Für die Menschlichkeit Der Genfer Nicolas Wadimoff filmte immer wieder in Palästina und Israel. Mit Geflüchteten aus Gaza musste er nun in Südafrika drehen.

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Portraitfoto von Nicolas Wadimoff
«Es gibt eine diabolische Tendenz, die Leute aus Gaza als weniger menschlich darzustellen»: Nicolas Wadimoff. Foto: Akka Films

«Meine Familie bat mich, ins Auto zu steigen», erzählt Jawdat Khoudary mit verzweifelter Stimme. «Es hiess fliehen oder sterben. Also ging ich. Und das wars.» Seine Gegenüber hören wortlos und empathisch zu. Bald werden sie ebenfalls Zeugnis ablegen. Auf dem Tisch zwischen ihnen: die Landkarte Gazas, die sie gemeinsam aus dem Gedächtnis mit weisser Kreide gezeichnet haben. Hier waren einst ihre Häuser, Gärten, Atelierräume mit Sicht aufs Meer. Jetzt ist alles zerstört.

Der Tisch ist spärlich beleuchtet, rundherum alles abgedunkelt. Eine provisorische Kulisse für eine Begegnung unter Menschen, die dem Tod nur knapp entkommen sind. Im Lauf des Films werden sie eine noch grössere Karte auf den Boden zeichnen und sich darauf hin und her bewegen, um im Kollektiv ihre schmerzhaftesten Erinnerungen heraufzubeschwören und vielleicht ein Stück weit zu bewältigen.

«Qui vit encore» heisst dieser neue Dokumentarfilm von Nicolas Wadimoff: Wer noch lebt. Der Genfer Filmemacher und Produzent hat ihn im Spätsommer 2024 gedreht, in einem Filmstudio in Johannesburg. Eigentlich hatte er die Gespräche mit den Überlebenden aus Gaza im Théâtre de Vidy in Lausanne aufnehmen wollen, doch knapp vor Drehbeginn wurde diesen die Einreise verweigert mit der Begründung «Migrationsrisiko» – obwohl die Produktionsfirma mit hohen Kautionssummen für sie gebürgt hätte.

Zu diesem Zeitpunkt lebten Wadimoffs Protagonist:innen mit provisorischen Aufenthaltspapieren in Ägypten. Sie waren aus dem Gazastreifen geflüchtet, kurz bevor die ­israelische Armee im Mai 2024 den Grenzübergang bei Rafah schliessen liess. Südafrika war fast das einzige Land, das sie ohne Visum bereisen durften. Dass sie auf der Suche nach einem Ort der Reflexion fernab ihrer Heimat ausgerechnet im ehemaligen Apartheidstaat gelandet waren, ist für Wadimoff treffend: «Das historische Bewusstsein des Umfelds hat uns ermöglicht, unsere Betrachtungen auszuweiten.»

Wie ein Abgrund

Mit Jawdat Khoudary drehte er nicht zum ersten Mal. Der erfolgreiche Bauunternehmer und Kunstmäzen aus Gaza-Stadt hat dort mehrere international bekannte Projekte ins Leben gerufen, darunter einen weitläufigen botanischen Garten und ein Archäologiemuseum mit unzähligen Gegenständen aus der eigenen Sammlung. Wadimoff kannte ihn flüchtig, als er Khoudary für seinen Dokumentarfilm «L’Apollon de Gaza» (2018, in Zusammenarbeit mit Béatrice Guelpa) über die Archäologieszene in Gaza interviewte. Daraus entstand eine Freundschaft. Im Frühling 2024, als Wadimoff für seine TV-Dokumentation über das Hilfswerk UNRWA in Kairo war, traf er Khoudary erneut.

«Unbeschreiblich» nennt er dieses Wiedersehen nur wenige Wochen nach Khoudarys Flucht mit seiner Familie: «In einem solchen Zustand hatte ich ihn noch nie gesehen. Körperlich war er noch derselbe, doch innerlich wirkte er wie tot», sein Lebenswerk sei unwiederbringlich zerstört. Erst am Abend nach ihrem Gespräch konnte Wadimoff beginnen, seine Eindrücke einzuordnen: «Es war wie ein Abgrund. Es hat mich erschüttert und zurückgeworfen auf meine Erinnerungen, wie ich Claude Lanzmanns ‹Shoah› schaute oder die Filme von Rithy Panh über die Verbrechen der Roten Khmer. Das sind Momente, in denen man plötzlich mit dem Unaussprechlichen konfrontiert wird. Man spürt, dass diese Menschen etwas gesehen haben, etwas erlebt haben, das, wie soll ich das sagen, der Finsternis angehört.»

Filmstill: Haneen Harara
Haneen Harara, eine der aus Gaza Geflüchteten in Nicolas Wadimoffs Film. Still: Akka Films

Die Gespräche mit seinem Freund hätten ihn ganz anders mitgenommen als die Berichterstattung in den Nachrichten oder die unzähligen Beiträge in den sozialen Medien: «Solche Bilder wirken abstossend, führen oft zu Abwehrreaktionen. Jawdats Erzählungen hingegen gingen mir unter die Haut und gaben mir das Gefühl, etwas vom Bösen gespürt zu haben.»

