Wie man als schwuler Jamaikaner in der Fantasy Zuflucht findet. Eine Begegnung mit «Dark Star»-Autor Marlon James.

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Marlon James
Ist einem Erzähler einfach so zu vertrauen? Marlon James fordert in seinen Romanen die Urteilskraft der Leser:innen heraus. Foto: Florian Bachmann

Ein Roman von Salman Rushdie war es, voll kühner Prosa, pointierter Politik und blanker Wut, der Marlon James erkennen liess, dass die Gegenwart etwas ist, aus dem man sich herausschreiben kann. Auf die Frage, was denn das Problem an der Gegenwart sei, dass man sich aus ihr herausschreiben müsse, entgegnet James amüsiert: «Die Gegenwart – oder meine

Seine Gegenwart, als er damals Rushdies «Scham und Schande» las, sei die eines depressiven jungen Mannes gewesen, der sich von der homophoben Kultur Jamaikas unterdrückt fühlte, wo Homosexualität mit bis zu zehn Jahren Zwangsarbeit bestraft werden kann und wo auch kreative Berufe kaum angesehen sind. «Mir wurde beigebracht, dass die Kunst ein direkter Weg in die Armut ist. Dass man nebst einer schriftstellerischen Tätigkeit mindestens noch Anwalt oder Arzt sein müsse.» Als ihm klar wurde, dass er die Person, die er sein wollte, in Jamaika nicht werden würde, wusste er, dass er wegmusste – sei es «im Flugzeug oder im Sarg». Er entschied sich für Ersteres, ging nach New York und wurde Schriftsteller.

Vielstimmig und komplex

«Ich glaube, es war Jean Rhys, die kolonial-karibische ­Autorin von ‹Die weite Sargassosee›, die sagte, dass man Dinge über-schreiben oder weg-schreiben kann. Ich hatte das lange nicht begriffen: dass ich mich buchstäblich woandershin schreiben kann», sagt James. Einfach war es nicht. Sein erster Roman, «Der Kult» (2005), der von ­einem biblisch anmutenden Konflikt zwischen zwei Priestern in einer jamaikanischen Kleinstadt in den fünfziger Jahren handelt, wurde von siebzig Ver­le­ger:in­nen abgelehnt. Sein zweiter Roman, «The Book of Night Women» (2009), spielt während der Zeit der Sklaverei. James bricht darin mit den gängigen Erzählmustern der Sklaverei­literatur, ausserdem ist die Erzählstimme vollständig im Sklav:innen­dialekt verfasst. «Eine kurze Geschichte von sieben Morden» (2014), mit dem James den renommierten Man-Booker-Preis gewann, porträtiert anhand eines Mord­versuchs an Bob Marley die jamaikanische Gesellschaft der Jahre 1976 bis 1991. Nicht weniger als fünf Über­setz­er:in­nen haben die deutsche Ausgabe des vielstimmigen Werkes erarbeitet.

Erstauntes Naserümpfen

Seither wird James als einer der bedeutendsten Literaten seiner Generation gehandelt. Um dann das wohl am wenigsten Naheliegende überhaupt zu tun: Er begann, an ­einer Fantasytrilogie zu arbeiten, die in einem vorhistorischen, mythologischen Afrika spielt. Die Reaktionen der Literaturkritik bewegten sich zwischen erstauntem Nase­rümpfen und unverhohlener Entrüstung. Dass ein Autor, der eben erst mit den höchsten literarischen Weihen ausgezeichnet wurde, ausgerechnet in die künstlerisch kaum respektierte, weil als eskapistisch verrufene Fantasy wechselt, schienen manche fast als Beleidigung zu empfinden.

«Sie kann mehr sein, aber auch weniger», sagt James. «Wenn die Leute über Fantasy sprechen, meinen sie ja meistens die europäische Version, samt ihren Stereo­typen. Der nordischen Mythologie, auf die sich viele dieser Geschichten beziehen, wird zum Beispiel immer wieder nachgesagt, dass sie rassistische Stereotype begründe. Aber am Ende zeigt das ja nichts anderes, als dass sich kaum jemand von diesen Leuten näher mit der nordischen Mythologie befasst hat.»

