Nr. 32/2019 vom 08.08.2019

Das «Unding» von Winterthur

Das Sulzer-Hochhaus steht für Glanz, Hybris und Niedergang der Winterthurer Maschinenindustrie. 2004 wurde es spektakulär besetzt. Die Geschichte des Turms erzählt auch etwas über die Widersprüche der städtischen Bodenpolitik.

Von Pablo Rohner

Die Turmherrin führt zuerst in den Keller. Dort erklärt Bettina Stefanini an einem lodernd heissen Julitag zwischen versilberten Kesseln und Betonwänden die thermische Anlage, die der Wintower, das Wahrzeichen von Winterthur, vor rund zehn Jahren eingebaut bekam. Damals liess ihr Vater, der damalige Besitzer und letzten Dezember verstorbene Immobilienunternehmer und Kunstsammler Bruno Stefanini, das Haus sanieren und auf Minergiestandard umrüsten. Seither werden hier dem Abwasser der Stadt ein paar Grad Celsius entzogen; eine Wärmepumpe nutzt die gewonnene Energie, um das Hochhaus im Winter zu heizen und im Sommer zu kühlen.

Bevor der 92 Meter hohe Büroturm der alteingesessenen Maschinenbaufirma Gebrüder Sulzer AG in den sechziger Jahren gebaut wurde, gab er Anlass zu heftigen Diskussionen. Viele waren skeptisch; der neue Turm vertrage sich weder mit der Landschaft um Winterthur, noch passe er zum bescheidenen Stil der Stadt. Der seit 1939 amtierende Stadtpräsident Hans Rüegg etwa sah das kleinbürgerliche «alte Winterthur», verkörpert in der Architektur der Altstadthäuser und deren «Widerspiel zur sorgsam geformten Hügellandschaft», in Gefahr. Weil der Bürobedarf von Sulzer ausgewiesen war, wurde das Hochhaus gegen alle Widerstände trotzdem gebaut und galt während Jahrzehnten, bis die Maschinenindustrie in Winterthur wegbrach, als Symbol für die industrielle Blüte der Stadt. Nach dem Auszug von Sulzer und dem Kauf durch Stefanini wurde das Haus in Wintower umbenannt, war während Jahren leer und stand nun für den industriellen Niedergang und die Sammelwut des Hausbesitzers. 2004 besetzten es mehrere Hundert AktivistInnen für ein Wochenende und nutzten den symbolischen Gehalt, um spektakulär auf die wohnpolitischen Folgen der Deindustrialisierung Winterthurs aufmerksam zu machen.

Als Bruno Stefanini vor fünfzehn Jahren mit der Sanierung, in deren Verlauf auch mehrere Tonnen Asbest entfernt werden mussten, beginnen liess, war die Erleichterung in Winterthur gross. Endlich investierte der behördenscheue Immobilienkönig in die Zukunft des Wahrzeichens der Stadt. Er, der in Winterthur dafür berüchtigt war, dass er seine Liegenschaften, darunter viele Häuser in der Altstadt, reihenweise vergammeln liess, indem er sich weigerte, sie rechtzeitig zu verkaufen oder die vielerorts dringend nötigen Reparaturen vorzunehmen. Stefaninis Bedeutung für Winterthur bleibt bis heute umstritten. Denn seine Nachlässigkeit trug auch zum Erhalt von günstigem Wohnraum in Winterthur bei.

Von den Hügeln aus betrachtet

Von der Badi Wolfensberg am Hang über Winterthur Veltheim aus fällt der Blick an einem warmen Abend im Juli auf den Wintower, der im Licht der tief stehenden Sonne matt schimmert. Das Hochhaus sieht schön aus von hier. Mit den vorragenden lamellenartigen Stahlbetonstützen strebt es beinahe gotisch zum Himmel und ähnelt einem abgeschnittenen Wolkenkratzer, wie er Anfang des letzten Jahrhunderts in einer US-amerikanischen Metropole hätte gebaut werden können.

