Nr. 38/2015 vom 17.09.2015

«Gewinne wie im Drogenhandel oder in der Prostitution»

Patente auf Medikamente sind die lukrative Lebensader der Pharma. Der Krebsspezialist Franco Cavalli über den Skandal um Glivec, die Mechanismen der Branche und über die Bedeutung der Pharma-Wahlkampfspenden in den USA.

Interview: Franziska Meister

Franco Cavalli, Onkologe.

Der Krebsspezialist und ehemalige SP-Nationalrat Franco Cavalli ist Mitunterzeichner eines offenen Briefs, in dem NGOs das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) scharf kritisieren. Das Seco hatte zuvor Kolumbien unter Druck gesetzt, weil das Land Zugang zu Generika erhalten will, die das teure Krebsmedikament Glivec von Novartis ersetzen würden (vgl. «Sie kontrolliert Patente und Paragrafen»).
WOZ: Herr Cavalli, das Seco vertritt die Interessen der Schweizer Wirtschaft. Werfen Sie das dem Seco vor?
Franco Cavalli: Der Brief des Seco an Kolumbien ist skandalös, denn er droht dem Land mit Wirtschaftssanktionen. Überhaupt macht das Seco darin ziemlich abstruse Überlegungen zum Patentschutz. In der Doha-Deklaration der Welthandelsorganisation WTO, die auch die Schweiz unterzeichnet hat, sind Patentregelungen wie folgt definiert: Wenn dringende Gründe bezüglich der Gesundheit der Bevölkerung es erfordern, dann darf man auf den Patentschutz verzichten und auf Generika zurückgreifen. Von diesem Recht möchte Kolumbien nun Gebrauch machen. Denn die WHO hat vor zwei Monaten Glivec in die Liste der essenziellen Medikamente aufgenommen. Darauf stehen nur Medikamente, die das Leben von Patienten entweder retten oder deutlich verlängern können.

Und das ist auch bei Glivec der Fall?
Ja, Glivec hat das Leben von Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie völlig verändert: Früher konnte man diese Patienten nur mit einer Knochenmarktransplantation behandeln, was mit hohen Risiken verbunden war. Heute ist diese Form der Leukämie dank Glivec in den meisten Fällen zu einer chronischen Krankheit geworden, mit der man leben kann.

Aber in Kolumbien kann sich kaum jemand das Medikament leisten – weshalb eigentlich?
Das Land kann pro Jahr und Person nicht mehr als 200 bis 250 Franken für die Gesundheit ausgeben, ausserdem haben viele Medikamente gar keine Versicherungsdeckung. Glivec kostet aber zwischen 2000 und 3000 Franken pro Monat. Damit ist es sogar noch eines der günstigeren Krebsmedikamente.

Günstig?
Ja, als Glivec Ende der neunziger Jahre zugelassen wurde, hat man preislich zum ersten Mal einen grossen Sprung nach oben gemacht. Bis dahin hatten die teuersten Medikamente maximal 500 Franken pro Monat und Patient gekostet. Glivec bedeutete einen Durchbruch – deshalb hat man den Preis akzeptiert.

Und wo ist da der Skandal?
Der Skandal ist, dass danach alle neuen Medikamente plötzlich 3000 Franken und mehr kosteten, ohne dass sie eine grundlegende Neuerung dargestellt hätten. Fünf Jahre nach Glivec kam ein Krebsmedikament auf den Markt, das kostete dann plötzlich 6000 Franken. So kam eine unheilvolle Spirale in Gang. Mittlerweile sind wir bei 12 000 bis 15 000 Franken pro Monat und Patient angelangt. Einen solchen Preis kann sich nicht einmal mehr die reiche Schweiz leisten – geschweige denn arme Länder.

Könnte Glivec denn so etwas wie ein Präzedenzfall werden, um gegen die Preistreiberei der Pharma vorzugehen?
Da gibt es auch noch zwei, drei andere Medikamente, bei denen man aktiv werden könnte. Aber Glivec ist ganz eindeutig ein Paradebeispiel – nicht nur, weil es viele Generika gibt, die genauso gut wirken, sondern auch, weil es ein einfach zu handhabendes Medikament ist: Man kann es einnehmen wie etwa ein Herzmedikament. Und das macht es auch für Entwicklungsländer so wichtig, weil es dort für kompliziertere Behandlungsmethoden oft an qualifiziertem medizinischem Personal fehlt.

