Nr. 35/2007 vom 30.08.2007

Warten aufs nächste Gefecht

Trotz Friedens- und Waffenstillstandsabkommen zwischen der Regierung und muslimischen Widerstandsgruppen bleibt die Lage angespannt. Ein Besuch im Krisengebiet.

Von Rainer Werning, Jolo

Eigentlich hätte die MV Nickel Princely um 19 Uhr auslaufen sollen. Aber noch eine Stunde später sind am Pier in Zamboanga City in den Südphilippinen Menschentrauben versammelt, um sich von Verwandten und FreundInnen zu verabschieden - zur Freude der fliegenden HändlerInnen, die gebratene Pouletspiesschen und kühle Getränke aus mit Eisbrocken gefüllten Eimern feilbieten. Derweil wird immer noch Fracht geladen. Kurz vor 21 Uhr rasselt schliesslich der Anker hoch. Wie bei den Fährschiffen im Sulu-Archipel üblich, ist auch die MV Nickel Princely mit Fracht und Passagieren überladen. Mancherorts auf diesem Seelenverkäufer hält nur dick aufgetragene Farbe die Schiffstüren halbwegs zusammen.

Zehn Stunden später zeichnen sich am Horizont die ersten Konturen von Jolo City ab - erkennbar an den alles überragenden Minaretten der grossen Moschee. Mein Begleiter Amin * wird bereits von Freunden erwartet. Amin ist ein hagerer Mittfünfziger aus dem Süden Jolos. Lange Jahre warb er im politischen Untergrund unter den Moros, der muslimischen Bevölkerung des Südens, Mitglieder für die Kommunis-tische Partei. Seine Freunde fahren uns mit zwei Jeeps durch die Stadt zu einem Haus ausserhalb von Jolo City, das unsere Unterkunft sein wird. Wilfredo*, einer unserer Leibwächter, ist Mitglied der Nationalpolizei und zeigt uns voller Stolz sein M-16-Gewehr. Er lacht gern und laut und zieht seine Jacke aus, um mir die Aufschrift auf seinem T-Shirt zu zeigen: «Feel safe tonight, sleep with a cop!» («Fühl dich sicher heute Nacht, schlaf mit einem Polizisten!»)

Die Insel Jolo hat weniger als eine halbe Million EinwohnerInnen und wäre mit ihren Stränden und den üppig bewachsenen Hügeln ein idyllischer Urlaubsort. Doch seit Jahrzehnten ist sie durch und durch militarisiert, und die Bevölkerung lebt in sozialem Elend. Ältere Menschen können sich noch an die besseren Zeiten erinnern: Damals war ihre Hauptstadt Jolo noch keine City und zählte weniger als 100 000 EinwohnerInnen. Sie war ein belebter und prosperierender Warenumschlagplatz und vor allem - sicher.

Gewalt und Gegengewalt

Dies änderte sich ab Beginn der siebziger Jahre: Der Bürgerkrieg brachte nicht nur Gewalt und Gegengewalt mit sich, sondern auch Drogenkonsum und Entführungen, mit denen sich terroristische Gruppen und kriminelle Banden ihr Einkommen sichern. Einer der wenigen hier praktizierenden Ärzte sagt: «Viele Menschen sind davon abgestumpft. Bevor auf Jolo wirklich Ruhe und Sicherheit einkehren können, müssen viele erst wieder lernen, was den Menschen ausmacht und was Mitmenschlichkeit bedeutet.» Seine Familie habe ihn wiederholt bedrängt, er solle die Insel endlich verlassen und andernorts ein sicheres Leben beginnen. Doch er sei nun einmal ein Tausug, wie sich die Einheimischen auf Jolo nennen, er schätze die hiesigen Traditionen und wolle den Menschen beistehen.