1952 stieg eine Gruppe aus Stadträten, Stadtplanern, Sulzer-Kadern und Architekten auf die Anhöhen um Winterthur, um zu beurteilen, wie das erste geplante monumentale Bürohaus von Sulzer aus verschiedenen Perspektiven wirken würde. Die künftige Höhe hatten sie zuvor mit Ballons markiert, über zehn Jahre vor dem Bau des späteren Hochhauses ging es um einen Büroblock von 45 Metern Höhe und, damals kontroverser, 63 Metern Breite. Nach dem «Augenschein» kehrte die Gruppe in der Gaststätte zum Wilden Mann für eine Sitzung ein, die erste einer ganzen Reihe, an deren Ende die «Bebauungsplankommission» den Bau des Gebäudes schliesslich zähneknirschend ablehnte. Ästhetische Bedenken wurden höher gewichtet als finanzielle Überlegungen.

Der 1956 von der Zürcher Bevölkerung angenommene Hochhausparagraf des Zürcher Baugesetzes erlaubte es dem Gemeinderat neu, Hochhäuser zu bewilligen, sofern sie sich an ihrem Standort «städtebaulich und landschaftlich einfügen, keine polizeilichen Hindernisse im Weg stehen und die Umgebung nicht wesentlich beeinträchtigt wird». Den ästhetischen Konflikt mit der Landschaft führten die GegnerInnen des Hochhauses besonders eifrig gegen die standortpolitischen Argumente der BefürworterInnen ins Feld. So war sich SP-Stadtrat Heinrich Zindel «der grossen Bedeutung der Firma Sulzer für unsere Stadt» bewusst. Vor allem die «erschreckende Riegelwirkung», die das Gebäude, von der Altstadt her betrachtet, haben würde, erschien der Kommission jedoch als zu grosse Erschütterung für die Psychologie des Stadtraums. Stadtrat Zindel mutmasste noch im «Wilden Mann», dass die «Aufteilung dieser Mauer in zwei Türme» bei der nächsten Eingabe bessere Chancen haben könnte. Tatsächlich waren beim letztlich realisierten Bauvorhaben ursprünglich zwei Türme geplant.

Die Politiker taten sich mit der Entscheidung gegen Sulzers Bauvorhaben schwer, sie widersprach ihren wirtschaftsliberalen Grundsätzen. Stadtbaumeister Arthur Reinhart war der Ansicht, dass «Bürobauten für grosse Betriebe etc. nicht in den Rahmen des Baugesetzes gezwängt werden sollten». Vielmehr sollte sich bei einem «so lebenswichtigen Unternehmen» die «wirtschaftlich, technisch und betriebsmässig beste Form frei entwickeln dürfen».

Hochbetrieb im Turm

Nachdem das erste Projekt gescheitert war, dauerte es ein paar Jahre, bis wieder Herren auf die Hügel stiegen. 1961 ging es um die letztlich realisierte Rekordhöhe von 92 Metern – damals das höchste Haus des Landes. In einer im «Landboten» veröffentlichten Klage über das geplante Bürohochhaus schlug eine Winterthurer Architektengruppe 1961 einen noch drastischeren Ton an als Stadtpräsident Rüegg drei Jahre zuvor. «Falls dieser Turm errichtet wird, wird die Talsohle als eine Absenkung erscheinen, über der ein Unding droht», heisst es in der Stellungnahme. Der «unwinterthurerische Fremdkörper», befürchteten die Architekten, würde «die Räumlichkeit des Eulachtals zerschlagen».

Doch diesmal unterlag die konservative Skepsis der Macht der grossen Firma, der besten Steuerzahlerin, die Winterthur je hatte. Zudem verkaufte die Stadt damals regelmässig Grundstücke an Sulzer, manchmal auch im Tausch gegen andere Flächen. Den etwas verzweifelt wirkenden, von verschiedenen Politikern vorgebrachten Vorschlag, das Hochhaus auf dem Firmenareal in Oberwinterthur zu bauen, lehnte die Sulzer-Führung ab. Am 30. November 1961 erhielt Sulzer vom Stadtrat die Baubewilligung, die zuvor noch vom Zürcher Regierungsrat hatte genehmigt werden müssen. Dieser beurteilte den «vertikalen Akzent», mit dem die südlich vom Bauplatz liegenden Produktionsstätten der Sulzer AG vom nördlichen Wohnquartier Neuwiesen getrennt würden, als «städtebaulich nicht ungeeignet», das Verhältnis von Grundfläche und Höhe zudem als «kubisch beste Form» für den Neubau. Rasch wurden noch das Bauland und die benachbarte Parzelle zusammengelegt, sodass auch die Ausnützungsziffer dem Gesetz entsprach und der Spatenstich erfolgen konnte. Am 3. September 1966 wurde das Hochhaus eingeweiht und war fortan bezugsbereit.