Zudem spreche – und das wäre ihm wohl nicht so deutlich aufgefallen, wenn er sich nicht mit afrikanischer Mythologie beschäftigt hätte, so James – das Fantastische immer auch von der Gegenwart. Mit «Der Herr der ­Ringe» etwa habe Tolkien auf die einzige Weise, zu der er sich befähigt fühlte, vom Ersten Weltkrieg und von dessen unbeschreiblichen Grausamkeiten erzählt: mit erfundenen Sprachen, Zauberern, Zwergen und Orks. Welterschliessung über den Umweg durch das ganz Andere also.

«Auch Mythologie und Religion haben nie etwas anderes gemacht, als Dinge zu beschreiben, die sich dem Verstand entziehen», sagt James. «Es dreht sich dabei immer um die grossen Fragen. Deshalb ist Fantasy eigentlich das Gegenteil von Eskapismus: Es geht darum, sich der Realität zu stellen oder sie zumindest besser zu verstehen.» Die Gegenüberstellung von fantastischer und realistischer Literatur hält James, der seine vielseitige Belesenheit auch im Podcast «Marlon and Jake Read Dead People» beweist, für Unsinn: «In realistischer Literatur findet man keine Leute wie mich. Wenn ich etwa eine Romanserie lese, die im Mittleren Westen der USA spielt, kommt da keine einzige Schwarze Person vor. Und all diese durchschnittlichen Typen, mit einer Frau und drei Affären? Ich denke mir dann nur: Dude, du bist bloss ein Steuerinspektor! Kein Supermodel wird bei dir vorbeikommen, um dir den Bierbauch zu kraulen, während deine Frau nichts davon merkt. Wenn das keine Fantasy ist, weiss ich auch nicht, was es sein soll.»

Spekulation ohne Technologie

Am Ende würden wir doch alle einfach irgendwo hinflüchten wollen, sagt James, irgendwo auch noch ein anderes Leben leben. Er selber habe das auch getan, bevor er anfing zu schreiben. Flucht. Die grossen Dinge erklären. «Ich kenne Leute, die Fantasy lesen, um Verlust und Trauer besser zu verstehen. Oder die Sterblichkeit. Oder sie lesen Fantasy, um eine Welt zu sehen, die besser ist als die unsere, in der die unterschiedlichsten Wesen friedlich miteinander auskommen.» Ausserdem würden wir Drachen wohl auch einfach «cool» finden: «Wir mögen Hexen und Dinge, die in der Nacht herumschwirren. Das sind vermutlich unsere heidnischen Urinstinkte.»

Doch weshalb muss Fantasy immer eine vergangene Welt imaginieren? Weshalb lässt er die Handlung der «Dark Star»-Romane, deren narrative Kniffe mehr als modern wirken und deren Monster direkt einem Superheldencomic entsprungen scheinen, nicht in der Gegenwart spielen? «Fantasy will spekulieren, ohne auf Technologie zurückzugreifen – auch wenn Keule, Pfeil und Bogen streng genommen auch Formen von Technologie sind.» Er selbst versuche mit den «Dark Star»-Romanen, die Geschichte Afrikas aus einem Blickwinkel zu betrachten, der einer immer noch kolonialen Betrachtung des Kontinents entgegenlaufe. «Bisher hatte die eurozentrische Geschichtsschreibung ein Monopol auf die Vergangenheit. Historische Studien über Afrika sind, zumindest wenn sie vor 1975 geschrieben wurden, im Grossen und Ganzen unbrauchbar.»

Viel weniger eindeutig

Eine bittere Ironie also, dass James’ Fantasy den Kontinent besser begreift, als es die seriöse Geschichtsschreibung lange getan hat. Wie in allen seinen Büchern gibt James auch in seinen «Dark Star»-Romanen jenen eine Stimme, die nie eine hatten. «Ob man diesen dann glaubt, ist natürlich eine andere Frage», wendet er aber selbst ein.