In diesem Augenblick verstand Wadimoff, dass er diese Erzählungen dringend festhalten sollte. Dank Khoudarys Beziehungsnetz fand er weitere Protagonist:innen für sein Projekt, darunter einen jungen Musiker, einen Künstler, einen Schriftsteller mit seiner kleinen Tochter, eine Influencerin, eine Journalistin, ein Schulmädchen und die Leiterin einer Brustkrebsstiftung. Wadimoff fiel rasch auf, dass es eher gut situierten Menschen gelang, aus Gaza zu entkommen. Trotz seiner anfänglichen Sorge, sein Film könnte dadurch «zu bürgerlich» werden, merkte er, dass solche Leute aus der gebildeten Mittelschicht auch ein Vorteil für sein Projekt sein könnten: «Es gibt eine diabolische Tendenz, die Leute aus Gaza als weniger menschlich darzustellen und ihnen dadurch die Empathie zu verweigern. Mir war wichtig, dass sich das Publikum mit ihnen identifizieren kann.»

Nichts ausser Erinnerung

Wadimoff ist seit rund dreissig Jahren immer wieder als Filmemacher im Nahen Osten unterwegs. So hat er etwa «Aisheen. Still Alive in Gaza» (2010) gedreht, eine Alltagsbeobachtung unmittelbar nach dem Gazakrieg von 2008/09. Für eine zweiteilige Dokumentation über die versuchte Genfer Friedensinitiative hatte er zuvor über Jahre palästinensische, israelische und schweizerische Initiant:innen begleitet («L’Accord», 2005 und 2007). Doch für diesen neuen Film musste er zusammen mit seinem Team und seinen Protagonist:innen nach einer Bildsprache und einer Erzählstruktur suchen, die dem Thema annähernd gerecht werden konnten.

Die Bilder sollten würdevoll sein, ohne zu beschönigen, erklärt Wadimoff: «Aus dem Korpus der Interviewfilme über Völkermorde, wie Lanzmanns Werk oder die Dokumentarfilme über Srebrenica, Ruanda oder Kambodscha, wird klar, dass es da nicht nur ums Töten geht, sondern auch um eine Auslöschung.» Um dies zu unterstreichen, haben sie sich entschieden, so gut wie keine Archivaufnahmen zu verwenden, die das Vorher zeigen würden. «Qui vit encore» besteht fast ausschliesslich aus Zeug:innenaussagen und konstruiert sich aus Erinnerung: an die Verwandten, um die sie trauern, wie ihre Häuser ausgesehen hatten, die zerstört wurden, wie es sich anfühlte, inmitten von Tod und Verwüstung die Bombardierungen knapp zu überleben. Und wie das Leben nun weitergehen könne.

Filmstill aus «Qui vit encore»: die Protagonist:innen stehen auf einer mit Kreide gezeichneten Karte von Gaza
Schmerzhafte Erinnerungen im Kollektiv: Die Protagonist:innen von «Qui vit encore» auf einer mit Kreide gezeichneten Karte von Gaza. Still: Akka Films

Er habe keinen polemischen Film machen wollen, sagt Wadimoff, sondern einen humanistischen. Nach der Weltpremiere in Venedig und Festivals von São Paulo und Kairo bis Tbilissi steht nun der Kinostart in der Schweiz bevor, direkt nach der hiesigen Premiere in Solothurn. An den Filmtagen wird auch Wadimoffs TV-Dokumentation «UNRWA. 75 ans d’une histoire provisoire» (in Koregie mit der französischen Journalistin Lyana Saleh) nochmals zu sehen sein. Die komplizierte Geschichte des umstrittenen Hilfsprogramms wird darin in sehr differenzierter Weise von Befürworter:innen wie von Kritiker:innen erzählt.

Mit seiner Produktionsfirma Akka Films pflegt Wadimoff enge Beziehungen zu Kolleg:innen in Palästina, Israel, Frankreich – und auch in Kanada, wo er Ende der achtziger Jahre die Filmschule in Montreal besucht hatte. Mit Nachwuchsfilmer:innen aus dem Westjordanland und aus Gaza hat er wiederholt Workshops durchgeführt. Dennoch stellt sich Wadimoff gerade die Frage, für wen er Filme macht und wem diese nützen könnten. «Ratlos» sei er angesichts der neusten militärischen und humanitären Katastrophen. «Der Westen hat sich in einer ganzen Reihe von Fällen auf der falschen Seite der Geschichte positioniert und mit seiner Doppelmoral seine Glaubwürdigkeit verspielt, wohl für immer. Uns bleibt nur, unsere eigene Menschlichkeit zu wahren.» Darum habe er «Qui vit encore» gemacht: «Ich wollte, dass wenigstens diese Spur davon bleibt.»

«Qui vit encore». Regie: Nicolas Wadimoff. In: Solothurn, Landhaus, Do, 22. Januar 2026, 20 Uhr, und Konzertsaal, Di, 27. Januar 2026, 9.15 Uhr. Ab 5. Februar 2026 im Kino.

«UNRWA. 75 ans d’une histoire provisoire». Regie: Lyana Saleh und Nicolas Wadimoff. In: Solothurn, Uferbau, Do, 22. Januar 2026, 13 Uhr. Im Streaming auf Playsuisse.