In den folgenden zwanzig Jahren herrschte Hochbetrieb im Turm. Zu seiner Blütezeit beschäftigte Sulzer rund 14 000 ArbeiterInnen und Angestellte in Winterthur, insgesamt stellte der Industriesektor mehr als die Hälfte aller Arbeitsplätze in der Stadt. In den sechziger und siebziger Jahren kaufte Sulzer Maschinenfabriken in der Schweiz und im Ausland zu und baute die Produktion von Webmaschinen, Kompressoren, Pumpen und Dieselmotoren aus. Sulzer errichtete Fabriken in Japan und den USA, lieferte die Dieselanlagen zur Stromerzeugung für das Pilgerzentrum Mekka und Gasturbinen für Ölpipelines in Libyen. Zwischen 1960 und 1975 stieg der Umsatz der Firma von 700 Millionen auf 3 Milliarden Franken.

Im Hochhaus zwischen Schützen- und Neuwiesenstrasse arbeiteten 1300 Menschen in technischen und kaufmännischen Büros, in Sitzungszimmern, an Konstruktionstischen und Schreibmaschinen. Darunter auch die Belegschaft von 150 Büros, die davor einige Jahre provisorisch in Wohnungen untergebracht gewesen waren. Sechs Lifte brachten die Büroleute auf ihre Etage, eine komplexe Transportanlage regelte den prädigitalen Aktenverkehr im Haus und mit den anderen Verwaltungsgebäuden. Die Wege zwischen den Gebäuden legten die Akten auf einer Einschienenbahn zurück. Im Haus verband ein senkrechter Aktenpaternoster das Archiv im dritten Untergeschoss mit dem Postraum im Erdgeschoss und belieferte die Büros mit Korrespondenz und Zeichnungen.

Depression und Freiräume

Plötzlich standen da Bilder, Skulpturen, Kartons mit seltsamen Objekten und ein Feldbett, dem anzusehen war, dass vor kurzem noch jemand darauf gelegen hatte. Dieses Bild bot sich 2004 einem Grüppchen von BesetzerInnen, als sie sich in der Tiefgarage unter dem Hochhaus umsahen. Was man sich in der Stadt erzählte, stimmte also wirklich: Hier unten lag ein Teil der geschichtenumrankten Sammlung Bruno Stefaninis, zu deren weiterer Vergrösserung und Unterhalt er 1980 die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) gegründet hatte. «Wir haben die Zugänge zu dem Raum mit Schaltafeln verbarrikadiert, damit da niemand reinkommt», erinnert sich eine Besetzerin heute. Sie hätten Stefanini schliesslich keinen persönlichen Schaden zufügen wollen. «Zu mir waren sie anständig, zum Haus weit weniger», sagte Stefanini später dem «Landboten».

Über 300 Leute beteiligten sich an der Besetzung. Vom Einzug am Freitagabend, 27. Februar, bis zum von der Polizei unbehelligten Abzug zwei Tage später fanden Konzerte, Diskussionen und Vollversammlungen statt, an denen über das weitere Vorgehen diskutiert wurde. Es wurde wild gefeiert, ohne dass jemand vom damals noch unbefestigten Dach des Turms gestürzt wäre. Ausser Stefanini, wenn er wieder einmal das Unkraut jätete, hatte seit Jahren niemand die Aussicht auf die Stadt und die umliegenden Täler genossen.