Überhaupt sei es ein interessanter Aspekt mündlicher Überlieferung, dass diese moralisch meist viel weniger eindeutig daherkomme als die schriftliche: «Einem Zuhörer wird ein viel höheres Mass an Urteilsvermögen abverlangt als einem Leser. Das passt überhaupt nicht zu der Ansicht, dass orale Kulturen ‹primitiver› seien.» So werde auch eine jamaikanische Volkserzählung in der Regel vom Erzähler mit der Frage beendet: «Und, habt ihr mir geglaubt?» Und die Antwort laute meist: «Nein, aber erzähl uns noch etwas.»

Die «Dark Star»-Trilogie folgt dieser Tradition bis ins Äusserste – allerdings stets etwas anders, als man er­wartet hätte. Alle drei Teile erzählen im Wesentlichen dieselbe Geschichte von der Suche nach einem Kind, das ein «nördliches Königreich» aus einer Jahrhunderte wäh­renden Düsternis aus schwarzer Magie, Hexenverfolgung und politischer Korrup­tion herausführen soll. Doch sie tun dies aus derart unterschiedlichen Perspektiven, dass man am Ende überhaupt keine ­Ahnung mehr hat, wer da jetzt die Bösen und wer die Guten waren. Auf eindeutige Hinweise, wem man eher Glauben schenken darf, verzichtet James vollständig – auch um die unbewusste Überzeugung zu untergraben, dass einer Er­zäh­ler:in­nen­stimm­­­­­­­­­e grundsätzlich zu trauen ist. Die westliche Fantasy dagegen, sagt James, sei seit jeher mit christlichen Moral­vorstellungen verknüpft, Gut und Böse blieben stets relativ klar definiert. Und dass da das Gute am Ende obsiege, stehe meist ausser Frage.

Queeres Afrika

Musste er sich gegen diesen Einfluss zur Wehr setzen? «Oh ja, jeden Tag! Gerade weil ich ja auch christlich erzogen wurde, und das noch in kolonialer Ausprägung.» Diese ganzen Tropen vom edlen Ritter, der das Fräulein in Not rettet, oder eben auch vom magischen Kind, das alle erlösen wird, bekomme man kaum aus dem erzählerischen Gedächtnis. «Ich habe dann ein wenig getrollt: Das Kind ist bei mir einfach ein Freak. Diese Idee, alle Hoffnung und Träume in ein Wesen zu setzen, das sich nicht mal selbst den Arsch abwischen kann, ist ja auch lächerlich.» Deswegen macht James auch gleich am Anfang von «Schwarzer Leopard, roter Wolf», dem Auftakt der «Dark Star»-Trilogie, mit dieser Erlösungs­fantasie kurzen Prozess. Der Roman beginnt mit dem Satz: «Das Kind ist tot.»

Bei den Recherchen zu seinem Romanzyklus sei er auch auf Unerwartetes gestossen, erzählt James: Wenn man sich afrikanische Mythologien anschaue, dann merke man, wie vieles anderswo verloren gegangen sei. Die Sagen Afrikas seien erstaunlich divers und extrem gut darin, alle Formen von Queerness einzugliedern. Er sei gewiss nicht nach Afrika gegangen, um Akzeptanz als ­schwuler Mann zu suchen – aber gefunden habe er sie dort trotzdem. «Viele der Werkzeuge, die uns helfen können zu verstehen, wohin die Welt sich bewegt, haben wir bereits.»

Oder zumindest hatten wir sie einmal: «Das Heilige Römische Reich verbrannte einfach alles, das ihm nicht passte, auf dem Scheiterhaufen. Die Welt, wie wir sie heute sehen, entstand durch ein unfassbares Mass an Brutalität, Grausamkeit und Zerstörung.» Die meisten der Mythen, die übrig blieben, seien korrumpiert und würden enge, rassistische und ausschliessende Weltbilder in die Gegenwart weitertragen. Wenn es also neue braucht, wäre es sicher ein Fehler, ihren Schöpfer:innen nicht zuzuhören. Ob man ihnen dann aber auch glaubt, müssen alle selbst entscheiden.