Auch Raman T. Nair will vor allem helfen. Er wohnt in Schiech Mustafa, einem Viertel am Stadtrand von Jolo City. Dort arbeitet er im Auftrag der Vermittlerorganisation Genfer Zentrum für Humanitären Dialog und leitet die GRP-MNLF-Friedensarbeitsgruppe Sulu. MNLF steht für Moro Nationale Befreiungsfront und GRP für Regierung der Republik der Philippinen. Sein Handlungsspielraum sei natürlich begrenzt, sagt Nair: «Aber allein die Tatsache, dass jemand im Auftrag einer internationalen Organisation vermittelnd tätig ist, verschafft vielen hier das Gefühl, wahrgenommen zu werden und notfalls an die internationale Öffentlichkeit gelangen zu können.»

Zu den Schwerpunkten der Arbeit des gebürtigen Inders gehört die Organisation von Seminaren und Workshops. Sie stehen sämtlichen ProtagonistInnen des Konflikts offen. Die Treffen sollen vertrauensbildende Massnahmen sein, an ihnen werden akute Probleme diskutiert und wenn möglich gelöst. Kommt er sich angesichts der immer wieder eskalierenden Gewalt in der Gegend nicht als einsamer Rufer in der Wüste vor? «Einsam bin ich keineswegs», meint Raman. «Menschen suchen meinen Rat in immer wieder neu entstehenden Konflikten. Und ich sehe mich auch nicht als Rufer, sondern als Vermittler und Gastgeber. Als Inder falle ich hier nicht auf, und ich bin keine Gewinn versprechende Geisel.»

Hoher Besuch auf Jolo

Bei der Rückfahrt in die Stadt zeugen mehrere Checkpoints von erhöhter Alarmbereitschaft: Hoher Besuch aus Manila ist angereist. US-Admiral Timothy J. Keating, seit März dieses Jahres Befehlshaber des Pacific Command in Honolulu (Hawaii) und damit Herr über das weltweit grösste Operationsgebiet der US-Streitkräfte, besucht zusammen mit der US-Botschafterin den Tugas-Hügel im nahe gelegenen Bezirk Patikul. Dort ist die 3. Philippinische Marinebrigade stationiert. Mit dem Blitzbesuch inklusive eines kurzen Fussmarschs durch morastiges Dschungelterrain wollen sie die Moral der philippinischen und eigenen Verbände stärken. Gleichzeitig sollen damit weitere Erfolge im Kampf gegen die islamistische Separatistenorganisation Abu Sajjaf gefeiert werden. Der Tugas-Hügel war ein wichtiges Operationsgebiet der Organisation, die Anfang der neunziger Jahre von Chadaffi Dschandschalani gegründet wurde. Nach dessen Tod im Jahr 1998 hat sein jüngerer Bruder die Führung von Abu Sajjaf übernommen, bis auch er Anfang September 2006 bei einem Feuergefecht ums Leben kam. Noch während der US-Admiral Siegesstimmung verbreitet, wird bekannt, dass die Abu-Sajjaf-Gruppe einige Tage zuvor einen Nachfolger gewählt habe. Jasser Igasan stamme aus Jolo und habe sich von Mitte der neunziger Jahre bis 2004 zu Islamstudien in Libyen und Syrien aufgehalten. Er verfüge über gute Auslandsbeziehungen und gehöre überdies zum Gründerkreis der Organisation.

Generäle an die Front

Die Lage auf Jolo und auf der ihr nördlich vorgelagerten Insel Basilan ist seit dem 10. Juli wieder höchst angespannt. An jenem Tag wurden vierzehn philippinische Marinesoldaten bei einem Gefecht getötet. Der Führungsstab des bewaffneten Arms der MILF (vgl. Kasten) sprach sogar von 23 Opfern, von denen 10 enthauptet aufgefunden wurden. Einen Monat später erlitten die philippinischen Streitkräfte (AFP) ihre seit Jahren schwerste Schlappe: Auf Jolo kamen allein am 9. August bei zwei grösseren Gefechten insgesamt 26 Regierungssoldaten ums Leben. Darauf ordnete die Präsidentin Gloria Macapagal-Arroyo als Oberbefehlshaberin der AFP an, deren zentrales Kommando von Manila nach Zamboanga City im Südwesten der Insel Mindanao zu verlegen - ein in der Geschichte des Landes einmaliger Vorgang. Dort soll die Armeespitze so lange bleiben, bis die Abu Sajjaf «vernichtet» sei. Am 18. August verloren die AFP bei einem Feuergefecht auf Basilan nochmals fünfzehn Marinesoldaten und einen Helikopterpiloten.