Kolumbien ist nicht der erste Fall, in dem der Patentschutz im Zentrum des Konflikts steht. Sind denn Patente tatsächlich so etwas wie die Lebensader der Pharmakonzerne?
Das ist im Grund genau das zentrale Problem in den aktuellen Diskussionen um die irrsinnigen Medikamentenpreise – und, was man gerne vergisst, die irrsinnigen Gewinne der Pharmaindustrie. Keine andere Industrie auf der Welt hat eine ähnlich hohe Gewinnrate von 25 Prozent pro Jahr. Solche Gewinnmargen erzielt allenfalls noch der Drogenhandel oder die Prostitution.

Wie kommt es denn zu diesen Gewinnen?
Dahinter steht die Ideologie des Shareholder-Value: Die Pharmakonzerne wollen so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich machen, um die Aktienpreise so hoch wie möglich zu halten. Und dafür braucht man den Patentschutz. Solange die Patente existieren, wird der Shareholder-Value in die Höhe streben, und das Karussell wird sich immer schneller drehen.

Und diese Spirale lässt sich nicht stoppen?
Der US-Ökonom Joseph Stiglitz ist überzeugt, dass das ganze System explodieren wird. Für ihn ist klar: Man muss die Shareholder-Value-Ideologie und ihre Grundlage, also die Patente, zerstören. Als Alternative zu den Patenten schlägt er vor, eine Form von Belohnung einzuführen für die Entdeckung und Entwicklung neuer Medikamente: Ein Medikament soll bereits in der Planungsphase finanziert oder zumindest mitfinanziert werden – im Gegenzug wird bereits im Voraus ein Preis für das Medikament abgemacht. Ist das Medikament bereits entwickelt, kann man den Pharmakonzern dafür entschädigen, dass er das Medikament zu einem vernünftigen Preis auf den Markt bringt.

Mit andern Worten: Der Staat ist gefordert.
Genau. Stiglitz fordert nämlich auch, dass der Staat wieder mehr Geld ausgibt für die Forschung und Entwicklung von Medikamenten und nicht mehr wie bislang alles der Pharma überlässt. Der Staat muss überdies dafür sorgen, dass in der klinischen Phase nicht vorläufige Ergebnisse als grosser Durchbruch verkauft werden können, die dann zu einer frühen Zulassung eines Medikaments führen, von dem sich nach ein paar Jahren herausstellt, dass sich die Wirkung gar nicht gross von älteren Medikamenten unterscheidet.

Zum Beispiel?
In den USA etwa hat eine Firma die Marktzulassung für ein teures Medikament mit einer Studie erzwungen, in der der Unterschied in der Lebenserwartung elf Tage betrug. So wird der Begriff «statistisch signifikante Lebensverlängerung» zur Makulatur.

Das tönt, als befänden sich die staatlichen Behörden in Geiselhaft der Pharma.
In den USA haben die Behörden tatsächlich nichts zu sagen, namentlich, wenn es um die Festsetzung von Medikamentenpreisen geht – und der Richtpreis für neue Medikamente wird grundsätzlich in den USA festgelegt. Bevor die Medikamentenpreise zu explodieren begannen, gab es in den USA eine Preiskontrolle. Doch seit die Pharmamultis als Hauptsponsoren die Wahlkampagnen von George Bush senior und junior finanzierten, dürfen sie die Preise selber bestimmen. Denn die beiden Bushs haben als Dankeschön alle Preiskontrollen abgeschafft.

Zurück zu Kolumbien: Das Glivec-Patent läuft sowieso nächstes Jahr ab, und bereits hat Novartis ein Generikum auf dem Markt, das zweistellige Wachstumsraten verzeichnet. Warum lässt man die Generika in Kolumbien nicht einfach jetzt schon zu?
Grundsätzlich versuchen die grossen Pharmakonzerne, ihre eigenen Generika relativ teuer zu halten im Vergleich zu anderen, um die Kontrolle des Markts zu behalten. Hinzu kommt im Fall von Kolumbien, wo der Markt für Novartis überhaupt nicht wichtig ist, dass dieser Versuch auf keinen Fall Schule machen darf. Denn die Wachstumsrate von Krebs in den Entwicklungsländern ist enorm hoch – Krebs ist dort schon bald das Gesundheitsproblem Nummer eins. Und die Pharma will nicht, dass der Fall Glivec zum Präzedenzfall wird für künftige Krebsmedikamente, an denen sie noch mehr verdienen kann. Denn so könnte ihr ganzes System zusammenkrachen. Davor hat sie Angst.

Franco Cavalli (73) ist Chefarzt für Onkologie im Spital Bellinzona und renommierter Krebsforscher.

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