13.05.1999

Und wieder siegte die Kriegslogik

Von Werner van Gent, Skopje

Drei an sich hervorragend gezielte Raketen und ein Mord: so einfach ist es, die zaghaft entstehende Idee zu vernichten, es gebe neben der Bomberei und dem blanken Chaos doch noch Aussicht auf einen friedlichen Ausweg aus dem Desaster. Zuerst zu den Raketen. Wer falsche Strassenkarten verwendet, sollte eigentlich keinen Krieg führen. Als der Sprecher der Nato, Jamie Shea, einmal nach den Umweltschäden der Bomberei gefragt wurde, gab er höhnisch zurück, Kriege seien noch nie umweltverträglich gewesen. Inzwischen zeigt sich, dass Kriege auch nicht sehr politikverträglich sind. Sie widersetzen sich standhaft allem, was auf ein halbwegs vernünftiges Ende der Barbarei hinarbeiten könnte.
Mit der Botschaft wurde die Hoffnung vernichtet, die Uno könnte nun zu elfter Stunde doch noch einmal auf den Plan gerufen werden.
Die ChinesInnen waren ausser sich und zeigten dies auch bei ihren Massenkundgebungen in Peking, die so spontan waren wie die Busse, welche die DemonstrantInnen herankarrten. Schon einmal war die politische Führung Chinas wegen des Balkans in Rage geraten. Das war vor noch nicht allzu langer Zeit, jedenfalls aber genügend lange vor dem Auftauchen der Nato in Mazedonien, als dieses Land die Republik Taiwan anerkannte. Da war viel Geld in Aussicht gestellt worden, von 500 Millionen Dollar und mehr ist in Skopje die Rede. Jedenfalls reagierte Peking nicht gerade überraschend, brach umgehend die diplomatischen Beziehungen ab und blockierte im Uno-Sicherheitsrat den weiteren Einsatz der Uno-Beobachtungstruppen, die eigentlich die neu gezogene Grenze zwischen Jugoslawien und seiner ehemaligen Teilrepublik hätten überwachen und sichern sollen. Die Uno war weg, und bald war die Nato vor Ort.
Es ist wohl nur ein dummer Zufall, dass ausgerechnet die chinesische und nicht eine andere Botschaft in Schutt und Asche gelegt und dadurch erneut eine Uno-Friedensmission vereitelt wurde. Dabei könnte man doch meinen, es wäre gar nicht so schwer, die aktuellen Strassenkarten zu lesen.
Dann, fast zeitgleich, der Mord an Fehmi Agani. Der Soziologieprofessor und Vertreter des gemässigten Flügels der Kosovo-AlbanerInnen bei den Autonomieverhandlungen in Rambouillet war vor vier Wochen schon einmal für tot erklärt worden. Einer seiner engsten Freunde war der Linguistikprofessor Recep Ismaili, Gastdozent an der Universität München. Vor Ausbruch des Krieges war er auf Urlaub nach Pristina gekommen und musste dann zusammen mit Fehmi Agani untertauchen. Beide Männer waren prominente Mitglieder der Demokratischen Liga (LDK) des Ibrahim Rugova, auch wenn sie in letzter Zeit wohl immer mehr auf Distanz zu dem narzisstischen kosovo-albanischen Präsidenten gegangen waren. Professor Ismaili konnte Anfang der vergangenen Woche noch rechtzeitig nach Mazedonien flüchten und lebt jetzt irgendwo in Tetovo, das mehrheitlich von AlbanerInnen und seit der Flüchtlingswelle auch von zehntausenden Kosovo-AlbanerInnen bewohnt wird. Dort erzählt er, wie sein Freund Fehmi sich anfänglich noch über die vor allem von der Nato verbreitete Meldung seines eigenen Todes lustig gemacht habe. Ansonsten waren die fünf Wochen nicht erheiternd. Fast jede Nacht mussten sie im Viertel Aktac eine neuen Unterschlupf finden. Und fast jeden Morgen mussten sie hören, dass wieder eine neue Untertauchadresse ausgehoben wurde, dass sich das Netz allmählich zu schliessen begann. Anfänglich hatte Fehmi Agani noch an seinem Werk über das Projekt einer Zivilgesellschaft im Kosovo weitergearbeitet. Dann wurde es im Untergrund immer schwerer, auch die einfachsten Sachen des Lebens zu regeln. Recep Ismaili sagt, in diesen fünf Wochen habe das Grauen des Krieges die Hoffnung Fehmi Aganis, der Kosovo könnte eines Tages doch wieder zu einer normalen Gesellschaftsform zurückfinden, zusehends zerstört.
Fehmi Agani hatte sich noch lange für den Dialog eingesetzt. Heute sagt sein Freund, nach der Ermordung Aganis könne es keinen Dialog mehr geben und ein friedliches Zusammenleben von Serben und AlbanerInnen sei nun völlig undenkbar. Egal, wer Agani letztendlich umgebracht hat, reguläre Polizeitruppen, Arkan-Schergen oder – diese nicht sehr wahrscheinliche Version wird von Belgrad verbreitet – Gegner seiner gemässigten Ansichten aus dem eigenen Lager, sicher ist, dass mit seinem Tod ein politischer Ausweg aus der Barbarei in weite Ferne gerückt ist. Professor Ismaili, ein friedfertiger Mensch wie sein ermordeter Freund, spricht jetzt einer Intensivierung der Bomberei das Wort. Es braucht wenig Fantasie, sich vorzustellen, was die BewohnerInnen der südserbischen Stadt Nis, wo am Freitag letzter Woche Nato-Bomben in Marktnähe fünfzehn Menschen zerfetzten, mit Kosovo-AlbanerInnen anstellen würden, wenn sie dazu nur die Gelegenheit bekämen. Und Gelegenheiten wird es leider noch viele geben. Seit das mazedonische Boot voll ist, werden zehntausende Flüchtlinge von der Grenze nach Pristina zurückgeschickt. Darunter war am vergangenen Donnerstag übrigens auch Fehmi Agani.
Die Kriegslogik, diese grausame Logik, welche sich durchsetzt, wenn Menschen mit Kanonen, Bomben, Foltergeräten und Sägen aufeinander losgehen, diese Logik war es, die Ende der vergangenen Woche gleich zweimal siegte. Da helfen auch die Worte eines Joschka Fischer nicht viel weiter, der am Sonntag durchs neue, mit deutscher Hilfe erstellte und doch schon wieder hoffnungslos überfüllte Lager von Tegrena stapfte und dabei kundtat, dass jetzt die politische Lösung leider mit militärischen Mitteln herbeigeführt werden müsse. Der deutsche Aussenminister hat offenbar immer noch nicht begriffen, dass dieser Krieg längst dabei ist, sich selbst fortzupflanzen. Welche «politische Lösung» auch immer die Kampfeshandlungen beenden sollte, unterirdisch wird die Kriegslogik noch lange weiterwüten. Anstelle des Ideals einer Zivilgesellschaft werden Kosovo-AlbanerInnen sich auf neue Albträume einstellen müssen, genauso wie sich Europa darauf einstellen muss, mit einem Serbien zu leben, das mit vielen Dollar-Milliarden wirkungsvoll ins Mittelalter zurückgebombt wurde. Auch das ein Albtraum in jeder Hinsicht.

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