Bis Mitte August flohen laut der philippinischen Menschenrechtsorganisation Karapatan allein auf Basilan über 14 000 Menschen aus ihren Dörfern und hinterliessen damit Geisterorte. Auf Basilan und Jolo kämpfen je etwa 5000 Armeesoldaten, unterstützt von paramilitärischen Verbänden und von US-Einheiten für Spezialaufgaben. Was für ein Ungleichgewicht, wundert sich ein Leitartikler der auflagenstärksten Tageszeitung «Philippine Daily Inquirer»: Diese Tausenden von Soldaten würden «eine Gruppe von 150 bis höchstens 200 Abu-Sajjaf-Banditen, unterstützt von abtrünnigen MNLF-Elementen», jagen. Dabei haben sich, seit die Region im Jahr 2002 nach Afghanistan zur «zweiten Front im Kampf gegen den weltweiten Terror» erklärt worden war, hohe RegierungsvertreterInnen in Washington und Manila schon mehrfach nicht nur des gegenseitigen Beistands versichert, sondern gemeinsame Siege im Kampf gegen Abu Sajjaf gefeiert.

Die USA rechnen im Irak und in Afghanistan die Widerstandskämpfer pauschal al-Kaida oder den Taliban zu und behandeln sie entsprechend - ihre philippinischen Lehrlinge tun dasselbe auf Basilan und Jolo von jeher: Abu Saj-jaf ist und bleibt das Böse. Doch gleichzeitig geht das Militär auch gegen die Kampfverbände der MILF vor, um sich bei den im benachbarten Malaysia laufenden Friedensverhandlungen mit dieser Organisation eine möglichst gute Position zu verschaffen. Immer wieder befehlen Armeekommandeure Angriffe auf Hoheitsgebiete der MILF, die laut dem bestehenden Waffenstillstandsabkommen eigentlich geschützt wären - unter dem Vorwand, die MILF gewähre Abu-Sajjaf-Mitgliedern Unterschlupf.

Verschwimmende Frontlinien

Äusserst kompliziert ist die Lage auf Jolo. Aufgrund des Friedensabkommens vom 2. September 1996 (vgl. Kasten) sind 7500 frühere MNLF-Kämpfer in die staatliche Armee und Polizei integriert worden. Doch alte Familienbande haben nach wie vor grosse Bedeutung, weshalb die neuerdings zu AFP-Soldaten gewordenen MNLF-Kämpfer häufig ihre einstigen KameradInnen lieber ungestört lassen, als für fremde Interessen ihre Haut zu riskieren. So wird der von höchster Stelle verkündete Kampf gegen die Abu Sajjaf zum unerklärten Krieg gegen MILF- und MNLF-Stellungen. Der Generalstab sieht sich nicht nur einem Feind gegenüber, sondern vier Feinden: Denn neben Abu Sajjaf, MILF und MNLF ist da noch die Zivilbevölkerung. Sie leidet unter dem Krieg und den mit ihm einhergehenden Zerstörungen, viele BürgerInnen werden zudem häufig wahllos des «Terrorismus» verdächtigt, festgenommen und misshandelt. Ihre Sympathien für die AFP sind unter solchen Bedingungen denkbar klein.

Präsidentin Arroyo weist Proteste gegen ihre martialische Politik - darunter auch die vonseiten des Nationalrats der Kirchen in den Philippinen erhobene Forderung, den Krieg im Süden zu beenden - entschieden zurück: «Wir verstehen all jene, die den Krieg beendet sehen möchten. Doch wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es in unserem Land keine Sicherheit gibt, wenn wir den Soldaten, die unsere Nation verteidigen, keine Gerechtigkeit geben können. Die Terroristen fühlten sich ermutigt, wenn sie nicht für ihre scheusslichen Verbrechen gegen unsere Soldatenhelden zur Rechenschaft gezogen würden.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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