfront (MNLF).

Während die MNLF Mitte der siebziger Jahre ihren Kampf für einen unabhängigen Staat aufgab, hielt die neu gegründete Moro Islamische Befreiungsfront (MILF) an diesem Ziel fest. Erklärtes Ziel der jetzt angelaufenen US-philippinischen Militäroperation, die unter dem Namen «Kalayaan-Aguila 2002» («Freiheitsengel 2002») firmiert und bis zu zwölf Monaten dauern soll, ist die Vernichtung der Abu-Sayyaf-Gruppe (wörtlich: «Vater des Scharfrichters»). Die ASG, ursprünglich als Al Harakatul al Islamiya (Islamische Bewegung) auf Basilan aus Protest gegen die MNLF entstanden und Mitte der neunziger Jahre von philippinischen Geheimdienstagenten teilweise infiltriert, hat sich mittlerweile auf Kidnapping und Lösegelderpressung spezialisiert. Mitglieder der ASG – einige wurden in Libyen ausgebildet, andere haben während der sowjetischen Okkupation in Afghanistan gekämpft – agieren seit längerem auch auf der Insel Jolo. Dort geniessen sie zum Teil beträchtlichen Rückhalt in der Bevölkerung und verfügen über vielfältige Rückzugsmöglichkeiten in dichtem Dschungelterrain und per Schnellboote auf zahlreiche Nachbarinseln.

AFP-Sprecher Brigadegeneral Edilberto Adan räumte Anfang letzter Woche ein, dass man der Abu Sayyaf ohne US-Rückendeckung nicht Herr werden könne. Am Tag darauf drohte Abu Sulayman, ein Sprecher der ASG, den USA mit einem langen Krieg. Den werde, so Sulayman, notfalls die nächste Generation weiterführen.

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