«Holy Spider» : Wenn ein Frauenmörder als Volksheld gefeiert wird

Nr.  2 –

Der Iraner Ali Abbasi erzählt in seinem neuen Spielfilm die wahre Geschichte eines religiösen Serienmörders – und gibt Einblick in den realen Horror einer Gesellschaft, die auf Hass und Gewalt gegen Frauen gebaut ist.

Still aus dem Film «Spinnenmörder»
Selbstbewusst, ehrgeizig und mutig: Die Journalistin Arezoo Rahimi (Zar Amir Ebrahimi) hofft, den «Spinnenmörder» zu finden, bevor er weitere Frauen umbringt. Still: Xenix Filmdistribution GmbH


Ein Mörder versetzte eine Stadt in Angst: Zwischen Juli 2000 und Juli 2001 wurden in der iranischen Pilgerstadt Maschhad sechzehn Sexarbeiterinnen getötet. Der Mörder erwürgte die Frauen mit ihren Kopftüchern und warf die Leichen, in ihre Tschadors gewickelt, an den Strassenrand. Der Fall sorgte international für Schlagzeilen, erst nach einem Jahr wurde der Mörder verhaftet: Saeed Hanaei, ein religiöser Fanatiker und Kriegsveteran. Der unscheinbare Bauarbeiter hatte sich zum Ziel gesetzt, die Stadt von allen «sündigen» Frauen zu säubern, die aus seiner Sicht eine Schande für das Land waren.

Was jedoch nach seiner Verhaftung folgte, gibt tiefe Einblicke in ein Land, in dem Hass und Gewalt gegen Frauen nicht «nur» zum Alltag gehören, sondern in dem die gesamte Gesellschaft auf Misogynie aufgebaut ist. So befanden erschreckend viele Iraner:innen, dass es richtig gewesen sei, was Hanaei gemacht hatte: Sie bejubelten seinen Kampf gegen «moralischen Abschaum». Der «Spinnenmörder», wie er von der Presse genannt wurde, weil er seine Opfer in seine Wohnung lockte und dort erwürgte, habe seine religiöse Pflicht wahrgenommen, indem er Sexarbeiterinnen getötet habe.

Genau an dieser Stelle habe sein Interesse an der Geschichte begonnen, sagt der in Dänemark lebende iranische Regisseur Ali Abbasi, dessen neuster Film «Holy Spider» auf dem Fall basiert: «Er hatte so viele Frauen getötet, und die Menschen debattierten darüber, ob er etwas Falsches gemacht hatte oder nicht.»

Nach seinem Horrormärchen «Gräns» erzählt Abbasi erneut eine verstörende Horrorgeschichte, diesmal nach wahren Begebenheiten. In wunderschön düsteren Bildern, die an einen Film noir erinnern, begleitet «Holy Spider» den Mörder Saeed Hanaei (Mehdi Bajestani) und parallel dazu die Journalistin Arezoo Rahimi (Zar Amir Ebrahimi), bis sich ihre Wege schliesslich kreuzen. Weitere Protagonistin im Film ist die Stadt. Zwar konnte Abbasi nicht in Maschhad selber drehen, sondern musste nach Jordanien ausweichen, doch laut der Hauptdarstellerin Amir Ebrahimi würden selbst Iraner:innen denken, der Film sei in Maschhad entstanden. Die Stadt erhält viel Raum, die Kamera fährt oft bei Nacht langsam durch die spärlich beleuchteten Strassen, streift über einsame Menschen und folgt Rahimi oder Hanaei durch menschenleere Gassen.

Letzterer fährt regelmässig mit seinem Mofa in der Dunkelheit durch die Stadt. Gezielt spricht er am Strassenrand Sexarbeiterinnen an, fährt mit ihnen zu sich nach Hause, wo er sie erdrosselt. Die Kamera ist stets nah an ihm dran und zeigt seine Taten in Nahaufnahme und voller Länge – was schwer auszuhalten ist. Regisseur Abbasi zeigt den Mörder auch in seinem Alltag, als schweigsamen Ehemann und betenden Vater sowie als fleissigen Arbeiter.

Gesellschaft am Abgrund

Demgegenüber steht die Journalistin für alles, was Männer wie Hanaei fürchten und verachten: Rahimi ist selbstbewusst, alleinstehend, gut aussehend, ehrgeizig und mutig. Sie kommt allein nach Maschhad, um über die Mordserie zu berichten, in der Hoffnung, den Täter zu finden. Täglich muss sie in dieser von Männern bestimmten Gesellschaft Schikanen über sich ergehen lassen. Im Hotel will der Angestellte ihr zuerst kein Zimmer vermieten, weil sie unverheiratet ist, später wird ein Polizist in ihrem Hotelzimmer zudringlich, und ihren vorherigen Job hat sie verloren, weil sie die Übergriffe ihres Chefs gemeldet hatte. Immer wieder wird im Film schmerzhaft vermittelt, wie wenig eine Frau im Iran wert ist und wie respektlos und mit welcher Verachtung Frauen behandelt werden. Als Rahimi der Mutter einer der getöteten Frauen anbietet, mit ihr zur Polizei zu gehen, um den Mord zu melden, bringt diese die Misere auf den Punkt: «Wie dumm bist du? Er säubert für sie die Strassen. Denkst du wirklich, sie verhaften ihn?»