Wenn sie sich an die Zeit der Besetzung erinnere, denke sie auch an die paradoxe Wirkung, die das allmähliche Wegbrechen der Maschinenindustrie ab den achtziger Jahren auf ihre und die Kindheit und Jugend vieler anderer WinterthurerInnen gehabt habe, sagt die Besetzerin. 1989 gab Sulzer die Produktion in der Stadtmitte auf. Es folgten grosse Entlassungswellen, eine Entwicklung, die in Winterthur als «eine Art Naturkatastrophe» wahrgenommen wurde, wie die BesetzerInnen in ihrem Manifest «Urbane Revolte» schrieben. In das Gefühl der «grossen Depression» habe sich das Bewusstsein gemischt, dass in den leer werdenden Fabrikarealen vor ihren Nasen riesige Freiräume entstanden, erinnert sich die Besetzerin. Nicht zufällig unterzeichneten sie ihr Manifest, das einige AktivistInnen am zweiten Tag der Besetzung in altertümlichen Roben und zu klassischer Musik den Medien vorlasen, mit «Sulzermer Chindä». Viele waren tatsächlich Kinder von Männern und Frauen, die einmal im Hochhaus gearbeitet hatten. Wie sie leben wollten und was sie dafür brauchten, das seien zentrale Fragen für sie gewesen, sagt die Besetzerin. Sie wollten arbeiten und wohnen, ohne der Profitlogik unterworfen zu sein. «Dafür brauchten wir vor allem eines: Platz.»

Bevor die AktivistInnen ihr riesiges Banner mit den Buchstaben «BESETZT» vom Dach über die Fassade fallen lassen konnten, musste einiges gutgehen. Eine Gruppe versammelte sich, um die Polizei abzulenken. Eine andere unterquerte die Eulach, kletterte durchs Gestrüpp und stieg durch einen Seiteneingang ins Hochhaus ein. Es gab eine Gruppe für eine Lichtinstallation, bei der in der Nacht, analog zum traditionellen Tannenbaum zu Weihnachten, erleuchtete Fenster einen Totenkopf bildeten. Und eine Gruppe, die sich für den Fall rüstete, dass sich Bruno Stefanini zum Zeitpunkt des Einstiegs im Haus befinden würde. Das war auch tatsächlich der Fall, der Hausbesitzer war in der Lounge im obersten Stock. «Wir haben ihm ein kleines Geschenk mitgebracht und ihn gebeten zu gehen», erinnert sich die Besetzerin.

Die Jagd auf gute SteuerzahlerInnen

Während zwischen Töss und Eulach grosse Hallen leer standen, wurde im boomenden Zürich die Wohnungsnot immer ärger. Zuziehende mit guten Jobs, die in Zürich keine Wohnung fanden, sollten nach Winterthur kommen. Das Anlocken guter SteuerzahlerInnen wurde unter der Regierung um SP-Stadtpräsident Ernst Wohlwend zur wichtigen Verwaltungsaufgabe ernannt. Sie gilt bis heute. In einem 2017 veröffentlichten wohnpolitischen Papier der Stadt heisst es unverblümt: «Die Steuerkraft pro Einwohnerin und Einwohner muss gesteigert und längerfristig der Steuerertrag juristischer wie auch natürlicher Personen erhöht werden. Mit einer gezielten Wohnbauförderung im oberen Preissegment kann und muss die Wohnpolitik dazu einen Beitrag leisten.»

Den städtischen PlanerInnen schwebt ein «gemischtes Wohnungsangebot» vor. Das Problem dabei ist nur, dass es in Winterthur kaum sozialen Wohnungsbau gibt, weil jahrzehntelang die Industriefirmen die Wohnungen für ihre ArbeiterInnen bauten. WinterthurerInnen mit niedrigem Einkommen – viele von ihnen wohnen in den rund 1800 Wohnungen der Stefanini-Stiftung SKKG – fehlt eine Perspektive für den Fall, dass ihre Wohnungen aufgewertet werden. Vorschlägen, die Stadt solle auch Boden für gemeinnützigen Wohnungsbau kaufen, begegnet die Regierung damals wie heute mit dem Hinweis auf die seit dem Verschwinden der Maschinenindustrie klammen Stadtfinanzen.

