Wer ist hier die Pflanze?
Der Mensch ist ein narzisstisches Geschöpf. Was nicht denkt wie er, spricht und Maschinen baut, wird untersucht und unterworfen, besessen und gegessen. Die apokalyptischen Folgen solch pathologischer Selbstbezogenheit sind bekannt. Und konnte man sich bei Tieren zur Erkenntnis durchringen, dass darunter manche über Individualität, Erinnerungsvermögen und Schmerzempfinden verfügen (ohne dass sich unser Verhalten ihnen gegenüber nennenswert verändert hätte), ist man bei Pflanzen, die bekanntlich weder davonlaufen, schreien noch traurig dreinblicken können, von solcher Einsicht weit entfernt.
Hier setzen Regisseurin Antshi von Moos und ihre Protagonist:innen in «Unter Pflanzen» an. Darin sieht man etwa ein Forschungsteam der ETH der gar nicht unwesentlichen Frage nachgehen, weshalb Pflanzen zu blühen beginnen, nachdem ihre Blätter von einer Hummel angekaut wurden. Dabei stellt sich nicht nur heraus, dass zwischen Pflanze und Insekt eine komplexe Form von symbiotischer Kommunikation stattfindet, sondern auch, dass die Pflanze ihr so gewonnenes «Wissen» an ihre Umwelt weitergibt: chemisch, olfaktorisch, akustisch. Pflanzen, so wisse man mittlerweile, nehmen ihre Umwelt über ungefähr zwanzig verschiedene Sinne wahr.
Durchaus wohlwollend veranschaulicht der Film, wie langwierig und unvollkommen dagegen die wissenschaftliche Methode ist; deren auf fünf Sinne beschränkte Akteur:innen sind ihren menschlichen Eigenheiten und dem Zufall unterworfen. Die Einsicht nämlich, ist keinesfalls neu: dass die gedankliche (und in vielen Belangen auch praktische) Abspaltung des Menschen von der «Natur» eine absurde, wenn nicht zerstörerische ist – und wir besser daran täten, «dieses unendlich komplexe Netzwerk», in dem sich alles Lebendige befindet, nicht auf seine mechanischen, produktiven Eigenschaften zu reduzieren. Im Film wird sie von der Biologin Florianne Koechlin ausformuliert. Arbeiten des Künstler:innenpaars Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger machen sie in intensiv-schönen audiovisuellen Sequenzen auch sinnlich erfahrbar.
«Unter Pflanzen». Regie: Antshi von Moos. In: Solothurn, Landhaus, Sa, 24. Januar 2026, 9.30 Uhr, und Palace, Mo, 26. Januar 2026, 20.30 Uhr.