Der Krieg in der Schweiz
Ein Zweig hängt in ihrem Haar; eine Ameise kriecht über ihre Schläfe; eine Träne kullert aus ihrem Auge. Eben erst ist Emma ausgelassen den Hügel hochgerannt, nun sitzt sie hier und blickt verstört ins Leere. Die Kamera hält nah auf ihr Gesicht, dieses Gesicht, das den ganzen Film trägt: In einem Blick von ihr, einem Augenaufschlag oder einem Zusammenkneifen der Lippen spiegeln sich der ganze Schmerz, die Wut, aber auch die Entschlossenheit, die diese junge Frau in sich trägt.
Es ist das Jahr 1943. Die fünfzehnjährige Emma, brillant gespielt von der Französin Lila Gueneau, lebt mit ihrem Vater und den beiden kleinen Schwestern im Jura, nah der französischen Grenze. Die Mutter ist in die Stadt gezogen, Emma hilft, die Familie über Wasser zu halten: Sie arbeitet im Haushalt des Pfarrers, zu Hause bestickt sie Tücher. Sie ist schweigsam, clever und ausdauernd. Sie will Krankenschwester werden. Doch ihre Träume werden zerstört von dem Mann, der sie vergewaltigt. Als sie bemerkt, dass sie schwanger ist, sucht sie entschlossen nach einem Ausweg.
Regisseurin Marie-Elsa Sgualdo gibt mit «À bras-le-corps» einen feinfühligen Einblick in das Leben einer jungen Frau während des Krieges – es könnte das Leben vieler gewesen sein. Wie nebenbei zeigt sie, wie der Krieg immer wieder in den Alltag der vermeintlich neutralen Schweiz dringt. Da sind die Radionachrichten, die beim Pfarrer laufen, oder die Stimmen von Verfolgten, die Emma nachts an ihrem Haus nahe der Grenze vorbeiziehen hört; da sind die deutschen Soldaten, die plötzlich auftauchen, und die Schweizer Soldaten, die einen Geflüchteten verfolgen – und da ist die Waffenfabrik, in der dann auch Emma arbeitet.
Ebenfalls wie nebenbei zeigt Sgualdo in kleinen Szenen, wie die Frauen sich, oft wortlos, verbünden. Etwa als Emma in der Fabrik vom Chef belästigt wird – und er sofort von ihr ablässt, als eine Arbeitskollegin laut die Munition fallen lässt.
«À bras-le-corps. Silent Rebellion». Regie: Marie-Elsa Sgualdo. In: Solothurn, Landhaus, Fr, 23. Januar 2026, 20.30 Uhr, und Reithalle, So, 25. Januar 2026, 16.30 Uhr. Ab 29. Januar 2026 im Kino.