Abbasi zeigt auf, was diese frauenverachtende Gesellschaft mit den Menschen macht – mit den Frauen und den Männern. Er habe nicht einen Film über einen Serienmörder machen wollen, so der Regisseur, sondern über eine Serienmördergesellschaft. Wie weit am Abgrund diese Gesellschaft mittlerweile steht, hat die brutale Reaktion des Regimes auf die aktuellen Aufstände gezeigt, mit Gewaltexzessen, Mord und Totschlag, Vergewaltigungen in Gefängnissen und Todesurteilen in Scheinprozessen.

Flucht nach Sexvideo

Auch die Hauptdarstellerin Zar Amir Ebrahimi musste die Hetze gegen sie als Frau am eigenen Leib erfahren. Als Protagonistin in der ersten iranischen Daily Soap «Nargess» (2006) war sie einst ein nationaler Star. Doch kurz nach der Ausstrahlung der letzten Episode wurde ein privates Video publik, das sie und einen Mann beim Sex zeigte. «Es war das Ende meiner Karriere. Das Ende meines bisherigen Lebens», sagte die heute 41-Jährige im November 2022 in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung». Alle hätten sich das Video angeschaut, auch vermeintliche Freund:innen. Im Iran ist ausserehelicher Sex verboten.

Sechs Monate lang wurde Amir Ebrahimi täglich während Stunden verhört. Sie stritt ab, dass sie die Frau im Video gewesen sei, um ihre Familie zu schützen. Doch: «Es macht etwas mit einem, wenn man immer lügt. Man beginnt irgendwann, sich selbst zu hassen. Aber ich sah keine andere Möglichkeit.» Am Tag des Prozessbeginns floh sie nach Frankreich, wo sie noch heute lebt. Sie wurde in Abwesenheit zu 99 Peitschenhieben und zehn Jahren Berufsverbot verurteilt. Ausserdem wurde ein Gesetz erlassen, das ermöglicht, dass man für die Produktion sexuell freizügiger Medien, selbst für den Privatgebrauch, zum Tod verurteilt werden kann.

Für ihre Leistung in «Holy Spider» wurde Amir Ebrahimi in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet, und tatsächlich ist sie ein Glücksfall für den Film. Dabei war es Zufall, dass sie die Rolle überhaupt bekommen hatte, denn eigentlich war sie als Casterin engagiert gewesen. Das Casting dauerte über drei Jahre, am längsten hätten sie nach der Hauptdarstellerin gesucht, so Amir Ebrahimi. Doch als diese endlich gefunden war, zog sich die Schauspielerin eine Woche vor Drehbeginn zurück – aus Angst, dass sie nach diesem Film nie mehr im Iran arbeiten könnte, da der Film auch Szenen mit Frauen ohne Hidschab vorsah. So sprang Amir Ebrahimi ein – die sich überzeugend als vom Leben gezeichnete, aber doch unglaublich widerstandsfähige Journalistin durch diese Männergesellschaft bewegt.

Wie im Dokumentarfilm

Nach dem iranischen Spielfilm «Killer Spider» (2020) ist «Holy Spider» bereits die dritte Verfilmung der Geschichte des «Spinnenmörders». Schon vor zwanzig Jahren hatte Maziar Bahari mit der Journalistin Roya Karimi den Dokumentarfilm «And Along Came a Spider» gedreht. In diesem erschütternden Zeitdokument führt Karimi ein Interview mit dem zum Tod verurteilten Mörder, der 2002 schliesslich erhängt wurde. Sie befragt aber auch seinen Sohn, seine Ehefrau und weitere Verwandte, trifft Sexarbeiterinnen sowie Angehörige von ermordeten Frauen. Abgesehen von seiner fiktiven Protagonistin stützte sich Ali Abbasi bei seinem Spielfilm weitgehend auf diesen Dokumentarfilm. So sehen manche Protagonist:innen fast gleich aus, ihre Aussagen sind teils dieselben, und Szenen aus dem Dokumentarfilm kommen jetzt auch in «Holy Spider» vor.

Einmal spielt der Sohn des Mörders in der eigenen Wohnung nach, wie sein Vater die Frauen ermordet hat – sowohl im Spiel- wie im Dokumentarfilm eine erdrückende Szene. In nur zwei Stunden habe sein Vater dafür gesorgt, dass eine korrupte Person weniger auf der Welt sei, sagt der Dreizehnjährige in die Kamera. Und: «Wenn mein Vater getötet wird, dann muss ich oder sonst jemand seinen Job weitermachen.» Aussagen wie diese führen einem auf schmerzhafte Weise vor Augen, dass Männer wie Hanaei und ihre Söhne bis heute den Iran regieren.

«Holy Spider». Regie: Ali Abbasi. Dänemark 2022. Jetzt im Kino.

«And Along Came a Spider». Regie: Maziar Bahari. Iran 2002. Der Film ist auf Vimeo zu sehen.