Immerhin hat Winterthur nicht «Winti-Nova» bekommen. So hiess 1989 eine radikale Projektstudie von Sulzer, die den Abbruch sämtlicher Fabrikgebäude und an ihrer Stelle die Errichtung eines riesigen Businessparks vorsah. Massive Kritik von Winterthurer ArchitektInnen und dem Industriehistoriker Hans-Peter Bärtschi schreckte Bevölkerung und Behörden auf, und die Pläne wurden geschreddert. In der Folge wurden die Grundstücke und Industriehallen vermietet und verkauft, über flickenteppichartige Zwischennutzungen und Arealentwicklungen erhielt das Sulzer-Areal allmählich seine heutige Gestalt. Heute beherbergen die schmucken Backsteingebäude in der Stadtmitte verschiedene Angebote: Kinos, Bars, Restaurants, Einkaufszentren, eine Bibliothek, aber auch Handwerksbetriebe, Kunststudios und – vor allem teure – Wohnungen. Dass die Freiräume an den Gleisen verschwinden würden, sei ihnen klar gewesen, sagt die Besetzerin: «Aber gerade darum war es wichtig, mit der Besetzung ein Zeichen zu setzen und eine Diskussion über Stadtentwicklung und Bodenpolitik zu führen.»

Vermieten für einen guten Zweck?

Aus dem elften Stock des Hochhauses hat man einen guten Blick auf das Spielfeld des benachbarten Fussballstadions Schützenwiese. Bettina Stefanini präsentiert einen der originalen Eames-Stühle aus der Sulzer-Zeit, auf denen bald die Mitarbeitenden der SKKG an der Neuausrichtung der Stiftung arbeiten werden – ein Prozess, der in Winterthur aufmerksam verfolgt wird. Stefanini betont seit ihrem Antritt als Stiftungsratspräsidentin immer wieder, dass es durchaus ihr Wille sei, auch das soziale Erbe ihres Vaters zu pflegen. «Wir wollen von der Strategie meines Vaters nur so weit abrücken wie nötig.»

Für die sachgemässe Pflege der Bilder, Schlösser und historischen Objekte braucht die SKKG Geld. Doch die Mieteinnahmen aus dem Hochhaus seien auch eine wichtige Finanzierungsquelle für die sozialverträgliche Sanierung vieler Wohnungen. Bei der in einem Onlineinserat angegebenen Miete von 290 Franken pro Quadratmeter und Jahr geht es um mehrere Millionen jährlich. Von daher ist es eine gute Nachricht, dass die SKKG für weitere vier Stockwerke des Hochhauses eine Mieterin gefunden hat. Neu werden 77 Prozent der insgesamt 17 500 Quadratmeter Bürofläche belegt sein. Um wen es sich bei der Mieterin handelt, könne sie noch nicht bekannt geben, sagt Bettina Stefanini.

Dass die Einnahmen aus dem Turm den Erhalt von günstigem Wohnraum subventionieren sollen, hört man bei der Stadt nicht unbedingt gern. Mark Würth, Leiter der Stadtentwicklung Winterthur, sagt, aus Sicht der Standortförderung sei es zwar zu begrüssen, wenn neue Arbeitsplätze nach Winterthur kämen. Es habe auch «positive Imageeffekte», wenn das Wahrzeichen der Stadt voll vermietet sei. Es sei aber auch im Interesse der Stadt, dass die SKKG viele Liegenschaften umfassend sanieren lasse. Günstige Wohnungen seien in Winterthur weiterhin erwünscht. «An Lagen, die sich dafür anbieten, soll es aber auch bessere Wohnungen geben», sagt Würth. Anders als vielleicht erhofft ist die SKKG aber auch nach dem Tod des Stifters nicht grundsätzlich zu Aufwertungen bereit.

Es ist kurz nach Mittag auf dem Dach des Wintowers, der seit der Aufstockung um zwei Etagen im Zuge der Sanierung knapp hundert Meter misst. Unten rauscht die Stadt, aus der Lounge für die Mitarbeitenden von Sulzer ist das gemütliche Hin und Her eines Pingpongballs zu hören. Auf weiss bezogenen Stehtischchen stehen Pommes Chips und Salzstängeli für einen Apéro bereit, im Schatten eines Sonnensegels isst ein Angestellter Fertigpasta. Für den seit 2012 amtierenden Stadtpräsidenten Michael Künzle (CVP) war es ein «emotionaler Moment», als sich die Konzernleitung von Sulzer 2013 wieder auf 14 der insgesamt 26 Etagen des Wintowers einmietete. So wie die Dinge derzeit liegen, trägt das Hochhaus damit neben nostalgischen Gefühlen auch zum Erhalt von bezahlbarem Wohnraum bei.

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